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Donnerstag, 21. November 2019, 06:15

Eine perfekte, alinorische Familie

Gedanken, Briefe und Erzählungen aus dem Hause Elsinian - niederer Adel mit Hauptsitz in Alinor.

Hauptakteure

Sippenfürst Herdalion Caelareth
Oberhaupt des Hauses, Verwalter des Fischerdorfes Sorlenns Ruh, Besitzer der "Artefakterei Elsinian - Accquise, Analyse, Manifaktur und Vertrieb magischer Verzauberungen"


Calinanwe
Ehegattin Herdalions, Herrin der Verträge, Sie-die-alles-sieht-und-hört


Ryvendoril Galencano
Bruder Herdalions, Geschäftsführer der Artefakterei, Freizeitbarde und Weiberheld


Nilquarno Firvanir
Ältester Sohn Herdalions und Calinanwes, Leiter der Werkstatt, Schmied und Verzauberer, neuerdings Ermittler in magischen Angelegenheiten des Thalmor


Cirwynerel Maelin
Jüngster Sohn Herdalions und Calinanwes, Analysemagier der Artefakteri, Heiler und Gildenmagier in Ausbildung



Häufige Schauplätze

Alinorisches Anwesen
Am Rande der Stadt gelegen, mehrstöckiges Haus mit angrenzendem Garten und kleinem Nebenhaus, in welchem der Bruder des Sippenfürsten sein Zimmer hat.

Alinorische Werkstatt
Dient den Mitgliedern der Hauptfamilie und einigen Handwerkern aus den Nebenfamilien als Analyse- und Fertigungsstätte für die Artefakterei. Großzügige Ausstattung Schmiedekunst, Schneiderei, Holzverarbeitung und Edelsteinschleiferei.

Schimmerheimer Werkstatt
Deutlich kleinere Version mit eher rudimentärer Ausstattung und Wohnbereich im oberen Stockwerk. Derzeitiger Aufenthaltsort Nilquarnos.

Sorlenns Ruh
Kleines Fischerdorf in einer abgelegenen Bucht zwischen Alinor und Sonnenfeste. Die 'beeindruckende' Domäne des Sippenfürsten. Besteht aus zwei Fischerhütten, einem schlichten Gästehaus, einem kleinen Obst- und Gemüsegarten und einem einfachen Steg. Wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen.

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Selena (21.11.2019)

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Donnerstag, 21. November 2019, 06:20

Aus der Gefangenschaft

Wie der Gong zu Anfang einer Vorführung, verhieß das leise Quietschen der Türe den Beginn seiner ganz persönlichen Glanzstunde der Schauspielerei. Der große Moment war gekommen, die frisch aufgekeimte Entschlossenheit beiseitezuschieben und stattdessen die Jahrzehnte lang gelebte Unterwürfigkeit zum ersten Mal nur zu spielen.

Ryvendoril Galencano en’Elsinian, jüngerer Bruder des Sippenfürsten Herdalion Caelareth en’Elsinian, blickte von seinem Schreibtisch auf, ohne dabei den Kopf allzu sehr anzuheben. Demütig faltete er die Hände im Schoß und begrüßte die hereintretende Wache mit einem leisen »Auri-Els Licht in unseren Herzen.«

Er kannte den anderen Mer nur flüchtig - einer der Jungspunde aus einer der Nebenfamilien des Hauses Elsinian, erst in den letzten Monaten nach Alinor gekommen, um der Hauptfamilie als Wache zu dienen. Ein junger Bursch, sicherlich nicht älter als Ryvendorils jüngster Neffe, noch voller Tatendrang und jugendlichem Eifer.

Und offenbar vollkommen ungeübt im hauseigenen Intrigenspiel.

Der arme Junge war sich offenbar nicht sicher, wie er handeln sollte. Einerseits war es der Bruder seines Sippenfürsten, welcher da vor ihm saß, Mitglied der Hauptfamilie, Sohn des letzten Sippenfürsten, Leiter des Familienbetriebes. Andererseits ... ein Mer, welcher seit nunmehr über einem halben Jahr in diesem Zimmer eingesperrt war, in Ungnade gefallen vor dem Sippenfürsten und seines Status innerhalb des Hauses enthoben.

Mit einem innerlichen Schmunzeln, welches nie sein noch immer demütig herabgeneigtes Haupt erreichte, nahm ihm Ryvendoril die Entscheidung ab, ob er nun mit Respekt oder Verachtung behandelt werden sollte. Er rutschte vom Stuhl, um auf die Knie zu gehen und mit flehendem Blick zu ihm aufzusehen.

»Sippenfürst Herdalion erwartet Eure Anwesenheit im Garten«, versuchte der junge Wächter wohl, mit fester Stimme und entschlossener Autorität zu glänzen, doch die Unsicherheit war deutlich aus seiner Stimme herauszuhören. Demonstrativ nahm er seinen Platz neben der Türe ein und bedeutete dem Gefangenen, nach draußen zu treten.

Nein, ›Gefangener‹ war das falsche Wort. Freilich hielt Haus Elisinian keinen der ihren gegen dessen Willen in seinem Zimmer eingesperrt. Offiziell erzählte man sich sicherlich Geschichten darüber, wie der arme Bruder Herdalions von einer fürchterlichen Krankheit gezeichnet war, bettlägerig und für den Moment nicht zu sprechen. Nein, nein, Mitleidsbekundungen seien nicht angebracht, sicherlich würde sich sein Zustand baldigst verbessern.

Beinahe hätte Ryvendoril bei der Vorstellung hysterisch losgelacht - aber damit hätte er sein Schauspiel ruiniert, und viel zu lange hatte er auf diesen Moment gewartet, um ihn nun mit einer solch närrischen Handlung zu verderben. So rappelte er sich nur rasch auf und folgte dem Deut des Jünglings.



Obgleich ein großzügiges Fenster die Nordseite seines Zimmers dominierte, empfand er das Licht des Magnusrunds als gleißend hell, und für einen Moment lang mußte er die Hand vor die Augen heben, um diesen Linderung zu verschaffen. Nach sechs Monaten in einem kleinen Raum, umgeben von Mauern und dem hölzernen Gebälk des Daches, drohte ihn zudem die unendliche Weite des Firmaments beinahe zu erdrücken, und rasch senkte er den Blick, um sich nicht in der Aussicht auf Alinor zu verlieren, die ihn von seiner Seite des Gartens aus zurück im Leben begrüßte.

»Der Sippenfürst wartet ...« Wieder fehlte es dem Jungen hörbar an Nachdruck, aber Ryvendoril beeilte sich dennoch, den Worten Folge zu leisten. ›Demut‹, ermahnte er sich innerlich zur Ruhe - anstatt dem Impuls zu folgen, dem Wächter mitzuteilen, wohin sein ehrenwerter Bruder sich seine Ungeduld stecken könne.

Ungleich schwerer fiel es ihm, das Schauspiel absoluter Unterwürfigkeit aufrecht zu erhalten, als sie sich der kleinen Überdachung näherten, in welcher der Hausherr für gewöhnlich seine ›Audienzen‹ mit dem niederen Volk abzuhalten pflegte. Der hagere Mer, wie so oft gehüllt ihn sündhaft protzige Kleidung und mit edelstem Schmuck aus der hauseigenen Werkstatt behangen, thronte auf seinem erhöhten Sitz. Er würdigte seinen jüngeren Bruder dabei keines Blickes, schnalzte nur genervt mit der Zunge.



»Ich hätte nicht gedacht, daß du mich noch mit deiner Gegenwart beehren würdest, Ryvendoril. Hattest du wichtigere Dinge zu erledigen, als dich deinem Sippenfürsten zu präsentieren?« Als er bei den schnippischen Worten doch noch den Blick anhob, zeichnete sich kurz darauf eine Spur von Ekel auf dem faltigen Gesicht ab. »Und hat man verabsäumt, dir Rasierklinge und Kamm an dein Krankenbett zu bringen?«

Es kostete den jüngeren Mer alle Kraft, seinem verhaßten Bruder nicht an die Kehle zu springen, sondern nur schweigend vor dessen Schreibtisch auf die Knie zu gehen und den Blick zu Boden zu richten. ›Demut‹, wiederholte er dabei stumm, immer und immer wieder. Herdalion glaubte, auf einen gebrochenen, willenlosen Bruder hinabzusehen, und alles wäre umsonst gewesen, hätte er stattdessen die Wahrheit erkannt.

»Calinanwe«, fuhr der Hausherr nach einigen Momenten fort, »ließ mich wissen, du hättest mir etwas mitzuteilen? Ich bin gespannt Bruder, sie behauptet gar, du hättest deine Verfehlung eingesehen?« Da saß er ... der Mer, der ihn die letzten Monate in seinem Zimmer festgehalten hatte, der Mer, den er über alles haßte.

Der Mer, der ihm sein Kind genommen hatte.

Rasch senkte er den Kopf, um das haßerfüllte Funkeln in den giftgrünen Augen zu verbergen, bis seine Stirn beinahe den kühlen Steinboden berührte. »Herdalion«, krächzte er mit zittriger, rauher Stimme. Wie lange es wohl dauernd würde, bis seine Stimmbänder wieder zu ihrer alten Form zurückkehrten? Zu der dunklen, klaren Singstimme, welche so manche Dame mit ihrer Reinheit zu umgarnen vermochte? »Ich flehe dich um Vergebung an, Bruder. Ich habe Schande über unser Haus gebracht - Lust und körperliche Begierden über das Ansehen unserer edlen Familie gestellt.«

Den Blick mußte er nicht anheben, um die eisblauen Augen Löcher in seinen Kopf bohren zu fühlen. Zweifelte der alte Magier an der Aufrichtigkeit der Worte? Hatte er seinen Bruder durchschaut, vielleicht schon Calinanwe durchschaut, als diese ihm die Bitte um dieses Treffen überbrachte? Ahnte er etwas von dem Komplott, welchen Bruder und Ehefrau gemeinsam gegen ihn am Schmieden waren?

»Es hat reichlich lange gedauert, zu dieser Einsicht zu kommen, Ryvendoril«, kam stattdessen die abfällige Antwort. »Und ich dachte, Cirwynerel sei der Unbelehrbare in dieser Familie?« Bei der Erwähnung seines jüngeren Neffen ballten sich die Hände des Knienden unwillkürlich zu Fäusten. Calinanwe hatte ihm unter Tränen erzählt, wie es um den jüngsten Sohn des Hauses stand, um einen Jungen, den er selbst wie seinen eigenen großgezogen hatte, als dessen Vater nur Kälte und beständige Demütigung für ihn übrig gehabt hatte.



»Ich war ... von Emotionen geblendet, Bruder. Aber ich kenne meinen Platz, und so du es mir gestattest, würde ich diesen wieder einnehmen - nein, mehr noch, dieses Mal mit der notwendigen Ernsthaftigkeit den guten Ruf der Familie aufrecht erhalten. Meinem Haus dienen, wie die Ahnen es vorgesehen haben.« Insgeheim fragte er sich, ob er zu dick auftrug - andererseits, war sein Bruder dies nicht von ihm gewohnt? Ewig der gutgelaunte Dichter, Musiker, Schwerenöter.

»Dann soll ich also bestätigen, daß mein Bruder sich von seiner langen, schweren Krankheit erholt hat und uns demnächst wieder in der Werkstatt zur Verfügung stehen wird? Tatsächlich gibt es einiges zu tun, Ryvendoril, nun da mein Ältester mehr Zeit mit seinem Dienst in schwarzer Uniform verbringt denn im Familienbetrieb.«

Aufregung drohte den jüngern Bruder bei diesen Worten zu ergreifen. Hatte er es geschafft? Hatte er ihn davon überzeugt, geläutert zu sein und mehr denn je seine Rolle als Spielfigur des Sippenfürsten zu akzeptieren? »Ich werde meine Aufgaben so bald als möglich wieder aufnehmen, Herdalion. Nilquarnos Ausbildung zum Leiter des Unternehmens fortsetzen, möglicherweise auch Cirwynerels, nun da er wieder einen Teil seiner Arbeiten aufgenommen hat?«

Eine wegwerfende Geste des Sippenfürsten bedeutete ihm, wie wenig sich dieser um die Arbeitsverteilung innerhalb des Familienunternehmens scherte, solange dieses die Goldbestände des Hauses beständig aufzufüllen vermochte. Von Bedeutung war ohnehin nur, daß der alte Mer offenbar beschlossen hatte, seinem jungen Bruder den alten Platz wieder einzuräumen - ein Umstand, welchen er mit seinen darauffolgenden Worten untermauerte: »Bevor du das Haus verläßt, würde ich dir allerdings einen Aufenthalt an Calinanwes Frisiertisch ans Herz legen. Es wäre unschön, würde man dich auf dem Weg zur Werkstatt in ... diesem Zustand antreffen.«

Ryvendoril senkte nochmals das Haupt tief herab, ehe er sich dann aus dem Knien hochdrückte und eine Verbeugung andeutete. Sein Bruder wiederholte die teilnahmslose Geste, ein Zeichen, sich aus seiner Gegenwart zu entfernen. Und so steuerte der einstige Gefangene auf die Tür zum restlichen Anwesen zu, statt zurück in das trostlose Zimmer zu treten, welches er so lange nicht verlassen hatte. Der zottelige Bart verhüllte das Heben seiner Mundwinkel, als er die ersten Schritte in Freiheit tat und ein einzelner Satz seine Gedanken dominierte:

›Haus Elsinian wird brennen.‹

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Herzmauser (21.11.2019), Selena (21.11.2019)

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Freitag, 22. November 2019, 20:56

Alaxon

Nilquarno mußte den Kopf nicht anheben um zu wissen, wer gerade durch die Tür seiner Werkstatt getreten war. Nicht nur das fehlende Klopfen, auch die Zaghaftigkeit der Schritte verrieten seinen Besucher. Ebenso wie die Tatsache, daß dieser mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt blieb, anstatt weiter ins Innere zu treten.

»Auri-Els Licht in unseren Herzen, Cirwynerel. Komm nur herein.« Behutsam bettete der ältere der beiden Brüder die goldene Ringfassung, an welcher er eben noch gearbeitet hatte, zurück auf den Arbeitstisch. Der Besuch des jüngsten Sprosses seines Hauses überraschte ihn nicht - viel mehr vielleicht sogar, daß dieser zwei volle Tage hatte verstreichen lassen. Schließlich war der Jungmagier nicht unbedingt für seine Geduld bekannt.

»Mh ...«, kam es nur leise vonseiten der Tür, ohne daß sich der Besucher auch nur einen weiteren Schritt ins Innere wagte. Als sich Nilquarnos grüne Augen auf den kleinen Bruder richteten, bot sich ihm ein erschreckender, aber keineswegs unerwarteter Anblick - wie so oft, wenn ihn schwerwiegende Gedanken plagten, hatte er in den letzten Tagen keinerlei Zeit auf sein Äußeres verschwendet. Das Haar hing wild in einem nur locker zusammengefaßten Roßschwanz über die linke Schulter und der Bart hatte durchaus Ähnlichkeit mit seinen einstigen Versuchen, ›unauffällig‹ in einer Stadt voller Diebe und Halunken unterzutauchen.



Mit einem gutmütigen Seufzen verwarf Nilquarno seine Planung, den jungen Gast auf eine Tasse Tee ins Besprechungszimmer einzuladen. Stattdessen bedeutete er ihm mit einem einladenden Lächeln, hinter die Theke in den privaten Bereich der Werkstatt zu folgen.

»Ich ... bin nur hier um ... mir dein Urteil anzuhören.« Da war er wieder, der verunsicherte kleine Junge, der sich verzweifelt um ein möglichst erwachsenes Auftreten bemühte. Unverkennbar die Angst in seiner Stimme, der Blick etwas seitlich zu Boden gerichtet, und dennoch der Versuch, mit großen Worten und stolz durchgestrecktem Rücken Würde zu zeigen. Irgendwann würde er lernen müssen, stattdessen schlicht die Unsicherheit abzulegen.

Anstatt einer verbalen Antwort trat der ältere Bruder dann einfach selbst um die Theke herum, um eine von Cirwynerels Händen zu ergreifen. Erschrocken legten sich die bernsteinfarbenen Augen auf ihn - Berührungen waren seit ihrem Zerwürfnis vor vielen Jahren eine Seltenheit geworden zwischen den beiden Geschwistern, und daran hatten bisher auch nicht die zaghaften Annäherungsversuche der letzten Wochen etwas ändern können. Umso mehr Wert legte er darauf, den Griff fest um die Hand geschlossen zu halten und ihn behutsam in Richtung der Treppen zu führen.

»Ich möchte nur wissen ...«, setzte der Jüngere auf halben Wege ins obere Stockwerk erneut protestierend an, aber ohne jeden Nachdruck und vor allem ohne sich gegen den Griff zu wehren. Er hatte seine Zukunft in die Hände des Bruders gelegt und zeigte sich trotz seiner Sturheit so folgsam wie seit ihrer Kindheit nicht mehr. Nilquarno gestand sich daraufhin einen Funken Hoffnung zu, das schwarze Schaf der Familie vielleicht doch langsam wieder auf den rechten Pfad zurückführen zu können.

Vorerst führte er ihn aber nur in den hinteren Teil des Hauses, in den kleinen aber wohlausgestatteten Hygienebereich seines bescheidenen Schimmerheimdomizils. Dort, am Frisiertisch mit dem geschwungenen Spiegel und der diffusen Laterne, entließ er ihn schließlich aus seinem Griff, um einladend auf den reichlich gepolsterten Hocker zu deuten. »Setz dich, Bruder.«

Zweifelnde Honigaugen richteten sich erst auf die bequeme Sitzgelegenheit, dann auf den Hausherren. »Nilquarno, ich bin nur hier um ...«

»Cirwynerel Maelin«, mahnte ihn der Ältere mit gutmütiger Strenge, während er die Schultern des Jünglings ergriff und diesen sachte, aber mit deutlichem Nachdruck auf die Sitzfläche des Polstermöbels bemühte. »Du hast mich gebeten, dein Richter zu sein - jetzt bitte ich dich darum, mein Bruder zu sein.«

Ohne die Antwort erst großartig abzuwarten, fischte er die notwendigen Utensilien aus einer der Laden der Kommode hervor, breitet diese auf der Arbeitsfläche aus und wandte sich dann mit einem Lächeln zu seinem Gast herum. »Du solltest nebenher wirklich lernen, deinen Hang zu dramatischen, großen Worten zu zügeln. Ich bin nicht dein Richter, ich bin ein einfacher Amtsmann. Mir obliegt es nicht zu entscheiden, wie mit Ketzern verfahren wird. Bei mir ruht einzig die Entscheidung, dich bei den Kollegen zu melden, sollte es nötig sein.«

»Und ...« Der Junge hatte die Hände im Schoß gefaltet und hockte ein wenig verloren vor dem Tisch, die Augen leicht geweitet und die Lippen zwischen den Worten immer wieder unsicher aufeinandergepreßt. »... hast du deine Entscheidung getroffen?«

Behutsam, das merkliche Zurückzucken seines Bruders ignorierend, bettete er dessen Kinn eine Hand, um erst die eine Wange zur Inspektion zu sich zu drehen, dann die andere. Die Konturen des Bartes waren unter den frischen Stoppeln noch deutlich zu erkennen, was seine Arbeit doch ungemein erleichtern würde. Schmunzelnd fragte er sich, ob sich der jüngere Elsinian eigentlich darüber im Klaren war, daß er denselben Schnitt gewählt hatte wie er, entgegen des rebellischen Auflehnens gegen den älteren Bruder.

»Nein«, offenbarte er ihm, während er vorsichtig die Klinge an der rechten Wange ansetzte. Wie viel Zeit war vergangen, seit ihrer ersten Sitzung dieser Art? Damals, als er einem ganz fürchterlich aufgeregten Cirwynerel zugestanden hatte, dessen Wangen vom ersten, weichen Flaum zu befreien. Kurz vor dem Bruch zwischen Vater und Sohn, der die Familie entzweireißen und Nilquarno in den bersteinfarbenen Augen zum Feind degenerieren lassen sollte. »Du wirst mir einige Fragen beantworten und einige Zugeständnisse machen müssen.«



»Frag ...« Er kannte den Tonfall nur allzu gut - dieses innere Stählen, das Vorbereiten auf einen deftigen Schlag in die Magengrube. In den letzten Monaten hatte der jüngste der Elsinians offenbar eine neue Einstellung zur Ehrlichkeit entdeckt, die sich nicht nur in seinen Worten offenbarte, sondern durchaus auch in seinem Verhalten. Die ewig höfische Maske absoluter Ausdruckslosigkeit war scheinbar größtenteils aus seinem Repertoire verschwunden, stattdessen schien er immer öfters seine Gefühle nach außen zu tragen - bewußt oder unbewußt.

»Cirwynerel - das hier ist kein Verhör, und ich will dir nichts Böses«, versuchte er ihn schmunzelnd zu beruhigen, während die Klinge behutsam über die ebenmäßige Wange glitt. »Ich muß nur deine Intentionen kennen. Du sagst, du hast nicht vor, die Sitten und Gesetze zu brechen, obgleich du deren Grundlagen anzweifelst?«

»Das werde ich nicht, nein.« Ein wenig eingeschränkt beim Sprechen, antwortete der junge Mann dennoch gewohnt weit ausholend. »Es wäre anmaßend Gesetze zu brechen, anstatt auf legalem Wege daran zu arbeiten, falsche ...« Ein sachtes Zischeln brachte ihn mitten im Satz zum Verstummen.

»Belasse es bei einem Nein, Bruder. Warum versuchst du dich in langen Erklärungen zu verstricken, deren einziger Effekt es doch ist, Zweifel zu schüren. ›Nein, das werde ich nicht‹ ist mehr den ausreichend, um die Frage zu beantworten.« Mit einem leisen Aufseufzen ließ er das Ende des unausgesprochenen Satzes ziehen, anstatt sich damit zu quälen, diesen in Gedanken weiterzuspinnen. Er war sich recht sicher, daß ihm das Ergebnis nicht sonderlich zugesagt hätte. »Sprichst du offen über deine Zweifel - versuchst du andere davon zu überzeugen, warum sie diese ebenso hegen sollten?«

Ein kurzes Schweigen folgte darauf - ob nun auf die kleine Rüge, oder um über die Frage selbst nachzudenken, konnte er nicht weiter erkennen. Die Anspannung aber war dafür umso stärker zu spüren, fest waren die Kiefer des jungen Mer aufeinandergepreßt und der Blick trotz der aktuellen Nähe an seinem Bruder vorbeigerichtet. »Ich werde nicht lügen, sollte jemand direkt fragen. Aber ich ...« Dennoch entging ihm wohl nicht der mahnende Blick, auf welchen hin er sich rasch verbesserte: »Nein, das tue ich nicht.«

»Gut. Und bist du gewillt, mich einmal in der Woche hier aufzusuchen und mit mir über Glaubensfragen zu sprechen, damit wir daran arbeiten können, deine Zweifel auszuräumen?« Welch Glück, daß er ein recht gutes Gespür für die Reaktionen seines Bruders hatte - vorsorglich hatte er die Rasierklinge von der goldenen Haut abgesetzt, noch ehe der Jüngere überrascht zusammenzucken konnte.

»Nilquarno«, kam die gequält klingende Antwort einen Moment später. »Das ist keine Frage von Gesprächen. Denkst du, ich hätte nicht selbst oft genug darüber nachgedacht? Es ist meine Überzeugung, daß...«

»Halt.« Das Wort war nicht laut gesprochen, und dennoch ließ der schneidende Unterton darin den sitzenden Mer verstummen. »Bevor du weitersprichst, solltest du dich der Situation bewußt werden, in der du dich befindest. Ich werde nicht stillschweigend dabei zusehen, wie mein kleiner Bruder apraxische Gedanken hegt. Habe ich das Gefühl, daß ich nichts tun kann, um deine Seele noch vor dem Abgrund zu retten, auf den du dich zubewegst - dann werde ich die Priesterschaft oder meine Kollegen darum bemühen, dich zu erretten. Falls Verbannung dazu der einzige Weg ist, dann sei es so. Aber wenn es dich schon nicht kümmert, in welche horrende Lage du mich damit bringst, dann denke zumindest darüber nach, was dies für unsere Mutter bedeuten würde.«

Daß die Worte ihr Ziel nicht verfehlten, war unverkennbar. Zusammengesunken wie ein Häufchen Elend saß das Nesthäkchen des Hauses vor ihm, zumindest bis er neuerlich nach dessen Kinn griff und ihn sachte wieder etwas nach oben führte. »Also. Bist du gewillt, dich regelmäßig mit mir bezüglich Glaubensfragen zusammenzusetzen?«

Er wartete noch das zögerliche Kopfnicken ab, ehe er dann wieder behutsam die Klinge ansetzte. »Dann sehe ich im Moment keinen Wert darin, behördliche Schritte einzuleiten. Zweifel an sich sind noch kein Tatbestand, solange du sie für dich behältst. Aber sei dir dessen bewußt, daß du von nun an unter strenger Beobachtung stehst. Sollte ich auch nur den geringsten Verdacht hegen, du hättest vor, deinen fehlgeleiteten Überzeugung entsprechende Taten folgen zu lassen, liegt die Verantwortung über dich nicht mehr in meinen Händen.«

»Mh ...« Ein gedämpfter Laut der Zustimmung, vom Klang her recht zwiegespalten - einerseits war die Erleichterung deutlich daraus hervorzuhören, andererseits schwang ein hörbar unglücklicher Unterton darin mit. Sein Bruder war wohl mit dieser Zwischenlösung nicht minder unzufrieden als er selbst, aber für den Moment mußten sie sich wohl beide damit abfinden. Entweder bis er den Jüngeren wieder zurück zum Glauben geführt hatte ...

... oder aber direkt nach Nuorne.

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Deikan (22.11.2019)

4

Sonntag, 22. Dezember 2019, 14:50

Die ersten Schritte

Ryvendoril nahm sich die Zeit, mehrmals tief durchzuatmen und den beständig in ihm schwelenden Haß damit auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Genug, um diesen hinter der höfisch-unterwürfigen Maske zu verbergen. Nicht genug, um das siedendheiße Kribbeln in seinem Nacken gänzlich zu unterdrücken.

Sein Bruder hatte sich in die Schreibstube zurückgezogen, wie ihn das beständig ertönende Kratzen einer Feder auf feinstem Papier wissen ließ. Die perfekte Umgebung, die ersten Grundschritte seines Planes in die Tat umzusetzen. Herdalion hielt sich für gewöhnlich hier auf, um seine Korrespondenzen zu verfassen - war also vermutlich in bester Intrigenstimmung.

»Auri-Els Licht in unseren Herzen, Herdalion«, ließ er schließlich beim Eintreten im freundlichsten Ton erklingen, den er sich dem verhaßten Bruder gegenüber abringen konnte. Jener reagierte wie erwartet - er würdigte den jüngeren Elsinian nicht eines Blickes, geschweige denn einer Entgegnung.

»Man erzählt sich interessante Dinge auf den Straßen der Stadt«, fuhr er schlicht fort, während die Feder weiterhin ungerührt Worte auf Papier bannte, als hätte der jüngere Bruder nie die Stimme erhoben. »Eine der Ruinen aus der ersten Ära soll wieder instandgesetzt werden, um künftig als Festsaal zu dienen.«

Ohne jede Hast wurde die Feder in das reichlich verzierte Tintenfaß getaucht, um dann wieder in aller Ruhe über das teure Papier zu wandern.

»Perfekt gelegen für ein solches Vorkommen, im Gebirgszug südlich der Stadt und mit Eingang unweit des westlichen Stadttores.« Er zog sich einen der Stühle heran, um seinem Bruder gegenüber platzzunehmen. Ein zugegebenermaßen riskanter Zug, wollte die nonchalante Geste doch nicht ganz zu seinem derzeitigen Schauspiel demütiger Unterwürfigkeit passen - doch zumindest verfehlte sie die gewünschte Wirkung nicht.

Die Hand mit der Schreibfeder hielt inne, und ein alles andere als amüsiert wirkendes Gesicht wandte sich in Ryvendorils Richtung, um diesen mit einem eiskalten, gefährlich intensiven Blick zu durchbohren. »Hat deine Geschichte eine Pointe, welche mich auch interessieren könnte - oder badest du nur wieder in der Möglichkeit, dem Klang deiner eigenen Stimme lauschen zu können?«

»Mir würde nie in den Sinn kommen, dich mit Belanglosigkeiten zu tangieren, Bruder.« Dem inneren Drang entgegen, den Blick standhaft zu erwidern, senkte er den Kopf artig herab. »Die Pointe der Geschichte mag die Initiatorin dieser Angelegenheit sein, welche für dich durchaus von Interesse sein könnte.«

Herdalion brauchte die Frage nicht erst aussprechen - das eisige Stieren, welches sein jüngerer Bruder trotz gesenkten Blickes noch allzu deutlich auf sich spüren konnte, sprach Bände.

»Minandaale Estalwen il'Larethorin av Alinor.«

In aller Ruhe griff der Sippenfürst nach einem Tuch, um damit die Spitze der Schreibfeder gründlich zu reinigen - Ryvendoril allerdings kannte seinen Bruder viel zu gut, um aus dieser Bewegung nicht die Aufregung herauslesen zu können, welche der Name in ihm ausgelöst hatte.

»Die Tochter der Häuser Larethorin und Tarween, Nachfahrin Minwerdil-Vairlonwes?«

»Eben jene ...« Er gestand sich zu, ein wenig der Genugtuung in seiner Stimme mitklingen zu lassen - selbst der geläuterte, demütige Ryvendoril würde sich schließlich den Triumph nicht nehmen lassen, seinem Bruder eine interessante Neuigkeit mitgeteilt zu haben. »Die Halle soll zu Minwerdil-Vairlonwes Zeiten bereits als Ort der Zusammenkunft gedient haben, und Minandaale Estalwen plant nun, sie zu deren Ehren wieder ihrem ursprünglichen Zwecke zuzuführen.«

»Und Haus Elsinians Platz in jener Geschichte?« Natürlich, ganz der ewig machtversessene Sippenfürst - direkt auf den Punkt gekommen, direkt die eigenen geschäftlichen Interessen angesprochen.

»Die Artefakterei steht in der engeren Wahl, sich um Beleuchtung und weitere arkane Installationen zu kümmern. Allerdings ...« Er kostete es aus, eine kurze, dramatische Pause einzulegen, um dann mit dem Grundkern seines Planes aufzuwarten: »Haus Larethorin ist zudem auf der Suche nach einem Organisator, welcher die diversen Subkontraktoren koordiniert und den Gesamtfortschritt der Renovierungsarbeiten überwacht.«

Man konnte die Gier in den eisblauen Augen förmlich aufblitzen sehen - hatte er sich vorhin noch Gedanken darüber gemacht, ob der Kopf des Hauses sich auf eine solch riskante Unternehmung einlassen würde, so waren sämtliche Zweifel nun wie hinfortgewischt. »Und die Artefakterei hat sich angeboten, diese Aufgabe zu übernehmen?«

»Noch nicht ...« Die Hand auf Herzhöhe gegen die Brust gelegt, neigte Ryvendoril neuerlich das Haupt voran. »Ich hielt es für angebracht, eine solch weitreichende Entscheidung erst mit dir zu besprechen.«

Einige Herzschläge vergingen in absoluter Stille, in welcher der Blick des älteren Elsinians nur auf seinem Gegenüber ruhte - ehe er dann die Hand zu einer abwinkenden Geste anhob. »Dann vergeude nicht weiter meine Zeit. Laß es mich wissen, sobald Minandaales Zusage vorliegt.«

Wie Teile einer komplexen Dwemer-Konstruktion klickten die nächsten metaphorischen Zahnrädchen in die für sie vorgesehen Aussparungen. Sein Plan mochte sich noch in seinen Anfängen befinden, doch mehr und mehr begann er Gestalt anzunehmen und sich in exakt den vorgesehenen Bahnen zu entwickeln. Herdalion war auf dem besten Wege, seinen eigenen Untergang vorzubereiten - und Ryvendoril genoß jeden einzelnen Moment davon.

»Ganz wie du wünschst«, entgegnete er lächelnd beim Aufstehen - und das letzte Wort, ehe er den Raum verließ, sprach er mit einer solchen Genugtuung, daß er fürchten mußte, der Herr des Hauses müsse den Haß darin unweigerlich heraushören:

»Bruder.«

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Dienstag, 7. Januar 2020, 21:16

Zitat

Cerum Ryvendoril,

Es war mir eine Freude, den Namen Eurer Werkstätte auf der Liste potenzieller Kandidaten für die Renovierung Newel-Barravir-Merkynds vorzufinden. Der Einbau eines magischen Eindämmungssystems für eine der traditionellen arkanen Schulen im vergangenen Jahr ist freilich nicht unbemerkt geblieben, und ich war gespannt, ob Ihr Euch auch dieser Herausforderung stellen würdet.

Allerdings bin ich ein wenig überrascht über den Vorschlag, die Artefakterei Elsinion könne ebenso die Koordination der restlichen Handwerksbetriebe übernehmen, welche für die Wiederherstellung von Minwerdil-Vairlonwes Halle herangezogen werden sollen.

Ich habe mir die Freiheit genommen, die Aktivitäten Eures Hauses in den vergangenen zwei Generationen etwas näher zu prüfen. Löblich stellen sich mir da die Tätigkeiten des Erben Eures Hauses dar. Die Mitgliedschaft im Thalmor zeugt von Regeltreue und Disziplin, ebenso wie die langjährige Erfahrung in der Ausrichtung von Wiederbeschaffungs- und Erkundungsmissionen auf die nötigen Planungsfertigkeiten schließen lässt, welche ich für diese Unternehmung suche.

Hingegen muss ich mich schon sehr über jenen Vorfall wundern, welcher im letzten Winter zum Ableben einer gesamten Expeditionsgruppe führte. Wie mag ich mich auf die Zuverlässigkeit der Artefakterei Elsinian verlassen, wenn es offenbar in jenem Fall zu einer ganz fürchterlichen Mißkalkulation kam?

Ebenso fragwürdig stellt sich mir der Lebenswandel des jüngeren Sprosses der Familie dar. Auch wenn sich die Gerüchte in den vergangenen Monaten von mäßig unter den Teppich gekehrten Skandalen zu mustergültigem Verhalten in der Öffentlichkeit gewandelt haben mögen, bleibt die Tatsache seiner Mitgliedschaft in einer fremdländischen Gilde. Wie darf ich es verstehen, dass der Sohn eines Sippenfürsten nicht etwa eine praxische Ausbildung durch fachkundige Experten sucht, sondern sich lieber einem wild zusammengewürfelten Haufen Halb-Wilder anschließt?

Ich fürchte, es wird wohl besserer Argumente bedürfen, um mich von der Eignung Eures Hauses für diese ehrenvolle Aufgabe zu überzeugen als einen schmeichelnden Brief und ein pomposisches Schmuckstück. Auch wenn ich die darauf liegende Verzauberung durchaus als reizvoll erachte und mich gespannt zeige, welche arkanen Kunststücke Ihr für Newel-Barravir-Merkynd angedacht habt.

Im Anhang findet Ihr Ort und Zeit für ein persönliches Treffen, bei welchem Ihr die Gelegenheit bekommen sollt, mir Euren Standpunkt darzubringen. Überzeugt mich, dass die Artefakterei Elsinian die unbezahlbare Gelegenheit verdient hat, die Renovierung einer geschichtsträchtigen Berghalle zu beaufsichtigen.

In Erwartung einer positiven Antwort,

Minandaale Estalwen 'len Culdayel Norali il'Larethorin 'ata Aryavarel Parcaelion en'Tarween 'cal Minwerdil-Vairlonwe av Alinor