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Montag, 15. April 2019, 08:50

Ein Brief.

Mein Liebster Arthur,

Du weißt, wie unermesslich ich mich nach dir verzehre und wie sehr es mir widerstrebt, deinen strahlenden Tag mit meinen Worten zu verschleiern, doch sie drängen mit all ihrer Kraft aus mir heraus. Ich nehme an, dass Du diesen Brief ohnehin ungelesen in den Kamin werfen wirst, und kann es Dir nicht einmal verdenken. Doch so lang Du noch unter den Lebenden weilst, werde ich Dir weiterhin schreiben, in der stillen Hoffnung, dass Du mein Rufen eines Tages erhörst und zu mir zurückkehrst. Und weil das Schreiben meine Gedanken befreit, die so hartnäckig an meinem Verstande nagen.

Ich möchte Dir von meinem gestrigen Tag erzählen, und von den Zweifeln, die mich umschlingen. Wie jeden Tirdas begab ich mich im Morgengrauen zum Markt, um ein paar frische Kaninchen und einen Fisch zu erstehen. Für gewöhnlich dirigiere ich mein Bosmer-Mädchen im Umgang mit dem Marktpersonal, allerdings steht sie mir bei den derzeitigen Umständen nicht zur Verfügung, und so war ich genötigt, mich persönlich mit ihnen zu befassen. Es war die reinste Tortur.

Wie Du weißt, mein Liebster, verfüge ich über eine sehr feine Nase, und bei derart strengen Gerüchen, wie sie bereits am frühen Morgen auf einem Markt herrschen (der gemeine Marktschreier zählt nun einmal zum gewöhnlichen Pöbel und muss seinen Stand allein errichten), verliert auch meine Maske den Großteil ihrer Wirkung, selbst wenn sie großzügig in Wasserlilienöl getränkt wurde. Und so kroch er mir durch die Nase in den Kopf, der widerwärtige Gestank von Schweiß und Fisch und gärendem Obst, während dieser sabbernde Kater seinen Blick nicht von meinem Goldbeutel zu lösen vermochte. Und obgleich ich mich nahe an der Schwelle zur Bewusstlosigkeit bewegte, erkannte ich in diesem Geruchspotpurri diesen einen, ganz besonderen Duft, leicht süßlich, der mir die Haare zu Berge stehen lässt. Du weißt, welchen ich meine, ich habe Dir allzu häufig davon erzählt.

Erinnerst Du dich noch an die Zeit, als wir gemeinsam über die Märkte schlenderten, gewärmt von der Sonne über unseren Köpfen und der Liebe in unseren Herzen? Hand in Hand schritten wir voran und sogen die Blicke auf, die uns von jedermann zugeworfen wurden, während unsere Dienerschaft den süßesten Honig und die saftigsten Beeren herbeischafften. Blicke voll der Bewunderung und des Begehrs, des Neids ob deines stattlichen Ansehens und meiner Makellosigkeit. Deine stolz geschwellte Brust, meine zarte, reine Haut, das leuchtende Haar und die seidenen Kleider mit den zierlichen Goldbeschlägen. Unsere Anmut konnte wahrhaft blenden. Oh, wie ich diese Zeit vermisse.

Aus dem Blick des gierigen Fischverkäufers mit dem fettigen Fell strahlte mir keine Bewunderung mehr entgegen, kein Begehren; er zeigte offen seine Abscheu. Kannst Du dir vorstellen, wie sehr es schmerzt, geschmäht und verabscheut zu werden? Ein Blick, der die Widerwärtigkeit wiederspiegelt, die dein Gegenüber in dir sieht, verbunden mit einem freundlichem Lächeln und gelogenem Geschmeichel sind weitaus schlimmer als eine ernsthafte, feindselige Beleidigung. In der Öffentlichkeit ernte ich solche Blicke sehr häufig und jedes Mal zerbricht ein Teil meiner Menschlichkeit in mir. Es bereitet mir großen Kummer, dass nicht mehr viel übrig ist, was zerbrechen kann und ich habe Sorge, dass das Band, die Gefühle, die ich für die Menschen und Elfen hege, endgültig zerreißen und ich von Trauer und Hass übermannt werde.

Ich wünsche mir sehnsüchtig und mehr als alles andere, dass Du, mein Liebster, mich vor diesem Schicksal bewahrst. Und doch weiß ich, tief in meinem sterbenden Herzen, dass dieser Wunsch ein Traum bleiben wird, ein Traum, der irgendwann verblasst und seine schützende Barriere zerfallen lässt. Die Zeit meiner makellosen Schönheit ist längst überdauert und es ist nichts mehr übrig, was deine Begierde auf mich ziehen kann; es ist nichts mehr übrig, was irgendjemandes Begierde auf mich ziehen könnte. Und bald wird von mir nichts mehr übrig sein als die unnahbare Fassade, die ich mit allen Mitteln aufrecht erhalten muss.

Während ich Dir diese Zeilen schreibe, mein Liebster Arthur, schaut mir mein Bosmer-Mädchen aus ihren trüben Augen zu. Ihre Haut ist so makellos und rein, wie meine einst war, sieht man von der Narbe auf ihrer Wange ab. Du hast sie nie kennengelernt, Du hättest sie gemocht. Sie war so ein liebes Kind und ich bereue fürchterlich, was ich ihr angetan habe. Es wird nur noch wenige Tage brauchen, bis die Fliegen sich an ihr laben. Dann wird auch ihre Schönheit der Vergangenheit gehören.

Seit Tirdas leistet mir außerdem ein hübscher kleiner Nord-Junge Gesellschaft. Er ist der Sohn des Nord, dem der Winterrüstungsstand gehört. Er sitzt mir schräg gegenüber, auf dem Platz, an dem Du immer zu lesen pflegtest. Ich erinnere mich gern daran, wie Du mir dort aus den Legenden der Altmer vorgelesen hast und deine tiefe Stimme den Raum erfüllte, geschwängert von einem leichten rothwardonischem Akzent und deinem gerolltem R, das ich in meinem Körper vibriren spürte. Ich weiß nicht, ob ich Dir je gesagt habe, wie sehr mich diese Momente erregt haben. Aber auch das ist seit Langem vorbei; heute kann ich beinahe jedes Wort in meinem Körper spüren und auch die Dinge, die mich erregen, haben sich gewandelt. Dieser süßliche Duft auf dem Markt erregte mich mit einer unbeschreiblichen Kraft. Er gehörte dem jungen Nord, der dort drüben mit geschlossenen Augen sitzt, als würde er schlafen, und erzeugte ein Verlangen, das gestillt werden musste. Es hat meine Gedanken kontrolliert, mein Liebster, so wie Du es könntest, wärest Du nur an meiner Seite. Ich habe ihm den Duft genommen, seither geht es mir viel besser. Wären da nur nicht die Zweifel und die Reue, die auf mich einhacken und mich verzweifeln lassen; ich will wissen, was Falsch und Richtig ist, und glaube mir selbst nichts mehr.

Mein Verlangen treibt mich in den Wahnsinn, mein Liebster. Ich habe große Furcht davor, dass es mich in den Abgrund zieht, dass ich es nicht mehr zu kontrollieren und mich nicht mehr davor zu wehren vermag. Ich habe Geschichten von Menschen gehört, deren Kraft nicht mehr ausreichte, die sich ganz ihrem Verlangen ergaben und sich selbst vollständig verloren. Ich frage mich, ob ich spüre, wann ich diese Schwelle überschreite und mich ebenso zugrunde richte. Vielleicht ist es schon zu spät? Vielleicht ist es Zeit, einfach loszulassen, mich einfach fallen zu lassen und mich von mir selbst zu befreien? Keine Reue, keine Schuldgefühle mehr wegen eines einfachen Bosmer-Mädchens und einem unbedeutenden Nord-Jungen, kein Verlangen mehr, das nicht gestillt wird und kein Begehren mehr nach Dir, mein Liebster. Kein Begehren mehr, keine Liebe, die mich zerfrisst. Das klingt nach einem wunderschönen Traum von Freiheit und dem Vergessen aller Schmerzen, die mich so schrecklich plagen. Aber was würde diese Freiheit aus mir machen?

Ich vermisse Dich fürchterlich.

In Liebe ergeben,
Katrina

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Katrina Lestat« (15. April 2019, 09:00)