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Donnerstag, 21. November 2019, 06:15

Eine perfekte, alinorische Familie

Gedanken, Briefe und Erzählungen aus dem Hause Elsinian - niederer Adel mit Hauptsitz in Alinor.

Hauptakteure

Sippenfürst Herdalion Caelareth
Oberhaupt des Hauses, Verwalter des Fischerdorfes Sorlenns Ruh, Besitzer der "Artefakterei Elsinian - Accquise, Analyse, Manifaktur und Vertrieb magischer Verzauberungen"


Calinanwe
Ehegattin Herdalions, Herrin der Verträge, Sie-die-alles-sieht-und-hört


Ryvendoril Galencano
Bruder Herdalions, Geschäftsführer der Artefakterei, Freizeitbarde und Weiberheld


Nilquarno Firvanir
Ältester Sohn Herdalions und Calinanwes, Leiter der Werkstatt, Schmied und Verzauberer, neuerdings Ermittler in magischen Angelegenheiten des Thalmor


Cirwynerel Maelin
Jüngster Sohn Herdalions und Calinanwes, Analysemagier der Artefakteri, Heiler und Gildenmagier in Ausbildung



Häufige Schauplätze

Alinorisches Anwesen
Am Rande der Stadt gelegen, mehrstöckiges Haus mit angrenzendem Garten und kleinem Nebenhaus, in welchem der Bruder des Sippenfürsten sein Zimmer hat.

Alinorische Werkstatt
Dient den Mitgliedern der Hauptfamilie und einigen Handwerkern aus den Nebenfamilien als Analyse- und Fertigungsstätte für die Artefakterei. Großzügige Ausstattung Schmiedekunst, Schneiderei, Holzverarbeitung und Edelsteinschleiferei.

Schimmerheimer Werkstatt
Deutlich kleinere Version mit eher rudimentärer Ausstattung und Wohnbereich im oberen Stockwerk. Derzeitiger Aufenthaltsort Nilquarnos.

Sorlenns Ruh
Kleines Fischerdorf in einer abgelegenen Bucht zwischen Alinor und Sonnenfeste. Die 'beeindruckende' Domäne des Sippenfürsten. Besteht aus zwei Fischerhütten, einem schlichten Gästehaus, einem kleinen Obst- und Gemüsegarten und einem einfachen Steg. Wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Vahireth« (21. November 2019, 06:43)


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Selena (21.11.2019)

2

Donnerstag, 21. November 2019, 06:20

Aus der Gefangenschaft

Wie der Gong zu Anfang einer Vorführung, verhieß das leise Quietschen der Türe den Beginn seiner ganz persönlichen Glanzstunde der Schauspielerei. Der große Moment war gekommen, die frisch aufgekeimte Entschlossenheit beiseitezuschieben und stattdessen die Jahrzehnte lang gelebte Unterwürfigkeit zum ersten Mal nur zu spielen.

Ryvendoril Galencano en’Elsinian, jüngerer Bruder des Sippenfürsten Herdalion Caelareth en’Elsinian, blickte von seinem Schreibtisch auf, ohne dabei den Kopf allzu sehr anzuheben. Demütig faltete er die Hände im Schoß und begrüßte die hereintretende Wache mit einem leisen »Auri-Els Licht in unseren Herzen.«

Er kannte den anderen Mer nur flüchtig - einer der Jungspunde aus einer der Nebenfamilien des Hauses Elsinian, erst in den letzten Monaten nach Alinor gekommen, um der Hauptfamilie als Wache zu dienen. Ein junger Bursch, sicherlich nicht älter als Ryvendorils jüngster Neffe, noch voller Tatendrang und jugendlichem Eifer.

Und offenbar vollkommen ungeübt im hauseigenen Intrigenspiel.

Der arme Junge war sich offenbar nicht sicher, wie er handeln sollte. Einerseits war es der Bruder seines Sippenfürsten, welcher da vor ihm saß, Mitglied der Hauptfamilie, Sohn des letzten Sippenfürsten, Leiter des Familienbetriebes. Andererseits ... ein Mer, welcher seit nunmehr über einem halben Jahr in diesem Zimmer eingesperrt war, in Ungnade gefallen vor dem Sippenfürsten und seines Status innerhalb des Hauses enthoben.

Mit einem innerlichen Schmunzeln, welches nie sein noch immer demütig herabgeneigtes Haupt erreichte, nahm ihm Ryvendoril die Entscheidung ab, ob er nun mit Respekt oder Verachtung behandelt werden sollte. Er rutschte vom Stuhl, um auf die Knie zu gehen und mit flehendem Blick zu ihm aufzusehen.

»Sippenfürst Herdalion erwartet Eure Anwesenheit im Garten«, versuchte der junge Wächter wohl, mit fester Stimme und entschlossener Autorität zu glänzen, doch die Unsicherheit war deutlich aus seiner Stimme herauszuhören. Demonstrativ nahm er seinen Platz neben der Türe ein und bedeutete dem Gefangenen, nach draußen zu treten.

Nein, ›Gefangener‹ war das falsche Wort. Freilich hielt Haus Elisinian keinen der ihren gegen dessen Willen in seinem Zimmer eingesperrt. Offiziell erzählte man sich sicherlich Geschichten darüber, wie der arme Bruder Herdalions von einer fürchterlichen Krankheit gezeichnet war, bettlägerig und für den Moment nicht zu sprechen. Nein, nein, Mitleidsbekundungen seien nicht angebracht, sicherlich würde sich sein Zustand baldigst verbessern.

Beinahe hätte Ryvendoril bei der Vorstellung hysterisch losgelacht - aber damit hätte er sein Schauspiel ruiniert, und viel zu lange hatte er auf diesen Moment gewartet, um ihn nun mit einer solch närrischen Handlung zu verderben. So rappelte er sich nur rasch auf und folgte dem Deut des Jünglings.



Obgleich ein großzügiges Fenster die Nordseite seines Zimmers dominierte, empfand er das Licht des Magnusrunds als gleißend hell, und für einen Moment lang mußte er die Hand vor die Augen heben, um diesen Linderung zu verschaffen. Nach sechs Monaten in einem kleinen Raum, umgeben von Mauern und dem hölzernen Gebälk des Daches, drohte ihn zudem die unendliche Weite des Firmaments beinahe zu erdrücken, und rasch senkte er den Blick, um sich nicht in der Aussicht auf Alinor zu verlieren, die ihn von seiner Seite des Gartens aus zurück im Leben begrüßte.

»Der Sippenfürst wartet ...« Wieder fehlte es dem Jungen hörbar an Nachdruck, aber Ryvendoril beeilte sich dennoch, den Worten Folge zu leisten. ›Demut‹, ermahnte er sich innerlich zur Ruhe - anstatt dem Impuls zu folgen, dem Wächter mitzuteilen, wohin sein ehrenwerter Bruder sich seine Ungeduld stecken könne.

Ungleich schwerer fiel es ihm, das Schauspiel absoluter Unterwürfigkeit aufrecht zu erhalten, als sie sich der kleinen Überdachung näherten, in welcher der Hausherr für gewöhnlich seine ›Audienzen‹ mit dem niederen Volk abzuhalten pflegte. Der hagere Mer, wie so oft gehüllt ihn sündhaft protzige Kleidung und mit edelstem Schmuck aus der hauseigenen Werkstatt behangen, thronte auf seinem erhöhten Sitz. Er würdigte seinen jüngeren Bruder dabei keines Blickes, schnalzte nur genervt mit der Zunge.



»Ich hätte nicht gedacht, daß du mich noch mit deiner Gegenwart beehren würdest, Ryvendoril. Hattest du wichtigere Dinge zu erledigen, als dich deinem Sippenfürsten zu präsentieren?« Als er bei den schnippischen Worten doch noch den Blick anhob, zeichnete sich kurz darauf eine Spur von Ekel auf dem faltigen Gesicht ab. »Und hat man verabsäumt, dir Rasierklinge und Kamm an dein Krankenbett zu bringen?«

Es kostete den jüngeren Mer alle Kraft, seinem verhaßten Bruder nicht an die Kehle zu springen, sondern nur schweigend vor dessen Schreibtisch auf die Knie zu gehen und den Blick zu Boden zu richten. ›Demut‹, wiederholte er dabei stumm, immer und immer wieder. Herdalion glaubte, auf einen gebrochenen, willenlosen Bruder hinabzusehen, und alles wäre umsonst gewesen, hätte er stattdessen die Wahrheit erkannt.

»Calinanwe«, fuhr der Hausherr nach einigen Momenten fort, »ließ mich wissen, du hättest mir etwas mitzuteilen? Ich bin gespannt Bruder, sie behauptet gar, du hättest deine Verfehlung eingesehen?« Da saß er ... der Mer, der ihn die letzten Monate in seinem Zimmer festgehalten hatte, der Mer, den er über alles haßte.

Der Mer, der ihm sein Kind genommen hatte.

Rasch senkte er den Kopf, um das haßerfüllte Funkeln in den giftgrünen Augen zu verbergen, bis seine Stirn beinahe den kühlen Steinboden berührte. »Herdalion«, krächzte er mit zittriger, rauher Stimme. Wie lange es wohl dauernd würde, bis seine Stimmbänder wieder zu ihrer alten Form zurückkehrten? Zu der dunklen, klaren Singstimme, welche so manche Dame mit ihrer Reinheit zu umgarnen vermochte? »Ich flehe dich um Vergebung an, Bruder. Ich habe Schande über unser Haus gebracht - Lust und körperliche Begierden über das Ansehen unserer edlen Familie gestellt.«

Den Blick mußte er nicht anheben, um die eisblauen Augen Löcher in seinen Kopf bohren zu fühlen. Zweifelte der alte Magier an der Aufrichtigkeit der Worte? Hatte er seinen Bruder durchschaut, vielleicht schon Calinanwe durchschaut, als diese ihm die Bitte um dieses Treffen überbrachte? Ahnte er etwas von dem Komplott, welchen Bruder und Ehefrau gemeinsam gegen ihn am Schmieden waren?

»Es hat reichlich lange gedauert, zu dieser Einsicht zu kommen, Ryvendoril«, kam stattdessen die abfällige Antwort. »Und ich dachte, Cirwynerel sei der Unbelehrbare in dieser Familie?« Bei der Erwähnung seines jüngeren Neffen ballten sich die Hände des Knienden unwillkürlich zu Fäusten. Calinanwe hatte ihm unter Tränen erzählt, wie es um den jüngsten Sohn des Hauses stand, um einen Jungen, den er selbst wie seinen eigenen großgezogen hatte, als dessen Vater nur Kälte und beständige Demütigung für ihn übrig gehabt hatte.



»Ich war ... von Emotionen geblendet, Bruder. Aber ich kenne meinen Platz, und so du es mir gestattest, würde ich diesen wieder einnehmen - nein, mehr noch, dieses Mal mit der notwendigen Ernsthaftigkeit den guten Ruf der Familie aufrecht erhalten. Meinem Haus dienen, wie die Ahnen es vorgesehen haben.« Insgeheim fragte er sich, ob er zu dick auftrug - andererseits, war sein Bruder dies nicht von ihm gewohnt? Ewig der gutgelaunte Dichter, Musiker, Schwerenöter.

»Dann soll ich also bestätigen, daß mein Bruder sich von seiner langen, schweren Krankheit erholt hat und uns demnächst wieder in der Werkstatt zur Verfügung stehen wird? Tatsächlich gibt es einiges zu tun, Ryvendoril, nun da mein Ältester mehr Zeit mit seinem Dienst in schwarzer Uniform verbringt denn im Familienbetrieb.«

Aufregung drohte den jüngern Bruder bei diesen Worten zu ergreifen. Hatte er es geschafft? Hatte er ihn davon überzeugt, geläutert zu sein und mehr denn je seine Rolle als Spielfigur des Sippenfürsten zu akzeptieren? »Ich werde meine Aufgaben so bald als möglich wieder aufnehmen, Herdalion. Nilquarnos Ausbildung zum Leiter des Unternehmens fortsetzen, möglicherweise auch Cirwynerels, nun da er wieder einen Teil seiner Arbeiten aufgenommen hat?«

Eine wegwerfende Geste des Sippenfürsten bedeutete ihm, wie wenig sich dieser um die Arbeitsverteilung innerhalb des Familienunternehmens scherte, solange dieses die Goldbestände des Hauses beständig aufzufüllen vermochte. Von Bedeutung war ohnehin nur, daß der alte Mer offenbar beschlossen hatte, seinem jungen Bruder den alten Platz wieder einzuräumen - ein Umstand, welchen er mit seinen darauffolgenden Worten untermauerte: »Bevor du das Haus verläßt, würde ich dir allerdings einen Aufenthalt an Calinanwes Frisiertisch ans Herz legen. Es wäre unschön, würde man dich auf dem Weg zur Werkstatt in ... diesem Zustand antreffen.«

Ryvendoril senkte nochmals das Haupt tief herab, ehe er sich dann aus dem Knien hochdrückte und eine Verbeugung andeutete. Sein Bruder wiederholte die teilnahmslose Geste, ein Zeichen, sich aus seiner Gegenwart zu entfernen. Und so steuerte der einstige Gefangene auf die Tür zum restlichen Anwesen zu, statt zurück in das trostlose Zimmer zu treten, welches er so lange nicht verlassen hatte. Der zottelige Bart verhüllte das Heben seiner Mundwinkel, als er die ersten Schritte in Freiheit tat und ein einzelner Satz seine Gedanken dominierte:

›Haus Elsinian wird brennen.‹

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Herzmauser (21.11.2019), Selena (21.11.2019), Aykami (24.08.2020)

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Freitag, 22. November 2019, 20:56

Alaxon

Nilquarno mußte den Kopf nicht anheben um zu wissen, wer gerade durch die Tür seiner Werkstatt getreten war. Nicht nur das fehlende Klopfen, auch die Zaghaftigkeit der Schritte verrieten seinen Besucher. Ebenso wie die Tatsache, daß dieser mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt blieb, anstatt weiter ins Innere zu treten.

»Auri-Els Licht in unseren Herzen, Cirwynerel. Komm nur herein.« Behutsam bettete der ältere der beiden Brüder die goldene Ringfassung, an welcher er eben noch gearbeitet hatte, zurück auf den Arbeitstisch. Der Besuch des jüngsten Sprosses seines Hauses überraschte ihn nicht - viel mehr vielleicht sogar, daß dieser zwei volle Tage hatte verstreichen lassen. Schließlich war der Jungmagier nicht unbedingt für seine Geduld bekannt.

»Mh ...«, kam es nur leise vonseiten der Tür, ohne daß sich der Besucher auch nur einen weiteren Schritt ins Innere wagte. Als sich Nilquarnos grüne Augen auf den kleinen Bruder richteten, bot sich ihm ein erschreckender, aber keineswegs unerwarteter Anblick - wie so oft, wenn ihn schwerwiegende Gedanken plagten, hatte er in den letzten Tagen keinerlei Zeit auf sein Äußeres verschwendet. Das Haar hing wild in einem nur locker zusammengefaßten Roßschwanz über die linke Schulter und der Bart hatte durchaus Ähnlichkeit mit seinen einstigen Versuchen, ›unauffällig‹ in einer Stadt voller Diebe und Halunken unterzutauchen.



Mit einem gutmütigen Seufzen verwarf Nilquarno seine Planung, den jungen Gast auf eine Tasse Tee ins Besprechungszimmer einzuladen. Stattdessen bedeutete er ihm mit einem einladenden Lächeln, hinter die Theke in den privaten Bereich der Werkstatt zu folgen.

»Ich ... bin nur hier um ... mir dein Urteil anzuhören.« Da war er wieder, der verunsicherte kleine Junge, der sich verzweifelt um ein möglichst erwachsenes Auftreten bemühte. Unverkennbar die Angst in seiner Stimme, der Blick etwas seitlich zu Boden gerichtet, und dennoch der Versuch, mit großen Worten und stolz durchgestrecktem Rücken Würde zu zeigen. Irgendwann würde er lernen müssen, stattdessen schlicht die Unsicherheit abzulegen.

Anstatt einer verbalen Antwort trat der ältere Bruder dann einfach selbst um die Theke herum, um eine von Cirwynerels Händen zu ergreifen. Erschrocken legten sich die bernsteinfarbenen Augen auf ihn - Berührungen waren seit ihrem Zerwürfnis vor vielen Jahren eine Seltenheit geworden zwischen den beiden Geschwistern, und daran hatten bisher auch nicht die zaghaften Annäherungsversuche der letzten Wochen etwas ändern können. Umso mehr Wert legte er darauf, den Griff fest um die Hand geschlossen zu halten und ihn behutsam in Richtung der Treppen zu führen.

»Ich möchte nur wissen ...«, setzte der Jüngere auf halben Wege ins obere Stockwerk erneut protestierend an, aber ohne jeden Nachdruck und vor allem ohne sich gegen den Griff zu wehren. Er hatte seine Zukunft in die Hände des Bruders gelegt und zeigte sich trotz seiner Sturheit so folgsam wie seit ihrer Kindheit nicht mehr. Nilquarno gestand sich daraufhin einen Funken Hoffnung zu, das schwarze Schaf der Familie vielleicht doch langsam wieder auf den rechten Pfad zurückführen zu können.

Vorerst führte er ihn aber nur in den hinteren Teil des Hauses, in den kleinen aber wohlausgestatteten Hygienebereich seines bescheidenen Schimmerheimdomizils. Dort, am Frisiertisch mit dem geschwungenen Spiegel und der diffusen Laterne, entließ er ihn schließlich aus seinem Griff, um einladend auf den reichlich gepolsterten Hocker zu deuten. »Setz dich, Bruder.«

Zweifelnde Honigaugen richteten sich erst auf die bequeme Sitzgelegenheit, dann auf den Hausherren. »Nilquarno, ich bin nur hier um ...«

»Cirwynerel Maelin«, mahnte ihn der Ältere mit gutmütiger Strenge, während er die Schultern des Jünglings ergriff und diesen sachte, aber mit deutlichem Nachdruck auf die Sitzfläche des Polstermöbels bemühte. »Du hast mich gebeten, dein Richter zu sein - jetzt bitte ich dich darum, mein Bruder zu sein.«

Ohne die Antwort erst großartig abzuwarten, fischte er die notwendigen Utensilien aus einer der Laden der Kommode hervor, breitet diese auf der Arbeitsfläche aus und wandte sich dann mit einem Lächeln zu seinem Gast herum. »Du solltest nebenher wirklich lernen, deinen Hang zu dramatischen, großen Worten zu zügeln. Ich bin nicht dein Richter, ich bin ein einfacher Amtsmann. Mir obliegt es nicht zu entscheiden, wie mit Ketzern verfahren wird. Bei mir ruht einzig die Entscheidung, dich bei den Kollegen zu melden, sollte es nötig sein.«

»Und ...« Der Junge hatte die Hände im Schoß gefaltet und hockte ein wenig verloren vor dem Tisch, die Augen leicht geweitet und die Lippen zwischen den Worten immer wieder unsicher aufeinandergepreßt. »... hast du deine Entscheidung getroffen?«

Behutsam, das merkliche Zurückzucken seines Bruders ignorierend, bettete er dessen Kinn eine Hand, um erst die eine Wange zur Inspektion zu sich zu drehen, dann die andere. Die Konturen des Bartes waren unter den frischen Stoppeln noch deutlich zu erkennen, was seine Arbeit doch ungemein erleichtern würde. Schmunzelnd fragte er sich, ob sich der jüngere Elsinian eigentlich darüber im Klaren war, daß er denselben Schnitt gewählt hatte wie er, entgegen des rebellischen Auflehnens gegen den älteren Bruder.

»Nein«, offenbarte er ihm, während er vorsichtig die Klinge an der rechten Wange ansetzte. Wie viel Zeit war vergangen, seit ihrer ersten Sitzung dieser Art? Damals, als er einem ganz fürchterlich aufgeregten Cirwynerel zugestanden hatte, dessen Wangen vom ersten, weichen Flaum zu befreien. Kurz vor dem Bruch zwischen Vater und Sohn, der die Familie entzweireißen und Nilquarno in den bersteinfarbenen Augen zum Feind degenerieren lassen sollte. »Du wirst mir einige Fragen beantworten und einige Zugeständnisse machen müssen.«



»Frag ...« Er kannte den Tonfall nur allzu gut - dieses innere Stählen, das Vorbereiten auf einen deftigen Schlag in die Magengrube. In den letzten Monaten hatte der jüngste der Elsinians offenbar eine neue Einstellung zur Ehrlichkeit entdeckt, die sich nicht nur in seinen Worten offenbarte, sondern durchaus auch in seinem Verhalten. Die ewig höfische Maske absoluter Ausdruckslosigkeit war scheinbar größtenteils aus seinem Repertoire verschwunden, stattdessen schien er immer öfters seine Gefühle nach außen zu tragen - bewußt oder unbewußt.

»Cirwynerel - das hier ist kein Verhör, und ich will dir nichts Böses«, versuchte er ihn schmunzelnd zu beruhigen, während die Klinge behutsam über die ebenmäßige Wange glitt. »Ich muß nur deine Intentionen kennen. Du sagst, du hast nicht vor, die Sitten und Gesetze zu brechen, obgleich du deren Grundlagen anzweifelst?«

»Das werde ich nicht, nein.« Ein wenig eingeschränkt beim Sprechen, antwortete der junge Mann dennoch gewohnt weit ausholend. »Es wäre anmaßend Gesetze zu brechen, anstatt auf legalem Wege daran zu arbeiten, falsche ...« Ein sachtes Zischeln brachte ihn mitten im Satz zum Verstummen.

»Belasse es bei einem Nein, Bruder. Warum versuchst du dich in langen Erklärungen zu verstricken, deren einziger Effekt es doch ist, Zweifel zu schüren. ›Nein, das werde ich nicht‹ ist mehr den ausreichend, um die Frage zu beantworten.« Mit einem leisen Aufseufzen ließ er das Ende des unausgesprochenen Satzes ziehen, anstatt sich damit zu quälen, diesen in Gedanken weiterzuspinnen. Er war sich recht sicher, daß ihm das Ergebnis nicht sonderlich zugesagt hätte. »Sprichst du offen über deine Zweifel - versuchst du andere davon zu überzeugen, warum sie diese ebenso hegen sollten?«

Ein kurzes Schweigen folgte darauf - ob nun auf die kleine Rüge, oder um über die Frage selbst nachzudenken, konnte er nicht weiter erkennen. Die Anspannung aber war dafür umso stärker zu spüren, fest waren die Kiefer des jungen Mer aufeinandergepreßt und der Blick trotz der aktuellen Nähe an seinem Bruder vorbeigerichtet. »Ich werde nicht lügen, sollte jemand direkt fragen. Aber ich ...« Dennoch entging ihm wohl nicht der mahnende Blick, auf welchen hin er sich rasch verbesserte: »Nein, das tue ich nicht.«

»Gut. Und bist du gewillt, mich einmal in der Woche hier aufzusuchen und mit mir über Glaubensfragen zu sprechen, damit wir daran arbeiten können, deine Zweifel auszuräumen?« Welch Glück, daß er ein recht gutes Gespür für die Reaktionen seines Bruders hatte - vorsorglich hatte er die Rasierklinge von der goldenen Haut abgesetzt, noch ehe der Jüngere überrascht zusammenzucken konnte.

»Nilquarno«, kam die gequält klingende Antwort einen Moment später. »Das ist keine Frage von Gesprächen. Denkst du, ich hätte nicht selbst oft genug darüber nachgedacht? Es ist meine Überzeugung, daß...«

»Halt.« Das Wort war nicht laut gesprochen, und dennoch ließ der schneidende Unterton darin den sitzenden Mer verstummen. »Bevor du weitersprichst, solltest du dich der Situation bewußt werden, in der du dich befindest. Ich werde nicht stillschweigend dabei zusehen, wie mein kleiner Bruder apraxische Gedanken hegt. Habe ich das Gefühl, daß ich nichts tun kann, um deine Seele noch vor dem Abgrund zu retten, auf den du dich zubewegst - dann werde ich die Priesterschaft oder meine Kollegen darum bemühen, dich zu erretten. Falls Verbannung dazu der einzige Weg ist, dann sei es so. Aber wenn es dich schon nicht kümmert, in welche horrende Lage du mich damit bringst, dann denke zumindest darüber nach, was dies für unsere Mutter bedeuten würde.«

Daß die Worte ihr Ziel nicht verfehlten, war unverkennbar. Zusammengesunken wie ein Häufchen Elend saß das Nesthäkchen des Hauses vor ihm, zumindest bis er neuerlich nach dessen Kinn griff und ihn sachte wieder etwas nach oben führte. »Also. Bist du gewillt, dich regelmäßig mit mir bezüglich Glaubensfragen zusammenzusetzen?«

Er wartete noch das zögerliche Kopfnicken ab, ehe er dann wieder behutsam die Klinge ansetzte. »Dann sehe ich im Moment keinen Wert darin, behördliche Schritte einzuleiten. Zweifel an sich sind noch kein Tatbestand, solange du sie für dich behältst. Aber sei dir dessen bewußt, daß du von nun an unter strenger Beobachtung stehst. Sollte ich auch nur den geringsten Verdacht hegen, du hättest vor, deinen fehlgeleiteten Überzeugung entsprechende Taten folgen zu lassen, liegt die Verantwortung über dich nicht mehr in meinen Händen.«

»Mh ...« Ein gedämpfter Laut der Zustimmung, vom Klang her recht zwiegespalten - einerseits war die Erleichterung deutlich daraus hervorzuhören, andererseits schwang ein hörbar unglücklicher Unterton darin mit. Sein Bruder war wohl mit dieser Zwischenlösung nicht minder unzufrieden als er selbst, aber für den Moment mußten sie sich wohl beide damit abfinden. Entweder bis er den Jüngeren wieder zurück zum Glauben geführt hatte ...

... oder aber direkt nach Nuorne.

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Deikan (22.11.2019)

4

Sonntag, 22. Dezember 2019, 14:50

Die ersten Schritte

Ryvendoril nahm sich die Zeit, mehrmals tief durchzuatmen und den beständig in ihm schwelenden Haß damit auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Genug, um diesen hinter der höfisch-unterwürfigen Maske zu verbergen. Nicht genug, um das siedendheiße Kribbeln in seinem Nacken gänzlich zu unterdrücken.

Sein Bruder hatte sich in die Schreibstube zurückgezogen, wie ihn das beständig ertönende Kratzen einer Feder auf feinstem Papier wissen ließ. Die perfekte Umgebung, die ersten Grundschritte seines Planes in die Tat umzusetzen. Herdalion hielt sich für gewöhnlich hier auf, um seine Korrespondenzen zu verfassen - war also vermutlich in bester Intrigenstimmung.

»Auri-Els Licht in unseren Herzen, Herdalion«, ließ er schließlich beim Eintreten im freundlichsten Ton erklingen, den er sich dem verhaßten Bruder gegenüber abringen konnte. Jener reagierte wie erwartet - er würdigte den jüngeren Elsinian nicht eines Blickes, geschweige denn einer Entgegnung.

»Man erzählt sich interessante Dinge auf den Straßen der Stadt«, fuhr er schlicht fort, während die Feder weiterhin ungerührt Worte auf Papier bannte, als hätte der jüngere Bruder nie die Stimme erhoben. »Eine der Ruinen aus der ersten Ära soll wieder instandgesetzt werden, um künftig als Festsaal zu dienen.«

Ohne jede Hast wurde die Feder in das reichlich verzierte Tintenfaß getaucht, um dann wieder in aller Ruhe über das teure Papier zu wandern.

»Perfekt gelegen für ein solches Vorkommen, im Gebirgszug südlich der Stadt und mit Eingang unweit des westlichen Stadttores.« Er zog sich einen der Stühle heran, um seinem Bruder gegenüber platzzunehmen. Ein zugegebenermaßen riskanter Zug, wollte die nonchalante Geste doch nicht ganz zu seinem derzeitigen Schauspiel demütiger Unterwürfigkeit passen - doch zumindest verfehlte sie die gewünschte Wirkung nicht.

Die Hand mit der Schreibfeder hielt inne, und ein alles andere als amüsiert wirkendes Gesicht wandte sich in Ryvendorils Richtung, um diesen mit einem eiskalten, gefährlich intensiven Blick zu durchbohren. »Hat deine Geschichte eine Pointe, welche mich auch interessieren könnte - oder badest du nur wieder in der Möglichkeit, dem Klang deiner eigenen Stimme lauschen zu können?«

»Mir würde nie in den Sinn kommen, dich mit Belanglosigkeiten zu tangieren, Bruder.« Dem inneren Drang entgegen, den Blick standhaft zu erwidern, senkte er den Kopf artig herab. »Die Pointe der Geschichte mag die Initiatorin dieser Angelegenheit sein, welche für dich durchaus von Interesse sein könnte.«

Herdalion brauchte die Frage nicht erst aussprechen - das eisige Stieren, welches sein jüngerer Bruder trotz gesenkten Blickes noch allzu deutlich auf sich spüren konnte, sprach Bände.

»Minandaale Estalwen il'Larethorin av Alinor.«

In aller Ruhe griff der Sippenfürst nach einem Tuch, um damit die Spitze der Schreibfeder gründlich zu reinigen - Ryvendoril allerdings kannte seinen Bruder viel zu gut, um aus dieser Bewegung nicht die Aufregung herauslesen zu können, welche der Name in ihm ausgelöst hatte.

»Die Tochter der Häuser Larethorin und Tarween, Nachfahrin Minwerdil-Vairlonwes?«

»Eben jene ...« Er gestand sich zu, ein wenig der Genugtuung in seiner Stimme mitklingen zu lassen - selbst der geläuterte, demütige Ryvendoril würde sich schließlich den Triumph nicht nehmen lassen, seinem Bruder eine interessante Neuigkeit mitgeteilt zu haben. »Die Halle soll zu Minwerdil-Vairlonwes Zeiten bereits als Ort der Zusammenkunft gedient haben, und Minandaale Estalwen plant nun, sie zu deren Ehren wieder ihrem ursprünglichen Zwecke zuzuführen.«

»Und Haus Elsinians Platz in jener Geschichte?« Natürlich, ganz der ewig machtversessene Sippenfürst - direkt auf den Punkt gekommen, direkt die eigenen geschäftlichen Interessen angesprochen.

»Die Artefakterei steht in der engeren Wahl, sich um Beleuchtung und weitere arkane Installationen zu kümmern. Allerdings ...« Er kostete es aus, eine kurze, dramatische Pause einzulegen, um dann mit dem Grundkern seines Planes aufzuwarten: »Haus Larethorin ist zudem auf der Suche nach einem Organisator, welcher die diversen Subkontraktoren koordiniert und den Gesamtfortschritt der Renovierungsarbeiten überwacht.«

Man konnte die Gier in den eisblauen Augen förmlich aufblitzen sehen - hatte er sich vorhin noch Gedanken darüber gemacht, ob der Kopf des Hauses sich auf eine solch riskante Unternehmung einlassen würde, so waren sämtliche Zweifel nun wie hinfortgewischt. »Und die Artefakterei hat sich angeboten, diese Aufgabe zu übernehmen?«

»Noch nicht ...« Die Hand auf Herzhöhe gegen die Brust gelegt, neigte Ryvendoril neuerlich das Haupt voran. »Ich hielt es für angebracht, eine solch weitreichende Entscheidung erst mit dir zu besprechen.«

Einige Herzschläge vergingen in absoluter Stille, in welcher der Blick des älteren Elsinians nur auf seinem Gegenüber ruhte - ehe er dann die Hand zu einer abwinkenden Geste anhob. »Dann vergeude nicht weiter meine Zeit. Laß es mich wissen, sobald Minandaales Zusage vorliegt.«

Wie Teile einer komplexen Dwemer-Konstruktion klickten die nächsten metaphorischen Zahnrädchen in die für sie vorgesehen Aussparungen. Sein Plan mochte sich noch in seinen Anfängen befinden, doch mehr und mehr begann er Gestalt anzunehmen und sich in exakt den vorgesehenen Bahnen zu entwickeln. Herdalion war auf dem besten Wege, seinen eigenen Untergang vorzubereiten - und Ryvendoril genoß jeden einzelnen Moment davon.

»Ganz wie du wünschst«, entgegnete er lächelnd beim Aufstehen - und das letzte Wort, ehe er den Raum verließ, sprach er mit einer solchen Genugtuung, daß er fürchten mußte, der Herr des Hauses müsse den Haß darin unweigerlich heraushören:

»Bruder.«

5

Dienstag, 7. Januar 2020, 21:16

Zitat

Cerum Ryvendoril,

Es war mir eine Freude, den Namen Eurer Werkstätte auf der Liste potenzieller Kandidaten für die Renovierung Newel-Barravir-Merkynds vorzufinden. Der Einbau eines magischen Eindämmungssystems für eine der traditionellen arkanen Schulen im vergangenen Jahr ist freilich nicht unbemerkt geblieben, und ich war gespannt, ob Ihr Euch auch dieser Herausforderung stellen würdet.

Allerdings bin ich ein wenig überrascht über den Vorschlag, die Artefakterei Elsinion könne ebenso die Koordination der restlichen Handwerksbetriebe übernehmen, welche für die Wiederherstellung von Minwerdil-Vairlonwes Halle herangezogen werden sollen.

Ich habe mir die Freiheit genommen, die Aktivitäten Eures Hauses in den vergangenen zwei Generationen etwas näher zu prüfen. Löblich stellen sich mir da die Tätigkeiten des Erben Eures Hauses dar. Die Mitgliedschaft im Thalmor zeugt von Regeltreue und Disziplin, ebenso wie die langjährige Erfahrung in der Ausrichtung von Wiederbeschaffungs- und Erkundungsmissionen auf die nötigen Planungsfertigkeiten schließen lässt, welche ich für diese Unternehmung suche.

Hingegen muss ich mich schon sehr über jenen Vorfall wundern, welcher im letzten Winter zum Ableben einer gesamten Expeditionsgruppe führte. Wie mag ich mich auf die Zuverlässigkeit der Artefakterei Elsinian verlassen, wenn es offenbar in jenem Fall zu einer ganz fürchterlichen Mißkalkulation kam?

Ebenso fragwürdig stellt sich mir der Lebenswandel des jüngeren Sprosses der Familie dar. Auch wenn sich die Gerüchte in den vergangenen Monaten von mäßig unter den Teppich gekehrten Skandalen zu mustergültigem Verhalten in der Öffentlichkeit gewandelt haben mögen, bleibt die Tatsache seiner Mitgliedschaft in einer fremdländischen Gilde. Wie darf ich es verstehen, dass der Sohn eines Sippenfürsten nicht etwa eine praxische Ausbildung durch fachkundige Experten sucht, sondern sich lieber einem wild zusammengewürfelten Haufen Halb-Wilder anschließt?

Ich fürchte, es wird wohl besserer Argumente bedürfen, um mich von der Eignung Eures Hauses für diese ehrenvolle Aufgabe zu überzeugen als einen schmeichelnden Brief und ein pomposisches Schmuckstück. Auch wenn ich die darauf liegende Verzauberung durchaus als reizvoll erachte und mich gespannt zeige, welche arkanen Kunststücke Ihr für Newel-Barravir-Merkynd angedacht habt.

Im Anhang findet Ihr Ort und Zeit für ein persönliches Treffen, bei welchem Ihr die Gelegenheit bekommen sollt, mir Euren Standpunkt darzubringen. Überzeugt mich, dass die Artefakterei Elsinian die unbezahlbare Gelegenheit verdient hat, die Renovierung einer geschichtsträchtigen Berghalle zu beaufsichtigen.

In Erwartung einer positiven Antwort,

Minandaale Estalwen 'len Culdayel Norali il'Larethorin 'ata Aryavarel Parcaelion en'Tarween 'cal Minwerdil-Vairlonwe av Alinor

6

Donnerstag, 30. Juli 2020, 10:44

Ein ungewöhnlicher Einbruch

Es wäre nicht das erste Mal gewesen, daß eines der Lagerhäuser der Artefakterei Elsinian einen unerwünschten Besucher hinnehmen mußte. Gerade hier in Himmelswacht, wo sich nach Ansicht des Sippenfürsten neben den verhaßten Nebarra auch viel zu viele zwielichtige Altmer herumtrieben, die es gar nicht erst verdient hätten, sich als Teil dieses noblen Volkes bezeichnen zu dürfen.

Dennoch zeichnete sich dieser nächtliche Besuch durch eine verhüllte und maskierte Gestalt eher durch Einzigartigkeit aus. Ein erstes Anzeichen darf man wohl in der Tatsache suchen, daß es nicht etwa Dietrich und Spannungseisen waren, die er aus einer kleinen Gürteltasche fischte, sondern tatsächlich ein übergroßer Schlüsselbund mit einer beachtlichen Sammlung an klimpernden, blankpolierten Schlüsseln.

Ein letzter Blick über die Schultern, ob auch tatsächlich kein neugieriges Augenpaar ihn bei seiner Tätigkeit beobachtete, dann schob sich die maskierte Gestalt durch einen schmalen Schlitz der dermaßen unspektakulär entsperrten Tür, ehe er selbige leise wieder ins Schloß fallen ließ.

Ein weiterer Punkt, der sich nicht mit üblichen Einbrüchen decken will, zeigte sich in der Art und Weise, wie gut der Verhüllte sich im Ziel seines nächtlichen Ausfluges auszukennen schien. Recherche vor einem Bruch ist tatsächlich ein löblicher Ansatz für einen Vertreter der nocturnalen Künste, doch wer kommt auf die Idee, sich selbst mit dem arkan-handwerklichen Beleuchtungskonzept des Zielobjektes auseinanderzusetzen? Und doch ...

"Heca Loria", flüsterte die Gestalt in die Stille der Lagerhalle hinein - und kaum einen Herzschlag später erwachte eine Reihe hauseigener Verzauberungen zu flackerndem Leben. Diverse Kerzen, Lampen und selbst ein Kamin im hinteren Hauptbereich des Gebäudes wurden entzündet und tauchten fortan das ungewöhnliche Innere des 'Lagers' in warmes, goldenes Licht.

Genaugenommen beschränkte sich das Lager selbst auf eine Plattform mit diversen Kisten und Säcken über dem Schlafbereich der recht hübsch eingerichteten Unterkunft. Jemand hatte es sich hier wohl durchaus gemütlich gemacht - ein Umstand, der den maskierten Einbrecher nicht weiter zu wundern schien. Aber jemand, der sich derart intim mit den Verzauberungen des Ortes auseinandergesetzt hatte, mußte wohl ohnehin zuvor schon darüber bescheidgewußt haben.

Dem nächtlichen Besucher stand es nun offen, sich an allerlei feinen Dingen gütlich zu tun - von maßlos überteuerten Kerzenständern über teure, alinorische Wandteppiche bis hin zu einer ganzen Wagenladung teils seltener Bücher, deren Einbände alleine diesen Einbruch schon lohnenswert gemacht hätten. Und tatsächlich, man hätte meinen können, der Blick des Gesetzlosen richtete sich in recht begieriger Weise auf eines der Bücherregale im Eingangsbereich.

Ein leises Fauchen ertönte vom Kamin aus und riß die Gestalt recht jäh aus ihren diebischen Überlegungen. Kaum einen Wimpernschlag später schob sich ein weißes Köpfchen über die Kissen des gemütlichen Sofas und durchdringende, eisblaue Augen fixierten sich auf den nächtlichen Ruhestörer. Zwei schneeweiße Pfoten fuhren lange Krallen aus, mit welchen das Kätzchen drohend den sündhaft teuren Stoff bearbeitete. Ein kleines Glöckchen begleitete die furchteinflößende Drohgebärde, von einem rosa Schleifchen um seinen Hals baumelnd.

"Was hat er dir nur angetan!" entfuhr es der verhüllten Gestalt leise, wobei das breite Grinsen unter der Maske deutlich aus der Stimme herauszuhören war. Eben jene Stimme war es wohl auch, die das weiße Fellbündel in seinem beachtlichen Abwehrverhalten einhalten ließ. Man hätte nun gar vermuten können, das verhätschelte Wesen hätte einen vertrauten Klang vernommen - handelte es sich gar um einen wiederholten Einbruch? Dies hätte zumindest das umfangreiche Wissen um diesen Ort erklärt, nicht wahr?

Auf leisen Sohlen schlich die Gestalt näher an die kleine Sitzecke vor dem Kamin heran, eine Hand behutsam nach vorne gestreckt, während sie sich unter wachsamem Blick langsam der befellten Bewohnerin des Lagerhauses näherte. Als es schon so schien, die Verteidigerin auf ihrem erhöhten Posten hätte den Eindringling fürs Erste in ihrer Nähe toleriert, schnellte eine Pfote flink nach vorne, und der verhülltw Wicht hätte wohl schmerzhafte Bekanntschaft mit ihren langen Krallen gemacht, wären jene nicht an der irdenen Maske des Unbekannten abgeprallt.

Statt vor ihrem hinterhältigen Angriff zurückzuweichen, schlossen sich kaum einen Atemzug später die Hände des großgewachsenen Mers um den Oberkörper der felinen Angreiferin, um jene über die Kissen hinweg emporzuheben und sie im Schein der umgebenden Flammen eingehend zu betrachten. "Du zürnst mir dafür, daß ich dich dieses Mal so lange alleine ließ? Ich kann dir versichern ... hier ist es dir weitaus besser ergangen als an den Orten, die ich dir hätte bieten können. Trotz Glöckchenhalsband."

Der Eindringling erntete noch ein paar Runden Gegenwehr, doch spätestens als er die Herrin des Hauses behutsam an seine Schulter bettete und sie an eben jenen Stellen kraulte, die ihr für gewöhnlich ein genüßliches Schnurren entlockten, war jegliche Feindseligkeit wie weggeblasen. "Komm, meine Schöne - ich bringe dich nachhause."

Die Augen des Mers waren unter der Maske wenig mehr denn schwarze, bodenlose Höhlen undurchdringlicher Dunkelheit - und dennoch war der wehmütige Blick nicht zu verkennen, welchen die fremde Gestalt darunter dem Bücherregal zuwarf - eh sie sich gen Ausgang wandte, an Beute lediglich das leise vor sich hinschnurrende Fellbündel auf dem Arm. All der Aufwand - für ein offenbar verwöhntes Haustier?

"Seprevoy Latta ..." raunte der Katzendieb, ehe er mit seinem Diebesgut hinaus verschwand in die Dunkelheit der Nacht über Auridon. Die Tür blieb dabei nur angelehnt - würde ein Mitarbeiter der Artefakterei morgens das Fehlen der weißen Hausherrin bemerken, so mochte dieser denken, das Tier sei aufgrund einer Unachtsamkeit am Vortag entkommen. Denn immerhin ...

Einbruchsspuren würden sich ebenso wenig finden wie einer der teuren Gegenstände fehlen würde.



7

Dienstag, 18. August 2020, 10:14

Der brave Sohn

Das ungewohnte Geräusch der sich öffnenden Türe riß Ryvendoril aus der Konzentration, welche bis dahin gänzlich auf das Buch in seinen Händen gerichtet war. Eine Augenbraue wanderte elsinian-typisch nach oben, während giftgrüne Augen sich auf den Pfeiler der hölzernen Zwischenwand richteten.

Es gab nur eine Person, welche das zur Wohnstätte umfunktionierte Lagerhaus ohne sein Zutun betreten konnte - eine Person, die er von allen wohl zuletzt erwartet hätte. Obgleich sie nun schon gut ein halbes Jahr in der selben Stadt verbrachten, beide auf ihre eigene Art und Weise vor dem Schmerz geflüchtet, den sie mit Alinor verbanden ... so hatten sie seither kaum ein Wort miteinander gewechselt.

Sein Gast schien auch nicht vorzuhaben, sich weiter nach drinnen zu bewegen, weshalb der Hausherr die aktuelle Seite mit einem Lesezeichen versah und das Buch zurück auf den Tisch bettete, um sich zu erheben und um den Pfeiler herum zu treten.

Der Anblick seines Neffen ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Wo ihn die Tatsache hätte mit Freude erfüllen müssen, vor sich nicht mehr die eisige Kälte des emotionslosen Thalmors vorzufinden, schnürte ihn die Hilflosigkeit im Blick des künftigen Sippenfürsten die Kehle zu. Für einen Außenstehenden mochte der melancholisch nachdenkliche Ausdruck auf den jungen Zügen nicht mehr sein denn ein Anzeichen für moderaten Kummer.

Ryvendoril aber kannte seinen Neffen gut genug um zu wissen, daß der junge Amtsmann kurz davor stand, komplett den Boden unter den Füßen zu verlieren. "Junge, was ..." setzte er an, doch ein zaghaftes Heben einer Hand brachte ihn jäh zum Schweigen. Stille ruhte einige schier endlos lange Momente zwischen ihnen, in welchen die beiden Mer einander nur unschlüssig betrachteten.

"Hat er mich belogen?" Die Frage kam so unvermittelt, daß dem sonst um keine Antwort verlegenen Onkel tatsächlich kein Wort über die Lippen kam. Er brauchte nicht nachfragen, von wem sein Neffe sprach, und selbst der Anlaß war in diesem Moment eher belanglos.

"Nil ..."

"Hat ... er ... mich belogen?" Es war nicht etwa der Ermittler, der kurzzeitig aus dem hilflosen Mer hervorbrach, sondern schlicht die Ungewißheit eines Mannes, der sein Leben lang geglaubt hatte, Recht von Unrecht unterscheiden zu können. Ein Mann, der niemals an den Anweisungen anderer gezweifelt, der Herdalion als unfehlbar angesehen hatte.

"Junge, du ..."

"HAT ER?" Der Wutausbruch verebbte so jäh, wie er ausgebrochen war, und zurück blieb nur der flehende Blick seines Neffen. Und er wußte, worum Nil flehte: Eine schlichte Verneinung, eine Bekräftigung, daß alles nur ein unglaubliches Mißverständnis sei.

Er hatte so lange auf diesen Moment gewartet, seit jenem Tag, als ihm sein Bruder sein ungeborenes Kind genommen hatte. Wie er sich nach einer Möglichkeit gesehnt hatte, Nilquarno die Verlogenheit ihres Sippenfürsten aufzuzeigen und ihn als Waffe gegen den verhaßten Bruder zu führen.

Doch nun, da der heißersehnte Augenblick gekommen war, wurde er sich selbst zum ersten Mal bewußt, welch dunklen Pfad er dabei war, hinabzusteigen. Seinen Neffen manipulieren, seinen geliebten Jungen als Werkzeug nutzen. All das Ränkeschmieden des vergangenen Jahres, die Lügen, die Verführungen, die hinterhältigen Verstrickungen.

"Onkel ... bitte ..."

Doch es war zu spät, noch einen Rückzieher zu machen. Alles, was er bisher in Bewegung gesetzt hatte, die vielen kleinen Verknüpfungen, die er zwischen den unterschiedlichsten Akteuren gewoben hatte, um sie in einen einzigartigen Tanz nach seiner ganz eigenen Melodie tanzen zu lassen. Er hatte längst schon keine Wahl mehr, denn jene hatte er schon vor langer Zeit getroffen.

"Erinnere dich, Nilquarno", sprach er die Worte aus, von denen er wußte, daß er sich später dafür selbst verdammen würde. "An die gemeinsamen Stunden. Als er dich in den Arm nahm, wenn du Kummer hattest. Als er dich lobte, wenn du seinen Wünschen entsprochen hast. Als er dich all die kleinen Dinge lehrte, die dich noch heute auf deinem Weg begleiten. Erinnere dich daran und dann frage dich selbst: Hat er dich belogen?"

Die Zeit schien stillzustehen, als erneut Schweigen zwischen den beiden vorherrschte, und doch konnte er mit grausamer Klarheit beobachten, wie im Inneren seines Jungen etwas unwiederbringlich zerbrach. Denn sie beide wußten nur allzu genau, daß er keine solchen Erinnerungen finden würde. All die Dinge, die Herdalion nie für seine Söhne getan hatte - Dinge, die Ryvendoril selbst übernommen hatte, um die beiden nicht zur nächsten Generation gefühlskalter Intriganten verkommen zu lassen. Nicht wie Herdalion. Nicht wie Ryvendoril selbst.

Die Türe schloß sich wenige Augenblicke später hinter dem jungen Thalmor, ohne daß die beiden noch ein weiteres Wort miteinander gewechselt hätten. Was hätte es auch zu noch zu bereden gegeben nach der Offenbarung, die letzten vier Jahrzehnte seien nichts weiter gewesen als eine langanhaltende, jegliche Wahrheit im Keim erstickende Lüge?

"Mala Alata ..." flüsterte Ryvendoril trocken hervor, doch die Anrufung Auri-Els heiligen Lichtes verschaffte ihm keine Erleichterung mehr. Leere Worte, ein hohles Gebet, welches keinerlei Bedeutung mehr für ihn hatte. Ebenso wie der Leitspruch, den Calinanwe einst in ihre Familie gebracht hatte: "Auri-Els Licht in unseren Herzen" - eine nichtssagende Phrase, die ihn seit Monaten schon nicht mehr berühren konnte. Kein Licht würde ihm je wieder die Last vom Herzen nehmen.

Denn viel zu tief war er dafür selbst schon in den Schatten versunken.

8

Samstag, 22. August 2020, 20:06

Saiten, Fäden, Netze - Part 1


Sinraennir Yandur il'Larethorins Finger glitten in nahezu meditativer Weise über die Saiten seines Instrumentes, während der goldverzierte Bogen ihnen wehklagende Klänge entlockte. Bewegung wie Musik gleichermaßen wußten seinen sonst so unruhigen Geist in eine unterschwellige Trance zu versetzen, die ihn selbst inmitten des ewig hektischen Treibens Alinors in einen Zustand absoluter Ruhe herabsinken lassen konnte.

Heute hatte er sich eines der Vordächer des Anwesens als Ort des Rückzugs auserkoren, ein flaches Mauerstück zwischen kunstvoll verzierten Säulen und imposanten Dachgiebeln. Es gab keinen offiziellen Zugang zu diesem Ort, die Bediensteten mußten sich zum Reinigen der hier angebrachten Laternen regelmäßig auf eine kleine Kletterpartie einlassen - eben jenen Weg, über welchen auch der junge Adelssproß diesen Ort erklommen hatte. Schwindelnde Höhen und ungesicherte Aufstiege hatte ihn noch nie von seinen auserkorenen Zielen fernhalten können, nicht einmal mit dem empfindlichen Holz einer maßlos überteuerten Esraj auf dem Rücken.

So hatte er es sich hier in der spinnwebenverhangenen Nische im Schneidersitz bequem gemacht, gelehnt an eine der Säulen und gefährlich nahe an der Kante, die hinab in ungesunde Tiefen führte. Er hatte den Korpus seines Instruments sachte gegen den Kalkstein abgestützt, den Blick auf die gepflegten Gärten Haus Larethorins gerichtet und sich dann ganz seiner Musik hingegeben.

Sein beruhigender Ausflug ins Reich der Sinne sollte allerdings nicht von langer Dauer sein, denn auch wenn seine Gedanken auf den melancholischen Noten seines Spiels wogten, so gestattete er sich nie gänzlich, seine Wachsamkeit fallenzulassen. Und so entging ihm keineswegs die in alinorisch pompöse Kleidung gehüllte Gestalt, welche die Gärten nahe der westlichen Arkatur durchquerte, die Schritte fest und zügig.

Der Bruder eines unbedeutenden Sippenfürsten war ihm keineswegs unbekannt, war jener doch des Öfteren hier anwesend, um sich bezüglich der Restaurierung Newel-Barravir-Merkynds mit der Herrin des Hauses zu besprechen. Auch wenn es ein offenes Geheimnis zwischen Sinraennir und seiner Mutter war, daß jene 'Besprechungen' zum größten Teil in einem der Schlafzimmer des Anwesens stattfanden und zum Hauptziel hatten, den notorischen Weiberhelden enger an Haus Larethorin zu binden.



Der Jüngling war bereits versucht, die Anwesenheit des in seinen Augen vollkommen belanglosen Mer mit einem schnippischen Zungeschnalzen abzutun und sich wieder ganz seiner Musik zu widmen, als ein Gefühl wie tausend kleiner Spinnenbeine seinen Rücken nach oben wanderte und sich als Gänsehaut in seinem Nacken festsetzte. Der Bogen hielt in seinem Streicheln der Saiten inne, und im selben Maße schienen auch die Gärten unter ihm in einem Netz aus Zeitlosigkeit zu versinken.

Behutsam bettete der zierliche Mer sein Instrument auf den sonnengeküßten Steinboden, um sich gänzlich der Szenerie unter ihm zuzuwenden. Auch der ältere Mer dort unten war in seinen Bewegungen wie eingefroren, und während es schien, als würde dem Rest der Gärten jegliches Licht langsam entzogen werden, schälte sich jener Gast umso deutlicher aus der verschwommenen Nichtigkeit heraus.

Viel mehr aber erregte die Aufmerksamkeit des jungen Musikers das scheinbar chaotische Gewirr aus zarten Fäden, welches sich immer deutlicher gegen die aufziehende Dunkelheit abzeichnete - fragile, transluzide Gebilde, welche sich dennoch über weite Strecken zu spannen schienen. Es bedurfte einiger genauerer Blicke um zu erkennen, daß das vermeintliche Chaos wohl alles andere als willkürlich aufgebaut war, auch wenn Sinraennir nicht einmal ansatzweise wagte, den Sinn der versponnenen Fäden auch nur zu erahnen. Größere Geister denn der seine waren daran gescheitert und dem Wahnsinn verfallen.

Was ihm allerdings keineswegs entging war die Tatsache, daß einer der Fäden direkt durch die Brust des blonden Mers dort unten gespannt war.

Und mit jener Erkenntnis fiel das Trugbild um ihn herum in sich zusammen, flutete warmes, helles Sonnenlicht zurück in die Gärten seines Hauses, küßte der erste Lichtstrahl den älteren Mer und löste ihn damit aus seiner scheinbaren Starre. Alles ging seinen gewohnten Gang, als hätte die den Bruchteil eines Herzschlages andauernde Vorahnung nie stattgefunden, welche den Erben von Haus Larethorin nichtsdestotrotz atemlos und mit geweiteten Augen auf seiner erhöhten Position verharren ließ.

Er konnte nicht sagen, wie lange er in dieser Untätigkeit verblieb, in welcher ihm selbst sein Geist den Dienst versagte - nur, daß der Besucher seinen Weg nach draußen längst gefunden hattet und die Arkatur erneut friedlich und still unter ihm lag.

Mit ungewohnt eiligen Bewegungen packte Sinraennir sein Instrument, um es an seiner Trageschlaufe auf dem Rücken zu befestigen und sich zum Rand seiner kleinen Nische zu begeben und den Abstieg nach unten anzutreten. Ohne jeglichen Zweifel wurde er sich der Tatsache bewußt, daß er das Gespräch mit seiner Mutter suchen mußte.

Unverzüglich.

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Aykami (22.08.2020)

9

Sonntag, 23. August 2020, 07:57

Saiten, Fäden, Netze - Part 2


"Ich kann mich nicht ersinnen, um deine Anwesenheit gebeten zu haben."

Sippenfürstin Minandaale hatte sich offenbar nach der Zusammenkunft erst einmal intensiver Körperpflege hingegeben, war sie doch noch mit dem Anlegen der Kleidung beschäftigt, als ihr Sohn den Raum betrat. Seine Esraj hatte er auf einem der samten bezogenen Stühle des Vorraumes abgelegt, sodaß er sich nunmehr demonstrativ im Inneren des Schlafgemaches gegen den Türstock lehnen konnte.

"Ich hielt es für meine Pflicht zu prüfen, ob es Euch endlich gelungen ist, einen würdigeren Erben für unser Haus zu zeugen." Gefährliche Worte, so ganz ohne vorherige Prüfung, in welcher Stimmung er seine Sippenfürstin wohl vorgefunden hatte. Einer übellaunigen Minandaale mit einer solch unverschämten Direktheit zu begegnen konnte üble Konequenzen nach sich ziehen, doch Sinraennir war ohnehin stets darum bemüht, seiner Geburt unter dem Zeichen der Diebin durch überzogene Risikofreudigkeit alle Ehre zu bereiten.

Und ganz wie man es den Diebes-Geborenen nachsagte, war das Glück tatsächlich auf seiner Seite. Der abfällige Blick, welchen die noble Mer ihrem mißratenen Sohn über die Schulter hinweg zuwarf, hätte wohl so manchen Bediensteten in die Flucht geschlagen, ihrem zierlich geratenen Sprößling hingegen demonstrierte die Ruhe darin lediglich, daß ihre 'Besprechung' wohl durchaus befriedigend verlaufen war. "Ich habe einmal den Fehler begangen, ein Kind minderwertiger Abstammung auszutragen. Ich habe nicht vor, diesen zu wiederholen."

Die Antwort traf ihn weniger, als daß sie ihn verwunderte. Haus Larethorins Herrin hatte ihm gegenüber nie einen Hehl daraus gemacht, daß sie ihren verblichenen Gemahl stets nur als Mittel zum Zweck angesehen hatte, doch hatte sie bisher niemals angedeutet, seine Blutlinie als der ihren nicht würdig anzusehen. Haus Cainorume war selbstverständlich dem ihrem gesellschaftlich unterlegen, allerdings hatte Leythantar Nallturil en'Cainorumes Assistenzstelle am Kolleg der Sapiarchen deutlich für eine Verbindung der beiden Blutlinien gesprochen. Und jenseits seiner diebes-geborenen Risikobereitschaft hatte Sinraennirs Aednavorith diese Entscheidung auch durchaus als fruchtbar erscheinen lassen.



"Es ist etwas geschehen", wechselte er unvermittelt das Thema, um sich dem mäßig liebevollen Schlagabtausch zwischen Mutter und Sohn zu entziehen und sich stattdessen wieder auf den Grund seines Hierseins zu besinnen. Bewußt wage hielt er seine Aussage dabei, gleichermaßen um ihre Reaktion zu beobachten und nicht selbst preiszugeben, wieviel er wußte. Was letztendlich ohnehin nicht viel war.

Gar nichts im Grunde, denn mit jedem verstreichenden Moment überkamen ihn mehr und mehr Zweifel, ob er sich nicht schlicht in seiner Musik verloren und sich alles nur eingebildet hatte. Der Blick seiner Mutter allerdings sprach Bände, ebenso wie der Umstand, daß eine Reihe eleganter Schritte sie nahe an ihn heranbrachte, um die Tür hinter ihm ins Schloß zu ziehen.

"Es ist etwas geschehen", bestätigte die Sippenfürstin mit tonloser Stimme, kaum daß sie sich vor unerwünscht lauschenden Ohren sicher wähnte, und nicht ein einziges Mal lösten sich die sonnengelben Augen dabei von der kleinen Gestalt ihres Erben. Das durchdringende Starren, welches sich durch ihn hindurch direkt in seine Seele zu bohren schien, hätte wohl in anderen Mer tiefe Beunruhigung ausgelöst, in ihrem Sohn aber weckte er lediglich eine morbide Faszination. Sie schien irgendwo zwischen Zorn und Interesse gefangen, ein mehr als gefährlicher Zustand bei einer Frau, welche ihren Sohn je nach Laune mit Süßkuchen oder Peitsche anleitete.

"Ihr habt etwas ... mit dem jüngeren der Elsinian-Brüder getan ...?" mutmaßte er ins Blaue hinein - wohlwissend, daß er nicht extra erwähnen mußte, daß er nicht von der rein körperlichen Unzucht sprach, die vor kurzem in diesen Räumlichkeiten stattgefunden hatte. Umso mehr überraschte es ihn, als sich die Mer mit der nobel güldenen Haut unter einem verächtlichen Schnauben von ihm abwandete und sich wieder dem Anlegen ihrer Kleidung widmete.

Unerträglich lange Minuten des Schweigens zogen ins Land, in welchen Sinraennir nur abwartend am Türrahmen lehnte, den Blick auf seine Mutter gerichtet und die Gedanken in alle möglichen Richtungen rasend. Ihre Reaktionen nochmals durchgehend, mögliche Ursachen suchen, sowohl für seine Wahrnehmung draußen in den Gärten, als auch für ihre offensichtliche Anspannung. Als er bereits versucht war, die Stille mit einer weiteren Frage zu durchbrechen, war es die Sippenfürstin selbst, die ihm zuvorkam.

"Nein, das habe ich nicht", antwortete sie auf seine Vermutung hin, als hätte er jene erst vor einem Moment ausgesprochen. "Jemand anderes hat sich an meinem Spielzeug vergriffen, und ich wünsche zu wissen, wer es gewagt hat. Wer sein Netz nach einem Haus ausgeworfen hat, welches einzig mir zusteht."

Mit dem Schließen ihrer feinen Sundasrobe wandte sie sich neuerlich zu ihrem Sohn herum. Warmes, sonnenhelles Goldgelb bohrte sich in seinen Blick, und das wohlige Kribbeln von Unsicherheit und drohender Gefahr hätte ihn beinahe die Bewegung ihrer Hand verpassen lassen. Zwei Herzschläge vergingen, ehe er sich von ihrem Blick losreißen und sich stattdessen auf das Amulett besinnen konnte, welches sie ihm auf der Handfläche ausgebreitet darbot. Die kunstvoll in das Metall gearbeitete Darstellung eines Adlers, welcher beide Klauen um die Klinge eines Schwertes geschlossen hatte, war ihm nur allzu vertraut - das Wappen Minwerdil-Vairlonwe, aldmerische Heldin und Begründerin ihrer Blutlinie.

"Bringe mir das Wissen, nach welchem ich verlange, Sinraennir Yandur ..." säuselte sie und beugte sich zu ihrem Sprößling hinab, bis der letzte Teil ihres Flüsterns die Spitze seines Ohrs verlockend umspielte. "Und Haus Larethorin soll nicht das einzige Erbe verbleiben, das ich dir gestatte anzutreten."

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Aykami (23.08.2020)

10

Samstag, 12. September 2020, 09:36

Gehorsam und Autorität


Es war reiner Zufall, daß er sich an jenem Morgen im Familienanwesen eingefunden hatte - auch wenn er langsam dazu neigte, nichts mehr wirklich als unzusammenhängende Koinzidenz zu verstehen.

Die schwere Eingangstüre wurde mit einer derarten Vehemenz aufgestoßen, daß er für einen schmerzhaft süßen Moment beinahe erwartete, das schwarze Schaf der Familie im opulenten Vorraum des Hauses anzutreffen. Ein Sehnen, welches natürlich nicht erfüllt wurde - nicht erfüllt werden konnte. Auch wenn der morgendliche Besuch kaum minder überraschend war.

Nicht etwa die Tatsache an sich, daß sein älterer Neffe hier anzutreffen war. Er hatte bereits davon erfahren, daß jener für einige Tage nach Alinor zurückgekehrt war, um einen Gast in der Domäne des Sippenfürsten willkommen zu heißen. Genaugenommen waren sie gestern bereits aufeinander getroffen, und zum ersten Mal seit jenem schicksalhaften Tage zu Beginn des Jahres hatte er den jungen Mann von früher in ihm erkannt: Freundlich, optimistisch, herzensgut.

Er hatte nicht hinterfragt, welches Wunder den verhärmten, gebrochenen Nilquarno so unerwartet wieder zu seinem alten Selbst hatte zurückkehren lassen. Er hatte es einfach angenommen und den Göttern dafür gedankt, daß sie ihn diese Wohltat für seine geschundene Seele noch einmal hatten miterleben lassen.

Was ihm nun aber aus den grasgrünen Augen entgegen blitzte war salzig bitterer Zorn.

Zorn.

Die Momente, in welchen der sanftmütige Amtsmann je solchen gezeigt hatte, waren stets rar und nie von langer Dauer gewesen. Und niemals von einer solchen Intensität, wie sie nun das altvertraute Gesicht zu einer fremdartigen Fratze verzog. Ryvendorils Herz machte einige schmerzhafte Sprünge, als er sich fragte, ob es tatsächlich das war, was er aus seinem geliebten Jungen gemacht hatte. War es die Rache an seinem Bruder wirklich wert, diesen Anblick ertragen zu müssen?

"Auri-Els Licht in ..."

"Ich werde ihn zur Rede stellen", verkündete der junge Thalmor mit einer haßerfüllten Kälte in der Stimme, welche das Blut in den Adern seines Onkels gefrieren ließ. Ohne ein Wort des Grußes oder den älteren Mer eines mehr als flüchtigen Blickes zu würdigen, trat er an jenem vorbei und in Richtung des Treppenaufgangs.

"Das wirst du nicht!" Es war keine Feststellung, keine Bitte, sondern schlicht ein Befehl - gesprochen mit derselben Autorität, wie er sie dem jüngeren Mer schon seit dessen frühester Kindheit entgegengebracht hatte. Dem braven, rechtschaffenen Nilquarno, welcher stets ungefragt die Befehle jener befolgte, die über ihm standen.

Seinen Fehler mußte er sich spätestens in dem Moment eingestehen, da der junge Rotschopf zwar kurz in seinen Schritten innehielt, sich allerdings mit eben jenem Ausdruck heißglühender Wut zu ihm umwandte, der seine Schritte überhaupt erst hierher gelenkt haben mußte. Und Ryvendoril wurde mit grausamer Klarheit daran erinnert, daß er selbst dafür gesorgt hatte, den einst so folgsamen Sohn seines Bruders aus seinem unbedingten Vertrauen in Autorität erwachen zu lassen. Er selbst hatte die Auflehnung zu verantworten, mit welcher dieser seinen Weg nach dem kurzen Innehalten unbeirrt wieder aufnahm.

Seine Schritten würden ihn hinauf ins obere Stockwerk tragen, und von dort in den kleinen Garten des Anwesens, wo er auf seinen Vater treffen würde und mit im Zorn gesprochenen Worten alles zunichte machen, was der Bruder des Sippenfürsten in den letzten Monaten mühsam in die Wege geleitet hatte.

Es war reiner Instinkt, der Ryvendoril handeln ließ - der seine Hände zu den Schultern des Neffen führte, um ihn unwirsch herumzureißen und gegen die Wand des Treppenhauses zu stoßen, bevor der Amtsmann die erste Stufe erklimmen konnte. Obgleich er wußte, daß sein Bruder seinen üblichen Arbeitsplatz im Garten eingenommen hatte und ihn von hier aus nicht hören konnte, dämpfte er die eigene Stimme zu einem bloßen Wispern, als er den widerspenstigen Altmer festhielt und wiederholte: "Das wirst du nicht."

Er kannte den Blick, welchen ihm sein Neffe entgegenbrachte. Es war derselbe wie vor einigen Wochen, als der Jungmer erkennen hatte müssen, daß er sein Leben lang einer vollkommen verzerrten Vorstellung seines Vaters hinterher gelaufen war.

Nur daß es diesmal nicht Sippenfürst Herdalion war, auf den sich diese Erkenntnis bezog.

Ryvendorils Blick senkte sich auf die beiden Hände herab, welche seinen einst so gehorsamen Jungen gegen die Wand gedrückt hielten - eine am Unterarm, um den initialen Versuch von Gegenwehr zu verhindern, die andere an seinem Hals, um jegliche weitere Bewegung mit der Androhung von Gewalt zu unterbinden. Was Nilquarno wohl in diesem Moment in seinem Onkel sah? Jemanden, der ihn vor einem gewaltigen Fehler bewahren wollte, oder doch den unbeherrschten, gewalttätigen Mann, zu dem er in den letzten Jahren immer mehr verkommen war?

"Sei vernünftig Junge." Eilig löste er die Griffe, um mit beschwichtigend erhobenen Händen einige Schritte zurückzutreten. "Erinnere dich, was passierte, als Cirwynerel sich gegen ihn auflehnte."

Die Worte trafen ihr Ziel mit einer weitaus verheerenderen Wirkung, als er selbst erwartet hätte. Zorn und Abscheu versiegten unmittelbar aus dem grasgrünen Blick des jungen Erben, um stattdessen einem tiefen Entsetzen zu weichen, das nicht bloß aus der Erwähnung des toten Bruders resultieren konnte. Er hatte unbewußt wohl einen Nerv getroffen, der schon vorher wund und offen gelegen haben mußte.

"Und wir haben dabei zugesehen." Wenig mehr als ein Flüstern, und doch hätte kein Schwertstreich Ryvendoril schmerzhafter treffen können. Dieselben Gedanken, welche ihm seit seiner Gefangenenschaft immer wieder durch den Kopf gegangen waren - umso stärker seit jenem Tag, da man ihm den ausführlichen Bericht über das Ableben seines jüngeren Neffen in die Hand gelegt hatte.

Diesmal versuchte er Nilquarno nicht aufzuhalten, als sich dieser wieder in Bewegung setzte. Es wäre auch nicht nötig gewesen, denn nicht den Stufen wandte sich der rothaarige Altmer zu, sondern dem Torbogen zurück zur Vorhalle. Die Schritte bar der ihnen eben noch innewohnenden Energie, und dennoch zügig - fast wie eine Flucht wirkte es, die ihn wenig später zum Haupteingang des Anwesens hinaus trieb.

Eine aussichtslose Flucht, denn es würde ihn auf Schritt und Tritt begleiten, wie es ebenso stets in Ryvendorils Nacken lauerte - dieses Gefühl von Schuld und Hilflosigkeit.

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Aykami (14.09.2020)