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Dienstag, 29. Januar 2019, 02:07

Im Schatten der Wyrd

Prolog

Unruhig wälzt sie sich auf ihrem Lager, ihre Augenlider bewegen sich flatternd und instinktiv ballen sich ihre Hände zu Fäusten, geht ihr Atem schwerer, ehe sie tiefer in ihren Traum eintaucht.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

…bereits seit Stunden liegt die junge Frau auf dem Lager aus Fell und Tüchern. Ihr stark gewölbter Bauch erzählt von dem Kind, das sie in sich trägt doch ihr selbst kommt kaum ein Laut über die Lippen. Still und geduldig erträgt sie die Wellen des Schmerzes, die von der baldigen Geburt ihres ersten Kindes sprechen.
Blaue Augen mustern sie, gefüllt mit Stolz als auch Sorge suchen sie in die smaragdgrünen Augen seiner Gattin, die sowohl Stärke als auch Schönheit ihr Eigen nennt und leise dringen seine Worte zu ihr durch.
„Liebste, ich bin bei dir… bleibe bei dir.“
Ein dankbares und mit Liebe angefülltes Lächeln trifft Alaric, ehe sich das Gesicht seiner Gattin erneut verzieht, als eine neue Welle des Schmerzes wohl durch ihren Leib fährt, ihr den Schweiß auf die Stirn treibt. Unruhig gleiten ihre Augen danach zum Fenster hinaus in die frühe Nacht. Gut kann sie sonst von ihrem Lager aus die Monde sehen, doch heute Nacht ist keiner von ihnen sichtbar und fast scheint es, als wolle die junge Frau die Geburt zurückhalten.
„Estelle, gib nichts auf die alten Weisen!“. Fast streng erklingen die Worte von Alaric.
Er scheint den Blick seiner Gattin gesehen zu haben und streicht ihr beruhigend über den Arm herab zu ihrer Hand, fasst sie kühl und sicher, umschließt sie mit seinen kräftigen Fingern – den Fingern eines Kriegers.
Die Heilkundige tritt näher, ihr Blick ist offen und ohne Scheu auf den Unterleib der Gebärenden gerichtet, dann ergreift sie auch schon das Wort.
„Es ist soweit, Herr, Ihr solltet den Raum nun verlassen!“, gibt sie kurz und knapp Anweisung.
Ein kurzes Stirnrunzeln, die Augenbrauen ziehen sich unheilvoll zusammen und nur die Stimme seiner Frau scheint seinen aufgekommenen Widerspruch zu besänftigen.
„Geh, Liebster, du wirst unser Kind nachher in die Arme schließen können.“
Gepresst kommen ihre Worte und doch scheint sie ihren Gatten beruhigen zu wollen. Ein letzter Blick von Alaric zu seiner Gemahlin, dann erhebt er sich von dem Lager, überlässt die beiden Frauen sich selbst.

Nur kurze Zeit später tönt ein langgezogener Schrei durch das Anwesen, gefolgt von einem leiseren Wimmern, wohl dem eines Kindes unter dem Finstermond der Nacht; eine Nacht, die dunkler nicht hätte sein können.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~


Die Bilder der Vergangenheit schwinden, machen neuen Bildern Platz und heftig atmend wälzt sie sich auf ihrem Lager, als wolle sie entkommen.

Nebel über dem weichen Boden... langsam schreitet sie darüber. Die Landschaft ist karg, nichts erinnert hier an die gewohnten und üppigen Wälder. Kein Tiergeräusch ist zu vernehmen, einzig der leise, schmatzende Schritt ihrer eigenen Beine, als würde sie über schlüpfrigen Boden gehen. Die Nacht ist finster und einzig der bläulich schimmernde Nebel um sie herum scheint ein wenig Helligkeit abzugeben.
"Lass dich ansehen, mein Kind!"
Flüsternd die Stimme, lockend und doch kalt. Ihre Schritte werden schneller, ihr Atem kommt stoßweise, als die Dunkelheit sich vor ihr teilt. Glühende Augen, die sie aus der Finsternis heraus anstarren - anmaßend, abschätzend. Eine bleiche Hand, ein magerer Finger, der sie lockend zu sich heranwinkt. Sie bleibt stehen, will der Versuchung nicht folgen und doch zieht es sie magisch an, lässt sie Fuß vor Fuß setzen, während die Augen und auch die Hand sich von ihr zurückziehen, sich wieder verflüchtigen.
Sie hebt ihren Arm, als wolle sie das Wesen aufhalten, als sich die Landschaft um sie herum plötzlich verändert. Dornengestrüpp, das nun nach ihrer Kleidung und nach ihr selbst greift. Leicht sinken nun auch ihre Füße im Boden ein, als wolle selbst der Boden unter ihr sie am Weitergehen hindern oder sie festhalten.
"Es ist noch nicht an der Zeit!", erklingt die Stimme nun direkt hinter ihr, lässt sie erschaudern. Eine kalte Hand legt sich an ihren Hals, streift fast sanft darüber, schiebt dann ihr langes Haar zur Seite und gleich darauf spürt sie einen kühlen Atem an ihrer Halsbeuge, der ihr einen Schauer des Grauens über den Körper jagt.
"...und doch..."
Unvermutet schlagen sich in ihren Hals, lassen sie instinktiv ihre Hand heben und kurz blitzt etwas zwischen ihren Finger auf, ein kleiner gefährlicher Widerhaken schrammt über die Hand die sie hält, hinterlässt einen tiefen Riss darauf, aus dem frisches Blut quillt, ehe die Hand zurückgezogen wird, sie und ihren Hals freigibt.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Keuchend wühlt sie sich durch die Schatten der Nacht, wie eine Ertrinkende schnappt sie nach Luft und öffnet schließlich, schwer atmend die Augen. Sie liegt noch immer auf ihrem Lager, doch in ihrer Rechten, auf ihrem Ringfinger, ist, gut und fast unsichtbar für einen Beobachter zwischen ihren Fingern versteckt, ihr Karambit. Leuchtend rotes Blut klebt daran, frisch und träge läuft es an der kleinen, aber gefährlichen Klinge herab.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau

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Adlersang (29.01.2019), Jassillia (30.01.2019), Corentin (03.02.2019)

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Mittwoch, 30. Januar 2019, 15:32

I - Zwischen Leben und Tod

Schleppschiffe ziehen das Schiff zum Hafen von Dolchsturz und kaum sind die mächtigen Taue am Steg festgemacht, geht eine kleine Gruppe von Kriegern, drei an der Zahl von Bord. Ihre Kleidung erzählt von kürzlichen Kämpfen, wurde nur notdürftig geflickt, Rüstungen behelfsmäßig ausgebeult.
Eilends richten sie ihre Fragen an den erstbesten Arbeiter am Hafen.
„Ein Medicus! Sagt guter Mann, wo ist ein Medicus in dieser Stadt zu finden.“

Kurz darauf zieht die Gruppe tiefer in die Stadt, folgen wohl dem ihnen gewiesenen Weg und so manch erstaunter und auch ehrfürchtiger Blick folgt den hochgewachsenen Männern, deren wettergegerbte und teils finster anmutenden Gesichter von raueren Landen sprechen, weit höher im Norden.
Eine Faust donnert gegen die massive Holztür, die kurze Zeit später von einem schmächtigen, älteren Mann geöffnet wird. Aus dem Inneren des Hauses zieht der intensive Duft von Kräutern, Tinkturen und Essenzen durch den Türspalt.
„…was zum Henker…“, setzt der Schmächtige an und verstummt angesichts des eindrucksvollen Kriegers vor ihm, der scheinbar der Wortführer der kleinen Gruppe ist.
„Wir benötigen Eure Kenntnisse und… ein Wunder!“, lautet die Begründung des Besuchs bei dem Medicus, seitens des Nord vor ihm.

Eingereiht in die Gruppe der Krieger wird der schmächtige Medicus zum Schiff geleitet, Eile scheint die Männer zu treiben, die ihn geleiten und so hat er Mühe, den ausgreifenden Schritten seiner Begleiter gerecht zu werden, schnauft er sogar leicht, als er die Planken überquert, die Schiff und Landesteg verbinden. Sogleich wird er in eine Kajüte geführt, deren Türen sich auch sogleich hinter ihm schließen.

„Mehr kann ich nicht tun!“, die Worte kommen seitens des Medicus, als er lange Zeit später die Kajüte wieder verlässt. Seine Hände sind nur notdürftig gereinigt, schimmern noch immer rötlich, wohl von einer oder gar mehreren notdürftig versorgten Wunden seines Patienten, während er die letzten Utensilien wieder in seinem Lederkasten verstaut, bevor er ihn verschließt.
„Ihr könnt nur für ihn beten, dass sein letzter Gang recht schnell und schmerzfrei stattfinden möge.“, richtet er seine scheinbar abschließenden Worte an den Hünen neben sich, der daraufhin schmerzvoll das Gesicht verzieht, dann jedoch vehement den Kopf schüttelt.
„Nein, es muss noch eine Möglichkeit geben. Dreien seiner Angreifer brachte er noch den Tod, bevor er sich des Schlages des Streitkolbens ergeben hat!“, begehrt der Nord auf, während sein Blick auf der Kajütentür seitlich von ihm liegt. Der Blick des Medicus folgt ihm, nachdenklich reibt dieser dann sein Kinn.
„Nun, es gäbe vielleicht… doch nein. Es ist ein Wagnis und wer weiß, ob Euch dort wirklich Hilfe zuteilwerden würde.“, scheint er seine Gedanken in Worte zu fassen, senkt nachdenklich und mit zweifelndem Blick sein Haupt.
„Was? Wer? Wovon redet Ihr?“, hakt der Nord nach und sein Gesichtsausdruck macht klar, dass er keine Ruhe geben wird, ehe er nicht die von ihm gewünschte Auskunft erhält. Das scheint auch dem Medicus klar zu werden, der leicht zusammenzuckt, sich daraufhin seine freie Hand an seinem Gewand abwischt, ohne damit wirklich etwas zu erreichen. Seine andere Hand umfasst den Tragegurt seines Kastens derweil so fest, dass seine Fingerknöchel spitz hervorstechen. Es scheint eine Geste des Nachdenkens, aber auch der Furcht zu sein, ehe er sich leicht zu dem Nord beugt, sich vorsichtig in alle Richtungen umblickend.
„Man erzählt sich von mächtigen Hexen in den Wäldern von Hochfels, die der Heilkunst frönen und zweifelhafte Rituale wirken sollen… des Nachts und im Geheimen.“, flüstert er dem Nord entgegen, während ein Schaudern seine Gestalt erfasst, diese leicht erzittern lässt, ehe er sich wieder fasst und flüsternd fortfährt.
„…sie sind und bleiben für sich, nennen sich selbst die Wyrd, Wächter und Hüter von Flora und Fauna. Doch…“
„Wo können wir sie finden, guter Mann?“
Hoffnung regt sich in dem Nord, er scheint jede Möglichkeit in Betracht zu ziehen, um den Mann, der wohl schwer verletzt in der Kajüte weilt, helfen und dessen Leben retten zu können.

Vier kräftige Hengste durchqueren samt deren Reitern das Stadttor von Dolchsturz. In der Mitte ein fünfter, der einen groben Karren hinter sich herzieht, in dem wohl ein Mann ruht, doch ist er kaum auszumachen, so dicht ist die Reiterschaft um ihn herum.
Starke Rösser, die Nüstern aufmerksam und auch neugierig gebläht, der Schweif bewegt sich temperamentvoll, als wären sie allesamt kriegserprobt, gleich ihren Herren, die bereits mehr gesehen hätten, als so manch menschliches Auge. Und doch sind sie folgsam unter ihren Reitern, scheinen der kleinsten Anweisung derer zu folgen, während die Reiter den Weg in die Wälder von Hochfels aufnehmen.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau

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Adlersang (30.01.2019), Jassillia (30.01.2019)

3

Freitag, 1. Februar 2019, 12:40

II – Dem Tod entkommen

Fiebrig und zitternd liegt Alaric auf dem schlichten Lager aus Fellen und Blättern, seine nackte Brust, gezeichnet von Narben und Wunden, von denen einige frisch, andere schon älter zu sein scheinen, hebt sich schwer im fahlen Mondlicht, als würde er mit letzter Kraft am Leben festhalten. Nur kurz öffnen sich seine blauen Augen. Fiebrig und unruhig treffen sie auf die smaragdgrünen Augen einer jungen Frau, die aufmerksam auf seinem Gesicht ruhen, während sich schmale, zarte und leicht kühle Hände an seinem Kopf zu schaffen machen, an einer tiefen und breitflächigen Wunde, die von den Ausläufern eines Schlages herrühren könnte und wohl nur deshalb nicht tödlich endete, da vermutlich ein Helm sein Haupt schützte. Sein kohlschwarzes Haar ist blutverklebt und auch an seinem Oberarm klafft eine lange, eitrige Wunde, die von einem mächtig geschwungenen Schwert stammen dürfte.
„Bleibt ruhig, Ihr macht es nur schlimmer, wenn Ihr Euch viel bewegt!“, richtet sich die leise, melodische Stimme an ihn. Sein Kopf wird leicht angehoben, ein grober Becher wird an seine Lippen geführt, aus dem der Geruch von faulig riechenden Pilzen dringt.
„Trinkt!“
Eine kurze Anweisung, einem Befehl gleich, dann folgt der Krieger eben diesem, zwingt das eklig stinkende Gebräu durch seine raue, trockene Kehle. Seine Mundwinkel verziehen sich angewidert nach unten, kurz scheint er gegen einen Würgereiz anzukämpfen, ehe die Dunkelheit sich seiner erneut bemächtigt, sein Kopf kraftlos in der Hand des Mädchens wird, das an seinem Lager wacht.

Kraft durchströmt seinen Körper, scheint in seine Glieder zurückzukehren. Leicht versucht er die Hand zur Faust zu ballen, als ein sengender Schmerz durch seinen Arm fährt, ihn von seinem Vorhaben Abstand nehmen lässt. Erneut schlägt er die Augen auf, sein Blick fällt auf die Frauengestalt knapp neben sich, die ihm gerade den Rücken zukehrt. Die Ärmel ihres Kleides sind hochgekrempelt, geben den Blick auf junge, recht blasse Haut frei. Dennoch sind diese Arme nicht kraftlos. Feingliedrige Hände wringen ein Leinentuch über einer groben Schüssel aus. Leichter Dampf, der streng noch Kräutern riecht, steigt daraus empor, so scheint es sich zumindest um eine warme Flüssigkeit zu halten, die er jedoch nicht sehen kann.
Eine kurze Drehung von ihr, dann trifft ihr Blick den seinen, hält sie jedoch nicht von ihrem Vorhaben ab, seinen verwundeten Oberarm mit dem getränkten Tuch zu bearbeiten.
„Ihr seid wach!“, stellt sie unnötigerweise fest, den Blick nun auf die Versorgung seiner Wunde gerichtet, was ihn dazu verleitet, ebenso dorthin zu sehen. Feinster Schafdarm hält die davor klaffende Wunde nun zusammen, sticht ab von seiner sonnenverbrannten Haut und doch sieht die Naht aus, als käme sie aus der Hand eines Schneidermeisters. Und auch der Wundbrand scheint größtenteils gewichen zu sein, lassen die Ränder der Verletzung nicht mehr so stark angeschwollen und verfärbt erscheinen.
„Seid Ihr eine Göttin?“, seine Mundwinkel zucken, lassen seiner Frage keinen ernsthaften Gedanken anhaften, während sein Blick erneut über sie gleitet. Seine dunkle Stimme klingt heiser, was ihm ein Räuspern entlockt, um sie zu festigen. Sein Blick fällt auf ein ebenmäßiges, herzförmiges Gesicht, jung und doch steht Erfahrung darin. Das Mädchen mag vielleicht 17 oder auch 18 Sommer erlebt haben. Smaragdgrüne Augen, die neugierig und doch wissend blicken. Ein Mund, der… Er räuspert sich erneut verhalten, blickt sie an, als würde er auf eine Antwort von ihr warten.
„Nein, ich bin eine Hexe.“, erklärt sie ernst, doch tanzen kleine Funken des Schalks in ihren Augen. Ein leichtes Brummen von seiner Seite lässt vermuten, dass ihre Gestalt für ihn so gar keinen Vergleich zu einer Hexe zulässt. Dennoch lässt er das Gespräch nach ihrer Anmerkung ruhen, während seine blauen Augen noch immer auf ihr verweilen, ihre Gestalt neugierig und auch wohlwollend mustern.
„Wie fühlt Ihr Euch?“, fragt sie nach einer Weile. Das Tuch liegt inzwischen wieder in der Schüssel, sie wischt sich ihre noch feuchten Hände an dem Rock ihres Kleides ab, um ihren Handrücken danach auf seine Stirn zu legen, dem ein zufriedenes Nicken von ihr folgt.
„Stärker!“, antwortet er ehrlich, versucht noch einmal mit seiner Hand eine Faust zu ballen.
„Lasst das, Eure Wunde ist noch nicht verheilt!“ Sanft und doch fordernd legt sich ihre Hand über seine angedeutete Faust, dann zieht sie die ihre rasch zurück, ein wenig errötend.
„Wie bin ich hierher gelangt?“ Neugierig dreht Alaric den Kopf, versucht seine nähere Umgebung zu erfassen und staunt nicht schlecht. Er scheint sich in einem Zelt, inmitten satter Natur zu befinden, nur einige weitere Zelte aus gegerbter Haut stehen ein wenig verstreut umher, teilweise in kleinen Gruppierungen. Kleine Lagerfeuer sind vor einigen der Gruppierungen entzündet worden und sogar Wölfe streunen durch diese kleine Siedlung, scheinen jedoch nicht domestiziert worden zu sein. Ungläubig verlässt sein Blick diese merkwürdigen Anzeichen einer Siedlung, fällt direkt über sich. Die Plane des Zeltes wurde zurückgeschlagen, gestattet dadurch einen direkten Blick zum sommerlichen Himmel hinauf und kurz ziehen sich seine Brauen zusammen. Mächtige mannsbreite Äste, geschmückt mit dichtem und vollen Blätterwerk, die sich träge im lauen Wind des Tages bewegen, geben ein leises Singen von sich, bilden ein natürliches Dach über dieser Siedlung und lassen Alaric seine Augen langsam wieder schließen.
Er scheint zu bezweifeln, dass er wirklich wachen Zustands ist, als ein leises Lachen ihn seine Augen erneut öffnen lassen.
„Wir sind die Wyrd“, erklärt sie ruhig. „Eure Gefährten brachten Euch zu uns, da Ihr dem Tode näher wart als dem Leben. Ihr befindet Euch in den Wäldern von Hochfels, knapp zwei Tagesritte von Dolchsturz entfernt.“, klärt sie ihn dann auf.
„Galthor, Fenrik, Torben?“, murmelt er leise, atmet tiefer aus, wobei er sie fragend anblickt, ihr Nicken zu den Namen seiner ihn begleitenden Gefährten zur Kenntnis nimmt und sich erneut auf dem Lager ausstreckt.
„Eure Gefährten haben um Euer Leben gebangt und…“ leise lacht sie auf, fast ein wenig stolz ihr Blick „…als der Medicus in der Stadt nicht wirklich helfen konnte, haben sie Euch hierher gebracht.“
Wie lange bin ich schon hier?“
„Oh… Ihr habt drei ganze Tage im Fieber verharrt, wart zwischendurch einmal kurz wach und seid, nur kurz danach, erneut weggedämmert.“
„…und Ihr habt an meiner Seite gewacht?“
, hakt er nach, kurz einen anerkennenden Blick auf seine Armwunde werfend „das… ist Euer Werk,…?“ Er lässt heraushören, dass er neugierig auf den Namen seiner Heilerin ist
Kurz und bescheiden nickt sie, seiner Anerkennung scheint sie keinerlei Beachtung zu schenken.
„Ja, ich habe Euch und Eure Wunden versorgt. Nennt mich Estelle und Euer Name ist Alaric, richtig?“
„Estelle, wo… wo sind meine Gefährten?“
, fragt er, auf ihre Nachfrage zu seinem Namen nickend, während er, sich auf seinen Unterarmen aufstützend, seinen Oberkörper leicht aufrichtet, seinen Blick suchend auf die Umgebung richtet.
„Sie halten die Vereinbarung mit Mutter Frederika ein; sorgen für die Auffüllung unserer Vorräte an Getreide und Früchten.“
Leicht blinzelt er daraufhin. Einmal, dann noch einmal. Dennoch lässt er es ansonsten unkommentiert, während ihm wohl jetzt erst auffällt, dass sich in der Siedlung scheinbar ausschließlich Frauen aufhalten, hier… leben?
„Wo sind Eure Gefährten? …also die männlichen?“, hakt er zu seiner Beobachtung nach, seine Pflegerin erneut musternd wobei er sich zwingen muss, den Blick auf ihre Lippen zu meiden, auf ihre Mundwinkel.
„Wir leben ohne Gefährten, ohne Männer.“, gibt sie ihm schlicht die Erklärung und es scheint für sie etwas Natürliches, Gewohntes zu sein, dass die Frauen hier unter und für sich leben.
„Trinkt das, Alaric, und dann nun ruht Euch aus.“
Erneut der grobe Becher an seinen Lippen. Schon wieder steigt daraus der Geruch von schimmligen Pilzen unangenehm in seine Nase und doch trinkt er das Gebräu, den angewiderten Ausdruck auf seinem Gesicht stark bändigend. Sanft drückt Estelle seinen Oberkörper danach zurück auf das Lager und er, erneut erschöpft und auch schläfrig, lässt es geschehen. Kaum das sein Rücken das Lager berührt, ist er bereits erneut in einen Schlaf gefallen, doch nun ist es ein Schlaf der Heilung und des Lebens. Nur tief in seinem Unterbewusstsein nimmt er die leichte und auch neugierige Berührung von Fingerspitzen wahr, die sanft die Narben auf seiner Brust nachfahren.


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Jean-Jacques Rousseau

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Corentin (03.02.2019)

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Sonntag, 3. Februar 2019, 12:20

III - Geständnisse Teil 1

Tief duckt sich Estelle an die rauhen Steine, schiebt sich langsam an die Kante des Felsens, den sie gerade erklommen hat. Ohne sich umzudrehen, winkt sie mit einer Hand hinter sich ihren Begleiter heran, während sie mahnend flüstert.
„Seid leise, wir dürfen sie keinesfalls verschrecken!“
Ebenso vorsichtig, ebenso geduckt, nähert sich nun auch ein Mann dem Felsen. Leise bewegt er sich und auch neugierig zu Estelle heran. Gleich neben ihr geht er sofort in die Hocke, als sie schon ihre Hand ausstreckt, mit ihrem Finger zu einem höher gelegenen Felsen deutet. Ein mächtiges Nest ist dort zu sehen, in dem ein anmutiger Adler sitzt. Sein Blick ist aufmerksam auf die Gegend gerichtet. Er beschützt seinen Hort, keine Frage.
„Es ist der dritte Sommer, dass er hierher kommt“, erklärt Estelle leise, sich noch tiefer an den Felsen duckend zu Alaric. Ihre Augen liebkosen den königlichen Nestbehüter, während Alaric’s Blick auf ihr ruht. Sie ist so nah bei ihm, er spürt die Wärme ihres Körpers und es kostet ihn eine schier unmenschliche Kraft, ihren Körper nicht an den seinen zu ziehen, nicht von ihren Lippen zu kosten, die ihn ein ums andere Mal an den Rand des Verlangens treiben. Vorsichtig streckt er seine Hand aus, lässt sie auf ihrem Rücken zum Liegen kommen, dann richtet auch er seinen Blick wieder auf den Adlerhorst. Schweigend verbringen sie einige Zeit auf ihrem Beobachtungsposten, schauen gemeinsam den Adlern zu, die sich bei der Versorgung ihrer Brut abwechseln, als Alaric leise das Wort an Estelle richtet.
„Kommt, überlassen wir sie ihren elterlichen Pflichten, Estelle.“
Kaum gesagt, zieht er sich ebenso leise von seinem Beobachtungsposten zurück, beginnt den Abstieg von dem „eroberten“ Berg. Seine Lungen mit der kühlen Luft hier oben füllend erkennt er, dass seine Kraft fast zur Gänze wiedergekehrt ist und ebenso wird ihm klar, was das bedeutet. Er wird die Wyrd verlassen müssen, wird nicht länger geduldet sein und wohl auch nie wieder zurückkehren dürfen. So einige Tage sind inzwischen ins Land gegangen, seit seine Gefährten in Dolchsturz gelandet sind und ihn zu der Wyrdgemeinschaft brachten. Seine Genesung schritt mit großen Schritten voran, was den Heilkünsten dieser Frauen zu verdanken war und heute… Er ist bereits ein ganzes Stück voran geschritten, als er leise Schritte hinter sich hört, die ihn aus seinen Gedanken reißen, ihm ein verschmitztes Lächeln auf die Lippen zaubern. Sie versucht sich anzuschleichen! Kurz spielt er ihr Spiel mit, tut, als hätte er es nicht bemerkt und doch lauscht und achtet er auf jedes Geräusch, das sie dabei verursacht. Leiser Atem der sich nähert, der sachte Hauch einer Bewegung… vielleicht eines Arm. Dann dreht er sich abrupt um. Seinen Arm dabei schwingend erwischt er Estelle um ihre Taille, entlockt ihr damit eine spitzen Schrei der amüsierten Überraschung, ehe er sie, noch in der Drehung, an seinen Körper heranzieht, seine blauen Augen in die ihren versenkt. Ihr Brustkorb hebt sich, leicht ist sie außer Atem und doch sieht auch sie ihn an. Erst blickt sie in seine Augen, dann auf seinen Mund, dessen Lippen noch immer lächelnd auf ihr ruhen.
„Estelle, ich… ich“ setzt er an, doch dann kann er sich nicht zurückhalten. Seine Lippen treffen auf die ihren, sanft erforschen sie sie, während er ihren Leib fester an den eigenen heranzieht. Nie hatte er solche Gefühle für eine Frau, keine konnte ihn bis heute fesseln wie sie. Mühsam lässt er von ihr ab, schwer geht sein Atem und dunkel liegt sein Blick auf ihr, bevor er sie langsam aus seinem Griff entlässt, nur ihre Hand in der seinen behält, während er langsam vor ihr sein Knie beugt.
„Estelle, ich werde Euch diese Frage nur ein einziges Mal stellen und sollte Eure Antwort „nein“ lauten, werde ich sie...“, tief atmet er ein und aus, als würde ihn sein Vorhaben mehr Kraft kosten, als so mancher Kampf, den er bis heute ausgefochten hat „…dann werde ich Eure Entscheidung hinnehmen.“
Estelle, mit geröteten Wangen steht sie vor ihm, ihr Blick wechselt von seinem Gesicht zu seiner Hand, welche die ihre warm und sicher hält. Ihre freie Hand gleitet zu ihrem Mund, streicht ungläubig über ihre Lippen hinweg bevor sie vorsichtig auf Alaric’s Schulter abgelegt wird. Sie scheint nicht zu ahnen, was er von ihr möchte, wirkt ausgesprochen ruhig und zugleich neugierig.
„Kommt mit mir, bleibt bei mir und werdet meine Gemahlin.“, gepresst seine Worte, Unsicherheit spiegelt sich auf seinem Gesicht wider und fast scheint es, als hätte er Angst vor ihrer Antwort, ihrer eventuellen Ablehnung seines Herzenswunsches.
„Alaric, ich…“, warm liegt ihr Blick auf ihm und doch auch sorgenvoll. Dennoch entzieht sie ihm nicht ihre Hand, drückt stattdessen die seine und auch sie scheint tiefe, ihr unbekannte Gefühle für ihn zu hegen, die seinen zu erwidern.
„Ich würde so gern mit Euch gehen, doch es ist nicht so einfach.“
„Doch, das ist es!“
Mehr scheint es nicht zu brauchen für Alaric. Es zieht ihn zurück auf seine Füße und nur einen Augenblick später zieht er Estelle in seine Arme, bettet seinen Kopf auf den Scheitel ihres blonden Haars, in dem der Wind leicht spielt, es so seine Wangen leicht kitzelt und ihn einen Kuss auf ihren Scheitel drücken lässt, ehe er sie ein wenig von sich schiebt, um ihre beiden Hände ergreift, ein glückliches Lächeln auf dem Gesicht, dass seine Grübchen an Kinn und auf seinen Wangen zum Leben erwecken. Erst ein sanftes Schütteln ihres Kopfes lässt ihn seine Brauen zusammenziehen, ihn sie fragend ansehen.
„Was soll daran nicht einfach sein, meine liebste Estelle?“, hakt er schließlich doch nach.
„Mutter Frederika! Sie wird niemals gestatten, dass ich einfach mit Euch mitgehen kann oder darf, Alaric.“, antwortet sie seufzend und auch sichtlich unglücklich.
„Estelle, Ihr seid Teil einer Gemeinschaft, jedoch keine Gefangene!“, weist er sie leise zurecht. Dennoch wirkt er unsicher, als hätte er die Befürchtung, dass es vielleicht so ist, seine geliebte Estelle doch eine Gefangene bei den Wyrd ist.
„Ja, natürlich bin ich keine Gefangene, nur… Ihr kennt Mutter Frederika nicht, Alaric. Sie wird Euch einen Obolus für mich abfordern, den Ihr bestimmt nicht entrichten werden wollt.“ Ein erneuter tiefer Seufzer von Estelle, Trauer macht sich in ihren Augen breit bis ein Auflachen Alaric’s sie wieder aufblicken lässt.
„Alaric, das ist nicht lustig!“, mault sie zu ihm, will ihm ihre Hände entziehen, was er jedoch nicht zulässt, er diese sogar leicht schüttelt, um ihre ganze Aufmerksamkeit wieder zu bekommen. Leicht neigt er seinen Kopf an Estelle’s Ohr, ehe er mit tiefer Stimme zu ihr flüstert.
„Mutter Frederika kann mir auferlegen was auch immer sie mag. Ich werde Euch mit mir nehmen, als meine Gemahlin und zukünftige Mutter unserer Kinder, Liebste“, raunt er ihr ins Ohr und sein warmer Atem, als auch seine schützende Umarmung danach machen Estelle klar, dass er nicht mehr gewillt ist, sie jemals wieder an seiner Seite zu missen.

„Du bist also gewillt, mit ihm zu gehen?“
Ausdruckslos liegen die Augen von Mutter Frederika auf Estelle. Alaric scheint für sie nicht zu existieren, ihre Frage ist allein an ihren jungen Schützling gerichtet. Sie mag an die 50 Sommer erlebt haben, Falten haben sich in ihr Gesicht gegraben, verleihen ihm einen unnachgiebigen, fast harten Ausdruck. Entgegen dazu wirken ihre Augen wachsam, während sie nun auf Estelle ruhen – fragend und lauernd zugleich. Sie wirkt gefasst wie immer. Auch schien sie nicht überrascht zu sein, als Alaric und Estelle am frühen Nachmittag ihre Hütte, nahe dem übermächtigen Baum aufsuchten. Es hinterließ den Eindruck, als hätte sie die beiden erwartet. Doch das konnte unmöglich wahr sein.
„Ja, Mutter Frederika, ich möchte mit ihm gehen. Ich… ich hege so viele Empfindungen für ihn und wollte ihn vom ersten Tag an wieder dem Leben zuführen. Ich kann es mir nicht erklären…“
Estelle sitzt der Älteren gegenüber, hat sich ihr im Schneidersitz gegenüber gesetzt. Ihre Hände ruhen in ihrem Schoß, doch werden sie unruhig geknetet, während sie ihren Blick gesenkt hält. Gelassen hebt Mutter Frederika die Hand, unterbricht dadurch den Versuch einer Erklärung ihres Schützlings.
„Nun gut, wenn dem so ist, dann entlasse ich dich vorerst aus diesem Gespräch, ich will mit dem Nordmann alleine reden, Kind!“, nimmt sie scheinbar gelassen die Entscheidung Estelle’s zur Kenntnis der entgeht, wie berechnend der Blick der Alten zu Alaric huscht, der ein wenig abseits steht, die Hände locker vor sich verschränkt, ein leichtes Nicken von sich gebend, obwohl er seine Kiefer dabei aufeinander presst. Er scheint genau solche Blicke zu kennen, zu wissen, dass es zu harten und fordernden Verhandlungen kommen wird, doch das scheint ihm einerlei zu sein. Er hat gehört, was für ihn und für sein künftiges Leben ausschlaggebend sein wird und so fällt sein Blick hernach zu Estelle – ein Blick der von Liebe und Zuneigung für das Mädchen spricht, der auch Mutter Frederika nicht entgeht.
Gehorsam erhebt sich Estelle, beugt sich vor und gibt Mutter Frederika einen flüchtigen Kuss auf die Wange, bevor sie sich umdreht, ein warmes Lächeln an Alaric schenkt, ehe sie langsam aus dem Zelt der Vorsteherin der Wyrd schreitet. Kaum geschehen, zieht die Anführerin ein Pergament hervor, das wohl kurz hinter ihr lag, sie schon vorbereitet hatte. Wie konnte das sein? Noch zusammengerollt legt sie es quer über in ihren Schoß, winkt Alaric heran und deutet ihm mit knapper Handgeste an, sich ihr gegenüber zu setzen.


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Jean-Jacques Rousseau

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Corentin (03.02.2019)

5

Sonntag, 3. Februar 2019, 12:24

III - Geständnisse Teil 2


Er will keine Komplikationen, weshalb Alaric dieser Geste folgt, es Estelle gleichtut und sich der Wyrdmutter gegenüber niederlässt. Seine Körperhaltung wirkt entspannt, ein Bein liegt bequem auf dem Boden, das andere winkelt er leicht ab, legt seinen Arm bequem auf dem aufgestellten Knie ab.
„Nun, nennt Eure Forderungen“, lädt er sie ein, scheint keinen Moment ungenutzt verstreichen lassen zu wollen, als die ältiche Wyrd die Hand hebt, ihn damit ebenfalls nun zum Schweigen bringt.
„Vorerst werde ich dich einiges wissen lassen. Du sollst wissen, wen du dir an deine Seite wünschst, Kind.“ Geduldig klingen ihre Worte und doch liegt erneut dieser berechnende, abschätzende Blick auf Alaric. Dann erzählt sie ihm einige Einzelheiten… zu Estelle, ihrer Vergangenheit und auch zu dem, was sie für die Freigabe ihres Schützlings von ihm fordert.

Es vergeht doch einiges an Zeit, die Alaric bei dem Oberhaupt der Wyrd verbringt. Zeit, in der Estelle ruhelos ihren Pflichten nachgeht, wobei ihr Blick des Öfteren auf das Zelt ihrer „Mutter“ fällt, bis Alaric schließlich heraustritt. Er scheint müde und aufgewühlt zugleich, dennoch sucht er mit seinem Blick nach ihr, geht, nach ihrem Entdecken, zügigen Schrittes auf sie zu und sofort schließt er sie in seine Arme, ungeachtet der Blicke um sie herum. Noch wissen nicht viele, das Estelle mit dem Mann aus dem hohen Norden gehen wird und so folgen dieser, für die Mitglieder dieser Gemeinschaft, doch recht intimen Geste einige Bemerkungen, Seufzer und auch empörtes Tuscheln.
Alaric greift nach ihrer Hand, will sie allein sprechen und ihr den vorläufigen Ausgang der Verhandlungen mitteilen, weshalb er sie ein Stück weit weg zieht, fernab neugieriger, lauernder Augen und auch Ohren. Behutsam drückt er sie an ihren Schultern in das Gras, setzt sich zu ihr und lächelt sie müde und versucht beruhigend an.
„Deine Eltern… sie waren Adepten der Magiergilde?“ fragt er sie direkt, seine Augen ruhen ruhig in den ihren, bis sie zaghaft nickt.
„Sie gaben mich weg, als ich noch jung war, brachten mich hierher! Ist das… von Bedeutung?“ fragt sie leicht verunsichert, ihn danach still musternd bis Alaric den Kopf schüttelt, denn jedoch in ein leichtes Nicken übergeht. Das vertraute „Du“ wendet er nun wie selbstverständlich an, gibt Estelle damit die Sicherheit, dass er auf ihrer Seite steht, zu ihr hält, egal was kommt.
„Du trägst sehr viel Magie in dir, Liebste. So sagte es mir Mutter Frederika“, es ist mehr eine Anmerkung, als eine Frage und forschend betrachtet er die junge Frau vor sich, die von ihrem Äußeren eine zarte Schönheit ist, jedoch nichts von der Macht ausstrahlt, die sie wohl in sich trägt.
„Wir alle hier tragen Magie in uns, nutzen sie und setzen sie ein. Du weißt es nun selbst, hast hier deine Genesung erlebt.“, gibt Estelle leidenschaftlich zu bedenken „Ich weiß um meine Fähigkeiten und habe hier gelernt, wie ich sie einsetzen kann. Für mich beginnen die deutlichen Erinnerungen hier, bei den Wyrd. Sie haben mich alles gelehrt, was ich heute weiß, Alaric.“
Tief atmet Alaric ein und man merkt, dass er sich auf einem Gebiet bewegt, das ihm selbst fremd und unbekannt ist. Dennoch bemüht er sich, seiner Zukünftigen Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. Langsam zieht er sie zu sich, versenkt seine Nase in ihrem Haar und versteckt damit seine Unsicherheit, seine Angst vor dem, was er weder kennt, noch einzuschätzen vermag. Nur einer Sache ist er sich sicher, dass er Estelle liebt und sie nie wieder in seinem Leben missen mag.
„Ich werde dich mit mir nehmen, wir werden nie wieder voneinander getrennt sein. Wir beide werden unser Heim, unser Zuhause sein!“, verspricht er ihr inbrünstig und wischt damit jeden Zweifel aus ihren Gedanken, was sie mit der Erwiderung seiner Umarmung beantwortet. Ihren Kopf seitlich auf seine Schulter bettend bemerkt sie das Schriftstück an seiner Hüfte, will nach dem Pergament greifen, das aus seinem Gürtel ragt, doch schneller reagiert seine Hand, legt sich über ihre und leicht schüttelt er den Kopf.
„Nein, Liebste, das ist nur für meine Augen bestimmt und soll nicht deine Gedanken beschweren“, lächelt er sie an, sie ein wenig auf Abstand bringend. Wie unverschämt ihm die Forderungen der Alten auch scheinen, er will in Estelle kein Gefühl der Dankbarkeit heraufbeschwören, möchte sie in Sicherheit wiegen. Doch wird er mit Galthor reden müssen, seinem treuesten Freund und Gefährten, damit sie schnellstmöglich die gestellten Forderungen erfüllen und alsbald von hier abreisen können, zurück in die nordischen Gefilde und weg von der für ihn undurchsichtigen Gemeinschaft, weg von den Wyrd.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau

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Corentin (03.02.2019)

6

Montag, 4. Februar 2019, 10:46

IV – Schatten der Vergangenheit


„Estelle! Estelle!“
Rufe werden laut, dringen fast unangenehm in ihren Geist und träge, fast widerwillig öffnet das kleine Mädchen die Augen, nach dem zweiten Ausruf ihres Namens. Hände greifen nach ihr, energisch und fordernd, ziehen sie aus der angenehmen Wärm, dem Lager, auf dem sie eben noch ruhte und ihren Träumen folgte, ganz weit weg.
Ihr Blick trifft auf die entsetzt geweiteten Augen ihrer Mutter, die sie an sich reißt, sie mit ihrem eigenen Körper schützend. Etwas flackert ruhelos im Raum, taucht den Raum in ein gelb-rötliches Licht. Es ist warm. Nein, eher heiß in der kleinen Schlafkammer. Was ist hier los, weshalb wirkt ihre sonst so ruhige Mutter derart aufgewühlt? Weshalb kommt auf einmal auch ihr Vater in den kleinen Raum gepoltert und was will er mit dem hölzernen Eimer, den er bei sich trägt?
Die letzten Schwaden des Schlafes verflüchtigen sich vollends und jetzt wird auch das Mädchen gewahr, was im Raum vor sich geht. Flammen züngeln auf dem Lager, auch daneben, tanzen einen eigentlich fröhlichen Reigen, der langsam auf die spärlichen Möbel übergeht, als wolle es sie in diesen Tanz mit einbeziehen. Und doch sucht es sich nur Nahrung, will überleben.
„In Mara’s Namen, was ist geschehen?“, panisch die Stimme ihrer Mutter, während sie, Estella fest in den Armen haltend, dem Vater Platz schafft, damit er die Flammen löschen kann. Tränen laufen über ihre Wangen, benetzen die zarte Haut ihrer dreijährigen Tochter. Gerade will Estelle ihre Hand an die Wange ihrer Mutter legen, ihr die Tränen vorsichtig wegwischen, als bereits die nächste Person in den winzigen Raum tritt und Estelle die Hand stocken lässt. Ungesehen von ihrer Mutter, weiten sich ängstlich ihre Augen, während sie Rania ansieht, die ältliche Hilfe des Hauses. Sie weiß, was gleich geschieht und schon geht es los.
Jammern, klagen, aufschreien – das ist Rania. Und sofort geht es weiter, deutet der knorrige Finger der Älteren anklagend auf Estelle.
„Die Brut von Daedra! Ich wusste es, sagte es schon lange!“
Klagen, aufschreien, auf Estelle zeigen. So ist Rania und damit macht sie Estelle so oft Angst. Die Frau redet viel, zu viel. Wenn Estelle auf die Straße hinausgeht, um neben dem Haus bei den Hühnern zu sitzen, sie zu beobachten, wie sie fröhlich in den Tag hineinleben, dann schauen die nächsten Nachbarn oft sehr böse zu ihr hinüber. Bevor Rania zu ihnen kam, war das anders. Inzwischen bleibt Estelle lieber im Haus, auch wenn ihr die frische Luft fehlt, der Geruch der Tiere. Dafür zeichnet ihre Fantasie nun viele Bilder in ihrem Kopf, vor ihren geschlossenen Augen. Ein riesiger Baum, dessen Krone scheinbar irgendwo im Himmel ist und dessen Blätterdach schier unendlich wirkt, ein großes Schiff, dessen Bug mit einem riesigen Drachenkopf verziert ist, ein Land, mit hohen, schneebedeckten Bergen und Wölfe. Immer wieder sieht sie Wölfe, die ruhig ihrer Wege ziehen – ohne Groll, dafür in Harmonie.

Begonnen hatte alles an dem Tag, als Estelle aus Versehen Rania anstieß, die gerade am Kessel über dem offenen Feuer stand. Die Arme verbrannte sich leicht ihre Hand und schrie zornig auf Estelle ein. Es muss sehr weh getan haben und so tat es Estelle sehr leid, dass sie so unachtsam war. Aus diesem Grund griff sie nach der Hand der Haushilfe; sie wollte helfen und strich mit ihrer Kinderhand sanft über die stark gerötete Hand, wieder und wieder. Doch anstatt das Rania sich beruhigte, wurde sie richtig böse auf Estelle und entriss ihr nach einer Weile die Hand, die Augen entsetzt aufgerissen. Noch im Wegreißen sah Estelle, dass die Wunde weg war, die Haut der Frau sich sogar recht kühl anfühlte. Warum nur war Rania jetzt so böse auf sie? Es war doch wieder alles gut?
Sie irrte sich gewaltig, denn Rania erzählte ihren Eltern später von dieser „Wunderheilung“, stellte sie als Werk heimtückischer Magie dar. Zu diesem Zeitpunkt hatten ihre Eltern noch darüber gelacht. Und doch änderte sich alles, von diesem Tage an.

Rania beäugte Estelle von nun an misstrauisch, was das kleine Mädchen wiederum verunsicherte. Ihr einst fröhliches Lachen wich einem ängstlichen Blick auf Rania, wenn sie wieder einmal mit ihr allein im Haus war und Rania hob immer öfter drohend die Hand, sobald Estelle auch nur in ihre Nähe kam. Der nette Schneider von gegenüber, der ihr früher noch liebevoll eine selbstgemacht Puppe in die Hand gedrückt hatte, die er aus Stoffresten für das Mädchen gefertigt hatte, schaute von nun an skeptisch auf sie, nachdem Rania lange mit ihm beisammen gestanden hatte. Noch schlimmer wurde alles, als Estelle ungewollt ihren heißen Kräutertee kühlte, indem sie einfach ihre Hand darüber platziert hatte. Natürlich war Rania auch in diesem Moment da, hatte es mitbekommen und erneut bei ihren Eltern vorgesprochen. Estelle hingegen wusste nicht, woher es kam, wodurch sie es hervorrief und so merkwürdige Sachen geschahen. Doch der Blick ihrer Eltern, er wurde ernster, die Klagen Rania’s hingegen immer lauter und ihre Drohungen gegen Estelle immer derber.

Nun, schützend am Körper ihrer Mutter, wartet Estelle darauf, dass ihre Mutter ihr beruhigend über den Rücken streicht, wartet darauf, dass ihr Vater die Anschuldigung lachend abtut. Doch heute… geschieht nichts davon, liegt das Augenmerk aller Personen auf Estelle, in deren Bauch sich ein ungutes Gefühl breitmacht.
Die kommenden Nächte hört sie oft die Stimmen der Eltern, die sich mehr und mehr vor ihr zurückziehen. Sehr oft sitzt sie nun in ihrer notdürftig wiederhergestellten Kammer am Fenster, schaut hinaus und beobachtet zumindest von hier aus das Leben auf der Straße. Die kleineren Händler, die ihre Waren aus dem Weidenkorb heraus anbieten, die Kinder, die durch die Straßen laufen, ein fröhliches Lachen von sich gebend und auch die kleine Streunerkatze des Schusters, die so oft auf den Fenstersims springt und für Estelle da ist, wenn es niemand anderes ist.

Ein paar Tage später klopft es sehr vernehmlich an der Haustür. Estelle hat den Besucher längst gesehen, noch ehe er sich bemerkbar macht, kennt ihn jedoch nicht. Edel ist er gekleidet, die Stoffe sehr fein und das Amulett, das er gut sichtbar um seinen Hals und über seiner Robe trägt, sieht ebenfalls sehr kostbar aus. Estelle’s Vater bittet den Besucher herein und nur kurze Zeit später wird Rania geschickt, um das Mädchen aus ihrer Kammer in den Wohnraum zu bringen. Der Besucher schaut Estelle lange an, schlägt ein dickes Buch auf und liest scheinbar einige Zeilen nach. Danach spricht er sie an, in einer Sprache, die Estelle nicht versteht und so schüttelt das Mädchen bedauernd ihren Kopf, zuckt leicht mit den Schultern. Ihre Hand wird, eine nach der anderen, von dem Besucher in seine genommen, gedreht und gewendet und Estelle ist froh, dass ihre Hände heute noch sauber sind. Ebenso wird ihr Nacken in Augenschein genommen, wofür ihre blonden Locken zur Seite geschoben werden. Fast ist die peinliche Begutachtung vorbei, als der Mann deutlich nach Luft schnappt, gar dreist an ihrem Gewand zerrt und kurz darauf ihre Schulter entblößt, die im Raum befindlichen Personen sehen lässt, was er entdeckt hat. Nur Estelle bleibt ahnungslos.
„Das Mal!“, flüstert er kaum hörbar, zieht den Stoff noch etwas mehr herab, wohl um es vollends betrachten zu können. Dann lässt er Estelle los, als wäre sie eine Abscheulichkeit. Sein schweres Buch klappt zu, sodann bewegt er sich verdächtig behände hinüber zur Haustür.
„Ich… wir können Euch nicht helfen. Sie wird niemals unsere Gilde betreten, niemals dort unterrichtet werden, dafür werde ich sorgen. Am besten, Ihr schafft sie hinfort, weg von Dolchsturz!“
Mit diesen Worten öffnet er, fast panisch, die Tür und entschwindet schon fast im gleichen Moment auf der Straße, hastet zurück in Richtung der Stadt.

Es ist tief in der Nacht, als Estelle’s Mutter sie weckt. Fürsorglich hilft sie dem Mädchen sich anzukleiden, wobei ihr Blick traurig auf Estelle ruht, ihre Augen verdächtig glitzern. Vor dem Haus steht ein Wagen, Vater sitzt schon vorn, hält die Zügel abwartend in den Händen. Das Zugpferd wiehert leise vor sich hin, kleine Atemwolken entweichen dabei seinen Nüstern. Es ist frisch, geht der Erntezeit zu. Irritiert fällt Estelle’s Blick auf ihre Mutter, doch die legt nur ihren Zeigefinger über ihre Lippen und hebt ihre Tochter in den Karren und bettet einen warmen Umhang um das Mädchen. Im Karren liegt ein zusammengeschnürtes Bündel, das unter anderem den wohligen Geruch frischen Brotes verströmt. Kurz glaubt Estelle, dass auch ihre Mutter mitfahren wird, wo immer es mitten in der Nacht auch hingehen mag, doch dann dreht die sich herum, geht langsamen und scheinbar schweren Schrittes zum und ins Haus zurück und schließt leise die Haustür. Im gleichen Moment schnalzt ihr Vater zum Pferd hin, wodurch es anzieht und den Wagen samt Reisenden hinaus aus der Stadt bringt, hinaus in die Wälder von Hochfels, hinfort in die mythenumwobenen Gefilde der Glenmoril-Hexen von Hochfels.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau

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Corentin (04.02.2019)

7

Dienstag, 5. Februar 2019, 13:08

V – Erkundigungen

„Das kann unmöglich dein Ernst sein, Alaric!“
Ungläubig geht der Blick des nordischen Hünen von der Schriftrolle zu seinem Kampfgefährten und Freund hin, nachdem er das Geschriebene mehrfach gelesen und sein Blick zwischen Ernst und Erstaunen, bis hin zu Ungläubigkeit gewechselt hat.
„Doch, das ist mein Ernst und dazu kommt, dass wir alle Forderungen schnellstmöglich erfüllen müssen.“
Alaric’s Aufseufzen lässt erkennen, wie schwer der Inhalt des Schriftstücks an seinen Nerven zerrt, wie sehr er ihn mit Hoffen und Bangen gleichermaßen erfüllt.
„Diese Ländereien sind fremd für uns, Alaric. Ich wüsste noch nicht einmal, wo wir hier ansetzen sollten, um all das zu finden und zu beschaffen. Das ist dir hoffentlich klar?“ Eindringlich die Worte Galthor’s an Alaric und auch in seinem Gesicht ist eine gewisse Hoffnungslosigkeit abzulesen. Noch einmal wandert sein Blick über die Liste, die Mutter Frederika Alaric mit auf den Weg gegeben hat, ehe er sie wieder zusammenrollt und auffällig vor Alaric’s Sichtfeld schwenkt. Die zu erledigenden Punkte betreffen, bis auf den letzten, allesamt Dinge, die Alaric beschaffen soll. Dabei wurde von der Führerin der Wyrd jedoch weder Gold noch Luxus angefordert, sondern handelt es sich bei den Forderungen scheinbar um die Beschaffung von Pflanzen, Essenzen, Pilzen und allerlei exotisch anmutenden Zutaten, wohl aus der Alchemie, vielleicht sogar der Hexenkunst. Für Alaric und seine Gefolgsmänner ist dies jedoch ein Gebiet, auf dem sich keiner von ihnen auskennt oder auch nur die leiseste Ahnung hat, wo derlei Zutaten zu beschaffen sind. Einiges davon klingt mehr, als nur exotisch und von anderen Aufzählungen, hat Alaric gar nie etwas gehört. Einzig einige aufgeführte Pflanzen sind ihm schwach geläufig. Es ist jedoch die letzte Forderung, die Alaric erneut veranlasst, seine Augenbrauen grimmig zusammenzuziehen.

„Eine dem Wyrd genommen, wird eine dem Wyrd wieder zugeführt, sofern diese nicht, bis zu ihrem 21. Sommer, ihr eigenes Leben begründet hat und eine eigene Familie führt.“

Schnaubend liest Alaric wieder und wieder den Punkt, nachdem Galthor ihm die Liste zurückgereicht hat, bis ein listiger Ausdruck auf sein Gesicht tritt. Es müsste durchaus machbar sein, eine Tochter bis zum 21ten Lebensjahr an einen Mann zu binden und ihr somit das Schicksal zu ersparen, Teil der Gemeinschaft der Wyrd werden zu müssen. Und mit genau diesem Gedanken schöpft Alaric auch neue Hoffnung, mit der er energisch das Schriftstück zusammenrollt und an seinem Gürtel befestigt. Außerdem weiß die Allmacht allein, ob ihm überhaupt eine Tochter geboren wird.
„Komm!“, gibt er Anweisung an Galthor. „Wir haben einiges zu erledigen und ich will keine unnötige Zeit verschwenden, indem wir über das diskutieren, was wir heranschaffen sollen.“
Mit ausholenden Schritten verlässt er nur einen Moment später das größte Zelt des Lagers, das seine Männer unweit der Wyrdgemeinschaft aufgebaut haben, um dadurch in Alaric’s Nähe verweilen zu können, bis dessen Gesundheit wieder hergestellt sei oder er diese Welt verlassen hätte.
Grummelig folgt ihm Galthor. Seine Abneigung gegen die Anführerin der Wyrd ist deutlich an seinem Gesicht abzulesen und selbst seine sonst so lustig blitzenden braunen Augen, spiegeln deutlich seinen Unmut wieder, während er unwirsch vor sich hin brummelt. Er hat durchaus erkannt, dass Alaric die Ländereien nicht ohne Estelle verlassen will. Erfahrung und Alter haben den Krieger so weit geschult, dass sein Auge wahrnimmt, was die Stimme verschweigt und so folgt er dem Jüngeren, aus Treue, Freundschaft und auch in Anerkennung dessen, wofür Alaric sich bisher immer stark gemacht hat, wofür er eintrat. Treue, Ehre, Mitgefühl und Sinn für Gerechtigkeit, all das zeichnet seinen Kampfgefährten aus, hat die Männer vor langen Jahren zusammen gebracht und Seite an Seite in den Kampf ziehen lassen.
Wenig später verlassen die beiden Nord das provisorische Lager, schlagen auf ihren Pferden den Weg in Richtung Dolchsturz ein, um dort Erkundigungen einzuziehen und vielleicht bereits die eine oder andere geforderte Zutat bei den örtlichen Händlern und Marktständen zu finden. Sie reiten allein, denn aufgrund der zu beschaffenden Reagenzien wollen sie nicht weiter auffallen, als sie es eh schon tun.

Ihr erster Weg führt erneut zu dem etwas abseits liegenden Häuschen des Medicus. Wo sonst sollten sie mit ihren Erkundigungen beginnen als bei einem Mann, der ebenfalls seine Tiegel und Töpfe, Salben und Phiolen mit merkwürdig anmutenden Inhalten verwendet und bei sich trägt.
Erneut landet die Faust einige Male an der Haustür des Mannes, doch ist es heute Alaric selbst, der seine Ankunft kundgibt und hofft, dass ihm hier geholfen wird. Es dauerte eine geraume Weile, bis sich die Tür öffnet, der schmächtige Medicus im Türrahmen steht und erstaunt den Mann mustert, den er bereits vor ein paar Tagen gesehen hat; jedoch in einem Zustand, der mehr nach Tod, als nach Leben aussah.
„Ihr seid wohlauf!“, stellt der Ältere fest, mustert den Besucher nicht gerade unauffällig und lässt seinen Blick auch über den Haarschopf des Nord wandern, an der einst die klaffende Wunde war und die ihn vermuten ließ, dass dieser Mann schon bald die Welt verlassen würde.
Alaric runzelt die Stirn. Er selbst hat diesen Mann zuvor noch nicht gesehen, dennoch nickt er knapp als Antwort.
„Nun, ich bin erfreut, dass man Euch helfen konnte. Doch sagt mir, Ihr seht nicht aus, als würdet Ihr meine Dienste benötigen, daher… was kann ich für Euch tun, mein Herr?“
Sorgsam löst Alaric die Schriftrolle von seinem Gürtel, bringt sie in das Sichtfeld des Medicus, belässt sie jedoch noch zusammengerollt.
„Wir benötigen Eure Hilfe, werter Medicus. Jedoch…“, geht Alaric’s Blick auf die Straße, an der das Haus des Medicus liegt und die, auch wenn sich der Abend langsam über die Stadt neigt, doch recht belebt ist. Zudem sind die beiden Krieger nicht gerade unauffällig; weder von Statur, noch von ihrer Kleidung und ziehen damit den ein oder auch anderen neugierigen Blick auf sich.
„Falls es Euch recht ist, sollten wir das vielleicht in Eurem Haus besprechen.“, beendet Alaric schließlich den Satz.
Die kleinen Augen des Medicus folgen erst der Handbewegung des Nord, bleiben für einen Moment auf der Schriftrolle haften, bevor er weitergehend ebenfalls die Straße in Augenschein nimmt und nicht minder die teils neugierigen Blicke der Passanten wahrnimmt, die seinen Besuchern gelten. Mit einem leichten Schnauben, als wäre auch ihm diese Neugierde zu viel, nickt er schließlich, tritt aus dem Türrahmen und macht somit Platz, damit seine unerwarteten Gäste ins Haus treten können.
„Na dann… tretet ein und lasst uns besprechen, was Euch auf dem Herzen liegt“, lädt er seine Besucher sogar freundlich ein.
Aus dem Inneren des Hauses strömen auch heute wieder die Gerüche von Kräutern, dem schwereren Geruch von Alkohol und auch wirkt der Innenraum ein wenig dunstig, vernebelt. Die Gerüche verstärken sich, als Alaric und Galthor schließlich der Einladung folgen und ins Haus treten. Nach einem letzten Blick auf die Straße, der fast mürrisch wirkt, schließt der Medicus dann auch nachhaltig die schwere Holztür. Was die Männer besprechen, wird nun ausschließlich unter ihnen bleiben, wird kein fremdes oder neugieriges Ohr vernehmen.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
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Corentin (05.02.2019)

8

Donnerstag, 7. Februar 2019, 08:26

VI – Auf der Jagd


„Das war der Letzte!“, leicht schnaufend kommen die Worte von Torben, ehe der Krieger mittleren Alters seinen Hirschfänger aus der Scheide an seinem Gürtel zieht und mit geübten Schnitten den Leib des erlegten Skeevers öffnet und dessen Leber entnimmt. Sein blut- und sekretverschmiertes Nordschwert hat er derweil neben sich abgelegt und nur einen Moment später reicht Fenrik, der zweite Nord im Bunde, ihm einen verstärkten, geöffneten Lederranzen, in dem die blutige Innerei mit einem leicht schmatzenden Geräusch verschwindet. Scheinbar befinden sich noch mehr Tierteile darin. Mattes Licht fällt von oben herab, aus einer natürlichen Höhlenöffnung, direkt über den Männern und taucht die Szenerie in ein bizarres, unwirkliches Licht: Vier Männer, hoch im Wuchs und bewaffnet wie für einen Krieg, inmitten einer Höhle, umgeben von zahlreichen Leichen von Skeevern. Einige Tiere der Herde hört man tiefer in der Höhle. Ihr Jappsen, das Fletschen ihrer Mäuler. Dennoch halten sie sich dort hinten versteckt und die Männer scheinen den Rest der Herde in Ruhe lassen zu wollen. Blätterlianen haben sich im Inneren der Höhle angesiedelt, schaffen eine seltsame Verbindung zwischen der Ober- und der Höhlenwelt. Ebenso seltsam anmutende Pflanzen, teilweise mit unglaublich großen Blättern, die eine seltsame violett-gelbliche Farbe haben. Die Luft ist stickig, doch auch erfüllt vom starken Geruch der Pflanzen, gemischt mit dem von Exkrementen und nun auch vom Schweiß der Männer nach dem Kampf. Um die Männer herum verstreut liegen die erlegten Leiber mehrerer Skeever. Die Tiere sind unerwartet groß und stark gebaut, das mittig liegende Tier ist sogar noch größer und kräftig von der Statur, was sein weltliches Ende dennoch nicht verhindern konnte. Doch auch die Krieger selbst sind nicht ohne Blessuren davongekommen.
Fenrik, ein noch recht junger Krieger, jedoch mit Armen die zeigen, dass er mühelos zwei Anderthalbhänder schwingen und damit umgehen kann, hat unter anderem ein paar blutige Kratzer am Oberarm davongetragen. Auch sein Gesicht zieren ein paar blutige Spritzer, die jedoch nicht sein eigenes Blut tragen.

Galthor, der älteste Nord in der Gruppe, legt seinen Kopf in den Nacken, schaut durch die Öffnung in den Nachmittagshimmel, der ein Stück weit von hier unten aus zu sehen ist.
„Bei allem was mir heilig ist, die Heranschaffung der geforderten Dinge der alten Hexe nimmt mehr Zeit in Anspruch, als mir lieb ist!“, knurrt er hinauf, bevor er seinen Blick wieder senkt und seinen Zweihänder notdürftig an einigen herumliegenden Blätterlianen reinigt, bevor er es zurück in die Halterung an seinem Rücken schiebt. Sein Blick schweift über die erlegten Tiere hinweg hinüber zu Alaric. Der jedoch scheint mit dem inzwischen leicht verschmutzten Pergament des Wyrdoberhaupts beschäftigt zu sein, das er einmal mehr gezückt hat und seine Augen über die dort verzeichneten Punkt gleiten lässt, dabei vorerst nicht auf Galthor’s Äußerung reagiert.
„Das waren alle, mehr benötigen wir davon nicht.“, gibt Alaric schließlich von sich, ehe seine Augen durch die Runde der Anwesenden gleiten, ein siegessicheres Lächeln dabei auf den Lippen tragend. Ein gewisser Stolz liegt in seinen Augen, während er die Gruppe seiner Männer in Augenschein nimmt. Die Nordmannen, die er um sich geschart hat sind mehr, als nur Kampfgefährten; sie sind seine Kameraden, durch Krieg, Hölle und gute Zeiten.
„Sag mir nicht, dass wir heute nichts mehr zu tun haben!“, murrt Torben großtönig, der den benutzten Hirschfänger am Fell des Skeevers abwischt, ihn dann zurück in die Scheide am Gürtel steckt und sich aufrichtet. Sein Blick gleitet gelassen über die Überreste des Skeeverrudels samt Anführer, ehe er seinen Kopf einmal rollen lässt, bis ein leises Knacken verrät, dass sich sein angespannter Nacken wieder gelockert hat. Gelassen hebt er dann auch sein Schwert auf, verstaut es an seiner Seite ehe er zum Schluss seinen Schild aufhebt, den ein eindrucksvolles Wappen mit einem Bären darauf schmückt und es ebenfalls an seinem Körper befestigt – gut verstaut und dennoch allzeit griffbereit.
„Das war gerade mal zum Warmwerden!“, ergänzt er tollkühn, wobei seine blauen Augen im fahlen Höhlenlicht aufblitzen, er seine Augenbrauen in schneller Abfolge auf- und niedertanzen lässt und anschließend in ein rauhes Lachen ausbricht, das von den Wänden der Höhle mehrfach wiedergegeben wird. Er und seine Geste sind es, die den Rest der Nordmänner in dieses Lachen einfallen lassen und ein Beobachter würde sogleich erkennen, dass diese vier Nord ein gut aufeinander eingespieltes Gespann sind.
Alaric, Anführer seiner Gruppe, lässt seinen Kameraden diesen Moment. Bereits seit Tagen sind sie in den Wäldern von Hochfels unterwegs, lernen das Land besser kennen, als es ihnen lieb ist oder sie je geplant hätten. Und doch ist er zufrieden. Beim Durchsehen des Pergaments ist ihm aufgefallen, dass sie inzwischen viele Dinge besorgt haben, die Mutter Frederika im Austausch für Estelle gefordert hat. Dennoch ziehen sich seine Brauen für einen Moment unheilvoll zusammen. Das Gelingen des gesamten Vorhabens liegt nicht nur in seinen Händen, auch nicht in der seiner Männer. Ein wesentlicher Erfolg hängt von dem Medicus aus Dolchsturz ab, der von ihm mit einem ansehnlichen Beutel Gold versorgt wurde, um sich bei den ortsansässigen, als auch bei zwielichtigen Händlern umzuhören, um hoffentlich die eine oder andere Zutat erwerben zu können, die auf der Liste vermerkt sind.

Ein weiteres Bild taucht vor seinem geistigen Auge auf, vertreibt sogleich all seine düsteren Gedanken, gar seine Zweifel: Estelle. Einer Schutzheiligen gleich ist ihr Wesen, ihre Ruhe und ihre Ausgeglichenheit. Abends, wenn das Tagwerk erledigt ist, er sich von seinen Männern für eine Weile verabschiedet, dann haben sie Zeit füreinander, Alaric und sie. Sie reden viel und doch gibt es auch Momente, in denen sie schweigend und nah beieinander sitzen und in stiller Harmonie in den Abend- oder Nachthimmel blicken. Momente, in denen Estelle’s Hand in seiner ruht – warm, weich und doch so kraftvoll. Keine Frau, nicht einmal seine Mutter, hat es je geschafft gehabt, sein ungezügeltes und leicht aufbrausendes Temperament derart zu beruhigen, im Zaum zu halten. Das kann nur die kleine Wyrd, mit ihren smaragdgrünen Augen, die so viel mehr sagen, als ihr Mund es je könnte. Allein der Gedanke an seine zukünftige Gemahlin lässt ihn neue Kraft schöpfen und so packt auch er zusammen, gibt seinen Männern ein Zeichen, um diesen Kampfplatz zu verlassen und somit auch die Höhle. Er will den übrig gebliebenen Tieren die Möglichkeit geben sich vom notwendigen Überfall der Krieger auf sie zu sammeln und zu erholen. Vor ihnen selbst liegt noch ein längerer Ritt zurück zum Lager der Wyrd; nun ja, in die Nähe davon, denn Zutritt hat er zur Gemeinschaft der Naturhexen nur noch eingeschränkt, nachdem seine Gesundheit wieder vollständig hergestellt ist.

Achtsam bewegen sich die Männer auf dem schmalen, rutschigen Pfad, der sie wieder aus der Skeeverhöhle führt, bewegen sich langsam darauf höher, bis sie in kürzerer Distanz bereits das Tageslicht ausmachen können. Nacheinander verlassen sie den Tierbau, wobei sie zufrieden und tief die klare Luft der Wälder einatmen. Ihre Rösser sind in der Nähe abgestellt, grasen dort friedlich. Der Hengst von Alaric, Arius, ein edles, als auch mächtiges Ross, schwarz wie die Nacht und ausgestattet mit wahrlichem prächtigem Zaumzeug, das – typisch für die Nord – stellenweise mit edlem Fell abgesetzt ist, nimmt die Witterung seines Herrn auf, dreht den Kopf und gibt ein leises Wiehern des Erkennens von sich, ehe er sich von der Gruppe der anderen Pferde trennt und gemächlich, fast majestätisch seinem Herrn entgegen trabt. Anerkennend lächelnd streift Alaric einen seiner schweren Handschuhe ab, streicht mit der bloßen Hand durch die kräftige Mähne seines Reittiers. Pferd und Reiter sind eine Einheit, das sieht man sofort, scheinen schon längere Zeit gemeinsam durch die Länder zu ziehen. Wohlig zucken die Flanken des mächtigen Tiers unter den doch sanften Liebkosungen seines Herrn. Arius senkt leicht seinen Kopf, stößt den Arm seines Herrn an und erweckt damit den Eindruck, dass er laufen will, mit dem Wind um die Wette und unter der führenden Hand seines Reiters Alaric. Dieser jedoch greift zuvor in eine der Satteltaschen seines treuen Tieres, zieht einen Apfel daraus hervor und teilt ihn mit seinen Händen in zwei Hälften. Eine Hälfte spendiert er Arius, in die andere beißt er selbst hinein und wendet sich wieder seinen Getreuen zu.
Fenrik befestigt gerade den Lederkasten mit den Tierinnereien an seinem Sattelzeug, Torben stärkt sich an seinem Wasserschlauch und Galthor… beobachtet Alaric, versieht ihn mit einem fast väterlichen Blick und nickt kurz in seine Richtung. Ohne Worte sprechen sich die beiden Männer ab. Sie werden am kommenden Tag erneut nach Dolchsturz gehen. Es steht ein Besuch beim dortigen Medicus an. Und so macht sich die Gruppe, nach einer Weile der Pause und Stärkung, gemeinsam auf den Rückweg zum Lager der Wyrd, um einen weiteren Teil der Forderungen zu erfüllen, die beschafften Vorräte dort abzuliefern.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Thayana« (7. Februar 2019, 08:32)


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Corentin (08.02.2019)

9

Freitag, 8. Februar 2019, 11:58

VII – Von Hexen und Vetteln


Der kleine Raum ist erfüllt vom Geruch diverser Kräuter, die in kleineren und größeren Ansammlungen auf dem groben Holztisch verteilt liegen. Es macht das Atmen schwer, obwohl die kleinen Fenster des Hauses weit geöffnet sind und die morgendlich frische Saatzeitluft in den kleinen Raum strömt. Das Feuer im gemauerten Kamin des Häuschens unterstützt das Aroma der Pflanzen hingegen. In unterschiedlicher Form liegen sie da: Als fein gemahlenes Pulver, andere wurden nur grob zerteilt. Von einigen wurden zarte Blütenblätter verwendet, von anderen Pflanzen die Wurzeln und Knollen. Mittig auf dem Tisch liegt, ausgerollt und von drei groben Trinkebechern an den Ecken gehalten, ein inzwischen leicht abgegriffen aussehendes Pergament. Die Schrift darauf wirkt geübt, schwungvoll und gleichzeitig schnörkellos. Drei Männer stehen um den Tisch herum, sehen recht konzentriert aus, jedoch aus unterschiedlichen Gründen.

„Das sind die Zutaten, die ich hier in der Stadt auftreiben konnte.“, gibt die leicht brüchige Stimme des Medicus an. Sein knorriger Zeigefinger tippt auf das Dokument, auf den Teil, der eine Aufstellung enthält. Punkt für Punkt gleitet seine Fingerspitze über das Papier, während er mit dem Kinn nach jedem Tippen auf dieses Pulver, jenes Kraut oder eines der Kräuterhäufchen deutet, als Erklärung, welches davon zu der Aufstellung passt. Alaric hat ein frisches Pergament kurz neben das der Wyrdanführerin gelegt, notiert sich im Anschluss die Zutaten, die noch fehlen.
„Bei Shor’s Knochen“, knurrt Galthor nach geraumer Zeit, „dein Mädchen ist der alten Hexe wirklich viel wert!“ Das seine Bemerkung keinesfalls abwertend auf Estelle bezogen ist, lässt sein fast erstaunter Blick über all die Zutaten erkennen, die der Medicus herbeigeschafft hat. Fast zustimmend nickt Alaric, der dem Blick seines Freundes folgt. Sein Erstaunen ist nicht minder groß; viele der Essenzen kennt er nicht, vielen ist er im Laufe seines Lebens und trotz des Bereisens vieler Ländereien Tamriels noch nie begegnet.
„Ihr habt wirklich gute Arbeit geleistet, Medicus!“, lobt er schließlich den älteren Mann und bedenkt ihn dabei mit einem wohlwollenden Blick. Dessen Augen funkeln kurz auf. Er wirkt, als würde ihm diese Zusammenarbeit mit den Nordmannen selbst Freude bereitet, denn seine ansonsten leicht nach unten gezogenen Mundwinkel ziert ein feines, stolz anmutendes Lächeln. Schnell wird er jedoch wieder ernst.
„Dennoch, Thane, es fehlen noch immer einige Bestände.“, wirft er ein, runzelt dabei leicht die Stirn und erneut geht sein Zeigefinger zur Aufstellung, tippt er auf einige Punkte, die direkt untereinander stehen.
„Pilze sind das!“, erläutert er. „Nicht leicht zu finden, schon gar nicht im Monat der Saat.“, fügt er bedauernd hinzu. Leicht stößt er sich vom Tisch ab, seine Hände gehen kurz in seinen Rücken, als hätte ihn das lange Vornüberbeugen ein wenig steif im Kreuz werden lassen. Währenddessen wechseln Alaric und Galthor Blicke, bis der ältere Hüne ratlos die Schultern zuckt.
„Schau mich nicht an!“, unterstreichend hebt er seine Hände in Richtung Alaric. „Pilze kenne ich nur im deftigen Eintopf und selbst da frage ich mein Weib nicht, woher sie die hat“, knurrt er weiter, wendet seinen Kopf dabei zum offenen Fenster hin. Alaric’s Blick wandert weiter, verbleibt diesmal auf dem Medicus, der grübelnd im Raum auf und ab schreitet, seinen Finger nachdenklich gegen sein Kinn tippend. Alaric lässt ihm Zeit. Er weiß, dass solche „Spaziergänge“ oft in einer Lösung münden und kurz darauf behält er Recht. Mitten in seinem Schritt, eine erneute Runde im Raum laufend, hält der Medicus inne. Sein Gesicht erhellt sich und ein leises „Ja, genau!“ unterstreicht seinen Geistesblitz. Wieder erstaunlich beweglich schwenkt der Mann herum, reckt seinen Zeigefinger in die Höhe und dreht sodann auf seinem Absatz herum, nur einen Augenblick verzögert, schlürft auf eine aufgehängte Landkarte an der Wand zu. Suchend gleiten seine Augen und Finger eine Weile über die Karte, bis er gefunden hat, wonach er sucht. Seinen Finger auf eben diesem Punkt belassend, dreht er sich halb zu Alaric hin.
„Dort müsst Ihr hin, Thane. Genau dort!“ Unterstreichend tippt sein Finger gegen die Wand, auf den Punkt auf der Landkarte, den er ins Auge gefasst hat. Alaric tritt zu ihm, beugt sich mit leicht zusammengekniffenen Augen zur Karte hin.
„Aldfelden?“, fragt er zögernd nach, denn die Augen des Medicus sind noch immer auf ihn gerichtet, gehen zu Galthor über, als dieser ein, halb gemurmeltes, halb geknurrtes „…war ja abzusehen, dass wir wieder durch die Lande reisen müssen…“ von sich gibt. Erst dann wendet der Heiler sich wieder dem Nord zu, betrachtet erneut die Karte und verfällt in ein kräftiges Nicken.
„Jawohl… Aldfelden!“, wiederholt er, als wäre es für alle Anwesenden logisch und nachvollziehbar. Schon bewegt er sich von der Karte weg zum Tisch hin, greift nach einem der groben Becher und nimmt einen tiefen Schluck des inzwischen kalt gewordenen Kräutertrunks. Leicht schmatzend leckt er sich zwischen zwei Schlucken seine Lippen, als ihm die plötzlich eingekehrte Ruhe im Raum auffällt. Er stutzt kurz, genehmigt sich noch einen Schluck und setzt den Becher erneut auf dem Tisch ab.
„Uhm… ja richtig… könnt Ihr nicht wissen“, gibt er von sich, wobei er sich erneut in Richtung Landkarte in Bewegung setzt. Sein Finger beginnt sofort, sich westlich um den Ort Aldfelden auf der Karte zu bewegen.
„Dieses Umland dort“, erklärt er, die Aufmerksamkeit der beiden Männer auf seinen erklärenden Finger ziehend, „…das Gebiet ist in dieser Jahreszeit feucht, zerklüftet und moorig. Aus diesem Grund gibt es in Aldfelden viele Sammler, die die umliegenden Dörfer und Städte mit Pilzen versorgen. Dort gibt es übrigens die besten Eintöpfe von Hochfels.“, erklärt er mit leichtem Stolz in der Stimme weiter. Galthor, der nun ebenfalls nähergetreten ist, beugt sich näher an die Karte. Und während der Medicus seine Finger von der Karte wegzieht, legt Galthor seine Hand darauf und misst damit die ungefähre Entfernung zwischen Dolchsturz und Aldfelden aus.
„Da springt doch der Hase ins Feuer!“, kommentiert er seine Messung. „Das sind mindestens vier bis fünf Tagesritte dorthin, wenn nicht sogar mehr.“ Er rückt sein Gesicht noch näher an die Karte.
„Moment… die Stadt liegt am Meer, dann ist da auch ein Hafen, an dem wir festmachen können.“, gibt er sodann seine Entdeckung preis, wechselt seinen Blick zu Alaric hin und beide Männer sind sich erneut ohne offizielle Absprache einig: Man wird das Schiff nutzen. Die Besatzung liegt bereits seit vielen Tagen vor Anker in Dolchsturz und hat in dieser Zeit wahrscheinlich alle Planken ausgezählt, da der gemeinschaftliche Landgang untersagt werden musste, sie nur zu dritt oder maximal zu viert das Schiff verlassen und per Ruderboot an Land gehen dürften. Von daher würde ein Abstecher nach Aldfelden eine willkommene Abwechslung für die Mannschaft sein, ebenso das Wiedersehen mit ihrem Anführer und Kapitän. Ein leises Räuspern des Medicus, wodurch er die Blicke beider Nordmänner wieder auf sich zieht.
„Eines muss ich Euch noch mit auf den Weg geben – eine Warnung!“ Er legt eine nach Aufmerksamkeit heischende Sprechpause ein, bei der sowohl Alaric, als auch Galthor langsam ihr Kinn gen Brust senken, ihm dabei aufmerksam lauschend.
„Auch dort hat sich ein Teil des Hexenzirkels niedergelassen!“, merkt er an und noch bevor Alaric seine leicht erhobene Hand abwinkend senken kann, hebt der Medicus selbst die Hand an. Da scheint mehr dahinter zu stecken und so lauschen die beiden Nord weiter.
„Ich weiß, ich weiß. Ihr glaubt die Hexen nun zu kennen, doch dem ist nicht so!“, führt der Medicus aus. „Die dort angesiedelten Hexen sind Ausgestoßene ihres eigenen Stammes – gefährlich, ungut und auch schrecken sie vor blutigen, nächtlichen Ritualen nicht zurück!“, äußert er schließlich und zur Gänze seine Warnung.
Alaric und Galthor – die Blicke treffen aufeinander, dem ein kräftiges Nicken beider Nord fast zeitglich folgt. Sie scheinen gewillt, diese Reise trotz der ausgesprochenen Warnung anzutreten.

Der Abschied vom Medicus erfolgt danach recht schnell. Ein kräftiger wie auch herzlicher Händedruck, die gesammelten Zutaten wechseln den Besitzer und fast scheint es den älteren Mann zu berühren, sich nunmehr von den Nordmannen verabschieden zu müssen, denn sein Blick wirkt fast väterlich, als er Alaric's Arm zum Abschied leicht tätschelt.
"Gebt auf Euch Acht und sollte Euch euer Weg noch einmal herführen, so seid Ihr in meinem Haus stets willkommen!". Seine Worte klingen aufrichtig, entlocken sowohl Alaric, als auch dem ansonsten so ungerührt wirkenden Galthor ein Schmunzeln, ehe beide Männer gemeinschaftlich zum Medicus nicken und sich auf den Weg machen.
Alle Zutaten sorgfältig verstaut, verlassen die Nord das Haus des Medicus, nehmen den Weg in Richtung des Stalls der Stadt Dolchsturz, in dem sie für die Zeit des Besuchs ihre Pferde eingestellt haben. Auch heute folgen den Männern wieder neugierige und auch staunende Blicke, was Galthor veranlasst, sein breitestes Grinsen auf sein bärtiges Gesicht zu setzen.
"Sind gar nicht so übel, die Hochfelser", räumt er brummig ein, seinen Blick über die ordentlich scheinenden Fassaden der Häuser gleiten lassend und auch einige Marktfrauen trifft sein wachsames Auge, ruht gar ein wenig länger auf ihnen. "Auch wenn sie in Himmelsrand zittern würden, bis man ihre Knochen zusammenschlagen hörte.", kann er sich eine kleine Spitze dennoch nicht verkneifen.
Alaric lacht, als würde er Galthor insgeheim zustimmen. Er kennt seinen Freund sehr genau und weiß, dass sich heute wieder jemand seinen dauerhaften Respekt und auch seine Freundschaft verdient hat - der Medicus.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


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Corentin (11.02.2019)

10

Montag, 11. Februar 2019, 13:21

VIII – Aufbruch im Morgengrauen Teil 1


„…und wann werdet ihr aufbrechen?“, ruhig richtet sich Estelle’s Frage an Alaric, schwenkt ihr Blick von ihm zum Meer hinaus. Erneut ein Abend, an dem die beiden frisch Verliebten Zeit miteinander verbringen. Die Luft ist ungewöhnlich warm und so haben die Beiden den Weg ans Meer eingeschlagen und rasten, wo die Wyrd für gewöhnlich angeln gehen, unter einem kleinen Schattenbaldachin direkt am Meer. Die kleine Bucht liegt umgeben von massiven Felsen, gibt den Blick frei auf eine kleine, vorgelagerte kleine Insel und die schier unendliche Weite des Horizonts, die sich im Nirgendwo verliert. Feurig wirft die Sonne eine Schneise gleißenden Lichts über das Meer, als würde sie einen Pfad aus flüssigem Feuer freigeben.
„Wir reiten heute Nacht los, werden am frühen Morgen das Schiff besteigen.“, beantwortet Alaric ebenso ruhig die Frage, ehe sein Blick dem ihren folgt. Er liebt das Meer, liebt die Reisen darauf und auch das Ungewisse, das ihn und seine Mannschaft auf jeder Reise erwartet. Wie schon seinem Vater, liegen auch ihm das Abenteuer und die Reiselust im Blut, auch wenn dies oftmals mit Gefahren verbunden ist – jenen Gefahren, die Alaric erst vor kurzem widerfahren sind. Eben dieser Gedanke scheint auch Estelle zu beschäftigen, als sie leise ihre Stimme erhebt.
„Auch wenn ihr in ruhigen Gewässern reist, entlang der Küste von Hochfels“, gibt sie zu bedenken, bevor ihr Blick zu Alaric geht, „wer kann wirklich sagen, ob du zu mir zurückkehren wirst?“ Leise schnaubt sie auf, fügt ebenso leise noch etwas hinzu. „Und das alles wegen ein paar Pilzen, wegen mir!“, beendet sie aufseufzend ihren Satz und erhebt sich ruckartig vom Lager, geht die paar Schritte zum Meer hin und bleibt dort, den Rücken zu Alaric gewandt, stehen. Ihr Körper wirkt angespannt, sie selbst nachdenklich. Wohl hört Alaric den Unterton in Estelle‘s Stimme; eine Mischung aus Traurigkeit und einer Prise Zorn auf sich selbst. So recht weiß er nicht was er tun soll. Mit keifenden Weibsbildern aus Schenken kennt er sich aus, weiß sie zu händeln und sich notfalls auch vom Leib zu halten, aber Estelle ist anders. Sein Verhältnis zu ihr eines, auf das er sein und ihr Leben aufbauen will und wird und so lässt er sich einzig von seiner Intuition leiten, erhebt sich ebenfalls. Mit wenigen, ausholenden Schritten ist er bei ihr, legt sanft seine Arme von hinten um ihre zarte Gestalt. Ihr gleichzeigt Schutz als auch Nähe spendend, bringt er seinen Mund über ihre Schulter, nah an ihr Ohr. Seit er hier vor Ort ist, hat er seinen Bart abgenommen. Anders nun als sein Vater, dem seine Gesichtsbehaarung fast heilig ist, trübt kein Haar den Blick auf sein prägnantes Gesicht, seine kantigen Konturen und sein so oft leicht verwegen wirkendes Grinsen.
„Nicht wegen ein paar Pilzen, schon gar nicht wegen dir, Estelle.“, nimmt der das von ihr Gesagte auf und führt es mit seiner für ihn typischen tiefen, markanten Stimme weiter, die in ihrer Gegenwart um so viel sanfter klingt als gewohnt. „…sondern für und wegen uns, meine Liebste.“
So ungeübt der sonst so erprobte Krieger in Sachen Romantik und Zärtlichkeit auch sein mag, so schlicht verdrängt er mit seinen Worten und seiner Gestik die Befürchtungen von Estelle, sie würde ihm mehr Schwierigkeiten bereiten, als er bereit wäre hinzunehmen. Wohlig schmiegt sie sich in seine Arme und einen langen Moment stehen die beiden nur da, den Blick weiterhin auf das Meer gerichtet.
„Lass mich mit dir kommen, Alaric.“, bittet Estelle nach dem Augenblick innigen Schweigens, reibt ihre Wange sanft an seiner und schließt die Augen. Ein leises Lachen von ihm lässt sie ihren Körper leicht abdrehen, bis sie einen Blick über ihre Schulter und direkt in sein Gesicht werfen kann.
„Du lachst mich aus?“, fragt sie mit leicht umwölkter Stirn, bis er sanft den Kopf schüttelt, Estelle’s Kopf wieder sanft an seine Brust zieht und sein Kinn auf ihrem Scheitel ablegt.
„Nein, Liebste, ich lache dich nicht aus!“, beruhigt er sie sofort. „Ich stelle mir nur gerade das Gesicht von Mutter Frederika vor, wenn ich ihr eben diesen Vorschlag unterbreite, dich mit auf mein Schiff, mit nach Aldfelden zu nehmen.“, erklärt er sein Lachen. Schon meint er vor seinen inneren Augen den mahnenden Blick der Ältesten auf sich zu sehen, abschätzend wie immer. Sie müsste nicht ein Wort sagen, denn das muss er ihr zugestehen: Ihre Augen können Lob wie Maßregelung gleichermaßen widerspiegeln.
„Ich werde mit ihr sprechen!“, dringen Estelle’s Worte inmitten seiner Gedanken und nun ist es seine Stirn, die sich umwölkt. „Ich habe gesehen, wie viele Vorräte durch dich und deine Männer ins Lager gebracht wurden und ich bin nicht einfältig, Alaric!“, holt sie weiter aus. „Mir ist bewusst, dass als das von „ihr“ und für mich gefordert wurde. Das all das Voraussetzung ihres Einverständnisses ist, damit ich mit dir gehen kann und darf.“
Aus ihrer Stimme klingt etwas Neues heraus, eine Seite, eine Emotion, die Alaric an Estelle noch nicht erlebt hat, weil… Nun ja, gesteht er sich selbst ein, weil sie bisher ein vor der Außenwelt geschütztes Leben inmitten einer Gemeinschaft lebte, die mit weltlichen Belangen nicht viel oder gar nicht in Berührung kam. Vielleicht war es ein Segen, in solch einer Welt zu leben, geschützt vor der geläufigen. Alaric nutzt die Gesprächspause, um für sich selbst nachzudenken. Darüber, ob und was ihm eventuell erspart geblieben wären, wäre er selbst in einer vergleichbaren kleinen Gesellschaft aufgewachsen. Nur kurz währt diese Abschätzung in ihm, dann schüttelt er sie ab. Nein, er möchte wissen und sehen, was das Hier und Jetzt zu bieten hat, mit all seinen Facetten und auch wenn es bedeutet, ebenso die unschönen, nicht immer harmonischen Dinge zu sehen zu bekommen. Für andere mag es passend sein, ein Leben in Isolation, in geschützter Harmonie, doch so nicht für ihn. Ihn hat jede einzelne Situation stark gemacht, hat ihn ebenso zurückgeworfen, wie auch vorangetrieben. Er hat seine Stärken erkannt und nicht minder seine schwachen Seiten schützen gelernt, falls es angebracht ist.
„Dann sprechen wir gemeinsam vor.“, schlägt er im leisen Plauderton vor, erstaunt über sich selbst und doch erfüllt ihn allein die Idee mit einer fast kindlichen Vorfreude. Schon der Gedanke daran, frische Luft in die Lungen zu füllen, auf See den Pflichten zu entkommen und sich frei wie ein Adler im Wind zu fühlen, dazu noch mit Estelle an seiner Seite, ungehindert Zeit mit ihr verbringen zu dürfen. All das erfüllt sein Herz mit einer nie gekannten Freude und genau das drückt er aus, als er ihren Körper fester an den seinen zieht, er sie noch etwas fester mit seinen Armen umfangen hält und einen zärtlichen Kuss auf ihr Haar drückt.
„Nur der frühe Vogel fängt den Wurm, zögern wir es nicht heraus, Alaric! Es ist noch nicht so spät, wenn wir sogleich zurückgehen.“, scheint Estelle seinen Vorschlag zu unterstützen und geht ein leichter Ruck des gewollten Aufbruchs durch ihren Körper, der sich auf Alaric überträgt. Ein kurzes Nicken seitens Alaric, bevor er nach ihrer Hand greift und sie gemeinsam zurück zum Lager der Wyrd schlendern.

Ruhig wechselt der Blick der Wyrdanführerin zwischen Estelle und Alaric. Sie lässt sich Zeit und die beiden Ansuchenden im Ungewissen. Ihr Blick geht tief, kratzt nicht nur an der Oberfläche dessen, was der Schein nach außen trägt. Sie scheint in die Seelen der Beiden zu blicken und nimmt sich dafür Zeit. Hand in Hand steht das junge Paar vor ihr, hat sich ihre Bitte in deren Augen manifestiert und so huscht schließlich ein kaum merkliches Lächeln über das Gesicht der Älteren, dem ein kurzes, prägnantes Nicken folgt.
„Du hast bewiesen, Kind, dass deine Bitte, Estelle mit dir nehmen zu dürfen, ernsthaft und keine kurzweilige Brise eines wechselnden Windes ist.“, wendet sie das Wort an Alaric, bedenkt ihn heute gar mit einem fast wohlwollend anmutendem Blick. „Und von daher habt ihr meinen Segen, diese Reise gemeinsam zu begehen.“ Hernach wendet sie sich Estelle zu. „Und auch du bist deinen Pflichten hier weiter nachgekommen, hast es dir zu eigen gemacht, den schmalen Grad zwischen Pflicht und Freiheit gut und sicher zu begehen, ohne zu straucheln. Von daher sehe ich keinen Grund, weshalb ich euch beiden euer Ansuchen ablehnen sollte.“
Ein schneller Blick wird zwischen Estelle und Alaric getauscht, unverkennbare Freude ist darin bei beiden zu entdecken, als die Führerin schon weiterspricht.
„Während dieser Zeit wird es Arius gut ergehen, darauf hast du mein Wort.“, fügt sie noch immer ruhig und überlegt hinzu, folgt jedoch ein schärferer Blick zu Alaric hin.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
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Corentin (11.02.2019)

11

Montag, 11. Februar 2019, 13:24

VIII - Aufbruch im Morgengrauen Teil 2


Woher zum Henker kennt sie den Namen seines Hengstes? Kurz ziehen sich Alaric’s Brauen unheilvoll zusammen. Er erkennt, dass diese Frau immer und noch wieder einen Trumpf für sich findet und auch gewillt ist, diesen zu nutzen. Für einen Moment mahlen seine Kiefer, scheint er zu einer ungezügelten Entgegnung anzusetzen, als er, wie durch einen dichten Gefühlsnebel des Aufbrausens hindurch den sanften Druck von Estelle’s Hand an seiner spürt. Diese Geste ist es, die auch heute und jetzt sein Temperament zügelt, die seine Gesichtszüge und selbst seinen Körper langsam wieder so weit entspannen, dass er ein knappes Nicken als Zeichen seines Einverständnisses abgeben kann. Dennoch liegt ein anfänglich knurriger Unterton in seiner Stimme, als er sich zu Estelle wendet, nachdem er den Blick aus seinen kalt gewordenen Augen von der Wyrd lösen kann.
„Such ein paar Sachen zusammen, Liebste. Wir werden sodann aufbrechen, um rechtzeitig den Hafen Dolchsturz‘ zu erreichen.“, rät er ihr an, seine Augen kurz zu ihr schließend als Zeichen dafür, dass sie beruhigt losgehen kann, er sein Temperament wieder unter Kontrolle hat.
Nur kurz zögert Estelle, schwenkt ihr Blick von Alaric zu Mutter Frederika und wieder zurück. Doch dann löst sie sich von Alaric’s Hand, jubelt ein aufrichtiges „Danke“ zur Wyrdmutter und entschwindet eilends durch die massive Holztür der Hütte.

Geduldig wartet Alaric auf ihren Abgang, wobei sein Blick auf ihrer weggehenden Gestalt ruhen bleibt. Erst als sich die Holztür hinter ihr geschlossen hat, atmet er zwei- dreimal tief ein und wendet den Kopf gefährlich langsam wieder der Wyrdmutter zu.
„Ihr seid berechnend, das muss ich Euch wohl nicht sagen!“, knurrt er, noch immer in Gefühlsaufruhr.
Gelassen ob seines offensichtlichen Zorns erhebt sich die Anführerin langsam von ihrer Sitzgelegenheit, geht langsam herüber zur offenen Feuerstelle, mittig der kleinen Hütte, über der im Dach des Hauses eine Aussparung ist, wohl um den entstehenden Rauch abziehen zu lassen. Wie immer, wirkt sie ruhig, erweckt den Eindruck mit sich und ihren Entscheidungen völlig im Einklang zu sein.
„Ich handle nicht weniger vorausschauend, als es auch dein Vater für seinen Clan macht, deine Mutter sich für dich stark gemacht hat, solange du selbst noch nicht die Stärke hattest!“, äußert sie ruhig, während sie langsam die Kelle durch den schmiedeeisernen Kessel zieht, der über dem Feuer steht und aus dem der starke Geruch von erwärmten Kräutersud dringt. Danach schweigend bückt sie sich, hebt einen groben Becher auf, der neben dem Feuer steht und füllt eine Kelle Kräutersud hinein. Über das heiße Getränk pustend, wendet sie ihren Blick zu Alaric hin, ohne weitere Worte mit ihm zu wechseln. Und Alaric? Er begreift in diesem Moment, dass diese Frau die Matrone dieser Gemeinschaft ist, und nicht minder für Estelle. So aufbrausend dieser Krieger sonst auch sein mag, so hat sich Mutter Frederika für diese Erklärung seinen absoluten Respekt verdient, weshalb er ihr nun auch ruhig antwortet.
„Arius wird Euch keine Scherereien bereiten. Er ist ein bedachtes Tier und ich werde Huskarl Fenrik abstellen, damit er Euch zur Hand geht, Ihr nicht zusätzliche Aufgaben habt, mit seiner Pflege und Versorgung.“, wirft er versöhnlich ein, auch wenn man ihm ansieht, dass es ihn schmerzt, einen seinen Getreuen mit einer derartig profanen Aufgabe hier belassen zu müssen. Doch will auch er seinen Teil vor der Reise beitragen und vielleicht sogar unterstreichen, dass er die Äußerung der Wyrd nicht nur gehört, sondern auch verstanden hat.
„So sei es dann!“, erfolgt die Zustimmung von Frederika. „Und für die Zeit deiner Reise werden wir Ross und Mann unseren Schutz und unsere Gastfreundschaft gewähren, solange er sich ehrenhaft verhält.“, fügt die Wyrd mit leicht warnendem Unterton fort und stellt damit klar, dass ihre unterschwellige Warnung gegen den Huskarl gerichtet und sie nicht gewillt ist, eine weitere Wyrdanhängerin an einen anderen Nordmann zu verlieren.


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Corentin (11.02.2019)

12

Freitag, 15. Februar 2019, 12:39

IX – Mit dem Wind Teil 1


Fasziniert und ungewohnt zugleich fühlt sich das seicht schaukelnde Schiff unter ihren Füßen an. Fast so, als würde sie schweben. Sie steht am Bug des eindrucksvollen Nordschiffs, die Hände hat sie locker auf der hölzernen Reling abgelegt und ihren Blick in die Ferne am Horizont gerichtet, während der stete Seewind durch ihre Haare streicht. Ein kurzes Kopfschütteln, während Estelle noch einmal die letzten Stunden durchlebt.

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Sie waren am späten Abend aus dem Lager losgeritten. Alaric hatte sie hinter sich in den Sattel hochgezogen, denn allein wollte er sie nicht durch die Dunkelheit reiten lassen, wollte sie sicher und im Schutz seiner Nähe wissen. Ihr wollenes Kleid, das sie sonst immer trug, das fast schon Teil ihrer selbst war, hatte sie vor Antritt der Reise eingetauscht. So steckte sie nun in grob wollenen Beinlingen, die von einem groben Strick gehalten wurden, an dem sie ein paar ihrer wichtigsten Vorräte in kleinen Leinenbeuteln befestigt hatte. Schafwollsocken sollten verhindern, dass sie in den ungewohnt groben Lederstiefeln Fußweh bekommen sollte, da sie sich ansonsten mit Sandalen oder sogar barfuß bewegte. Stiefel kamen immer nur zum Tragen, wenn der Winter sich über das Land legte, es in den frühen Morgen- und den späten Abendstunden bitterkalt wurde. Über den Beinlingen trug sie ein leichtes Leibchen, darüber eine wollene Weste und darüber noch eine grobe, wollene Kapuzenjacke, die vom gleichen Strick zusammengehalten wurde, wie die Beinlinge auch. Eigentlich war das alles zu viel, schon jetzt zu warm. Doch hatten sich ihre Wyrdschwestern derart Mühe gegeben, nachdem sie von Estelle’s anstehender Reise gehört hatten, die meisten inzwischen auch wussten, dass sie mit dem Nordmann mitgehen und eine Familie gründen würde, dass Estelle die Bemühungen unmöglich ausschlagen konnte. Immerhin würde sie auf der Schiffsreise keine Kälte erleiden, tröstete sie sich selbst und sofort begehrte ihr Magen nervös auf. Eine Reise mit markanten Stationen! Sie würden erst in die Stadt reiten, von dort das Schiff besteigen und dann… Weiter mochte Estelle vorerst nicht denken. Die Stadt Dolchsturz war für sie bereits Anlass genug, um nervös zu werden. Solange sie sich zurückerinnern konnte, hatte sie selbst noch nie die große Stadt am Meer betreten. Einige Schwestern gingen von Zeit zu Zeit dorthin, doch hatte sie selbst stets angemessene Gründe gefunden, um diesen Ort zu meiden. Dabei war Estelle keinesfalls ein ungeselliges Mädchen. Sie fühlte sich im Schutz und Beisein ihrer Mitschwestern durchaus wohl, vermisste und ersehnte nichts, was sie nicht auch hier finden konnte. Zudem schreckte sie ab, was aus der Stadt an Gerüchten herkam. Mal von Besuchern, doch auch von ihren Schwestern selbst, wenn sie aus dem Ort zurückkamen. Ihre Gemeinschaft würde zur Steigerung ihrer Kräfte Säuglinge essen – Humbug. Sie würden sogar kleine Mädchen stehlen, selbst vor Neugeborenen nicht zurückschrecken – Humbug! Ganz im Gegenteil dazu wurden ihnen bisweilen kleine Mädchen gebracht, weil sie unerwünscht oder Frucht eines verbotenen Stelldicheins waren. Da die Wyrd jedoch für sich und verschwiegen lebten, kamen derartige wahre Vorfälle nie ans Tageslicht, lebten stattdessen die Gerüchte weiter und fanden, beim Durchlaufen mehrerer Münder und noch mehr Ohren immer weiteren Nährboden, immer weitere Ausmaße. Oft hatte Estelle mit ihren Schwestern gelacht, wenn ein neues Gerücht in die Gemeinschaft gebracht wurde, das in der Stadt seinen Ursprung hatte, doch heute würde sich alles ändern. Heute würde sie selbst die Stadt betreten, zusammen mit Alaric und seinen Männern.

Alaric! Als sie hinter ihm im Sattel saß, den vor Kraft strotzenden Hengst seines Gefährten Fenrik unter sich stampfen spürte, konnte sie auch die von ihm ausgehende Wärme und Nähe wahrnehmen, die sie so sehr gefangen nahm, dass sie kurz ihren Kopf an seinen breiten Rücken bettete. Er spürte es natürlich und, ganz so wie er war, legte er seine Hand nach hinten auf ihrem Oberschenkel ab und drückte ihn sanft und beruhigend.
Alaric! Er war nun wirklich nicht der erste Mann, dem sie in ihrem Leben begegnet war. Da gab es die Schafhirten und auch die Sammler, die öfter im Jahr ins Lager der Wyrd kamen. Mal brachten sie Ware feil, mal holten sie etwas ab. Doch stets war Estelle’s Blick ohne weiteres Interesse auf sie gefallen und beim Wegdrehen, hatte sie die Männer auch schon wieder vergessen. Hingegen konnte sie sich gut an den Tag erinnern, als sich das denkwürdige Gespann aus Reitern samt Karren dem Gebiet der Wyrd genähert hatte. Groß waren die Männer, kräftig von Statur – egal ob jung oder älter und der Anführer der kleinen Reiterschaft erst. Sorgenfalten hatten sein Gesicht durchzogen, während er hastig um ein Vorsprechen bei Mutter Frederika gebeten hatte. Diese hatte ihn empfangen und auch den besinnungslosen Verletzten auf dem Karren in Augenschein genommen. Ohne viel Federlesens hatte das Wyrdoberhaupt sofort gehandelt und einige Schwestern mit der Versorgung des dahinsiechenden Kriegers bedacht, darunter war auch Estelle eine wichtige Aufgabe zugefallen. Erst nachdem alles auf den Weg gebracht war, hatte sich Mutter Frederika mit dem Hünen zum Gespräch in ihre Hütte zurückgezogen. Estelle hingegen war ihrer zugewiesenen Aufgabe nachgekommen. Seit Jahren wurde sie in der Heil- und auch Handwerkskunst unterwiesen, in der ihre Talente zu liegen schienen. Und so war es auch ihr zugefallen, sich um die klaffende Wunde an Arm und Kopf des schwer Verletzten zu bemühen. Da die Heilung des Kriegers mehr Zeit in Anspruch nahm, hatte sie mehr, als nur einen flüchtigen Blick auf Alaric’s Wesen werfen können. Fasziniert von der Andersartigkeit seiner äußeren Erscheinung, als auch im späteren Verlauf seines Charakters, war er es dann auch, von dem sie sich nicht abdrehte, um ihn nur einen Moment später vergessen zu haben.
Ein leises Schnalzen riss sie aus den Momenten der Vergangenheit, als sich der Pferdetross auch schon in Bewegung setzte. Nun gab es vorläufig kein Zurück mehr, Huf für Huf näherten sie sich der Stadt und einer neuen Erfahrung für Estelle.

Das Einreiten in Dolchsturz verlief ereignislos. Alaric’s Papiere verschafften, wie so einige Male davor, den ungehinderten Zutritt zur Stadt und da es noch früh am Morgen war, waren die Straßen noch nicht sehr belebt – dachte Estelle zumindest. Alaric gab seinen Getreuen einige Anweisungen, was die baldige Abreise auf das Schiff anging. Sie sollten das Beiboot vorbereiten, er selbst hätte mit Estelle noch etwas zu erledigen, wobei sein Blick auf ihre behelfsmäßige Bekleidung fiel.
So trennten sich die Wege der Männer vorübergehend und Alaric ritt im Schritttempo mit Estelle tiefer in die Stadt hinein. Unbewusst war ihr Griff an seiner Taille dabei fester geworden, während sie den bereits belebten Marktplatz passierten, auf dem Händler wie Käufer bereits regen Handel betrieben. Sie querten den Platz und ritten weiter voran, bis Alaric auf Caran, dem Hengst von Fenrik, in eine schmalere Gasse einbog und vor einem bescheiden aussehenden Haus anhielt. Er schwang das Bein vorn über den Rist des Pferdes und ließ sich aus dem Sattel gleiten. Ihr beide Arme entgegen streckend, hatte er im Anschluss auch ihr vom Pferd geholfen, bevor er es an einem stabilen Pfosten locker festmachte, ihre Hand ergriff und das Haus betrat.


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Corentin (15.02.2019)

13

Freitag, 15. Februar 2019, 12:40

IX - Mit dem Wind Teil 2


Es dauerte nicht allzu lange, bis die Beiden das Haus des Schneiders wieder verließen, jedoch wechselte ein Beutel Gold den Besitzer und eine Schneiderpuppe büßte ihr Gewand ein, das stattdessen, mit klitzekleinen Änderungen und auf die Schnelle, an Estelle angepasst wurde. Anmutig trat sie danach aus der Schneiderstube auf die Straße hinaus. Ihre Gestalt nun eingehüllt in ein edles, wie auch praktisches Gewand. Ihre kleinen Lederbeutel waren nun an einem stabilen Ledergurt befestigt, der grobe Stoff fein gewebtem Leinen gewichen, das in sanftem Grün getaucht worden war und ihre Augenfarbe perfekt zur Geltung brachte. Ihre Füße in Richtung des angebundenen Pferdes richten wollend, hatte Alaric nur lachend den Kopf geschüttelt und einen skeptischen Blick auf ihr Schuhwerk geworfen, bevor er sie nur ein Stück über die Straße führte, direkt hinein zu einem Lederer. Auch der dortige Aufenthalt war nur von kurzer Dauer gewesen, ehe Estelle mit Alaric und neuem Schuhwerk an den Füßen wirklich den Weg zurück zum ruhig wartenden Ross eingeschlagen hatten. Auf dem gerittenen Weg zum Hafen, hatten die beiden Liebenden noch Zeit füreinander und Alaric tat Estelle’s unermüdliche Dankesworte für ihre nun mehr als bequeme Kleidung mit einer Ablenkung für sie ab, zeigte ihr hoch zu Ross die verschiedenen, von ihm inzwischen ausgemachten Sehenswürdigkeiten der Stadt Dolchsturz. Derart beschäftigt und abgelenkt, genoss Estelle den morgendlichen Ritt sichtlich und vergaß darüber sogar ihre Aufregung, die sie noch vor wenigen Stunden unangenehm in ihren Magen verspürt hatte. Immer öfter zierte ein Lächeln ihr Gesicht, ein ehrliches Lachen und ebenso veränderte sich ihr Griff an Alaric, wurde lockerer und auch zärtlicher. So näherten sie sich langsam dem geschäftigen Hafenviertel, wo die Arbeiter flink und fleißig den Ladeaufgaben nachkamen, Matrosen über die salzige Meeresluft hinweg Informationen von Takelage zu Takelage austauschten und auch so einige Reisende sich für ihre Überfahrt vorbereiteten. Ein Schiff erregte Estelle’s Aufmerksamkeit. An dessen Bug prangte die geschnitzte Statur eines mächtigen Drachenkopfes, was eine ferne Erinnerung in ihr wachrief, die für sie jedoch nicht greifbar wurde. Genau diesen Bereich des Hafens, dieses Schiff steuerte auch Alaric an und schon von weitem wurden Stimmen und Rufe laut. Hier kehrte ein verloren geglaubter Kapitän zu Mannschaft und Schiff zurück.

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Estelle’s Gedanken kehren ins Jetzt zurück, als Alaric leise von hinten an sie herantritt und sie seine Hand an ihrer Taille spürt.
„Wie fühlst du dich, Estelle?“, erkundigt er sich leise an ihrem Ohr und doch sieht er es bereits von der Seite ihrem dem Wind zugedrehten Gesicht an, ihren Mundwinkeln, dass sie entspannt und auch voller Freude ist.
„Wie ein Adler im Wind“, kommt auch schon die Antwort, vertieft sich ihr Lächeln während sie ihre Hand über die von Alaric legt.
Die See ist ruhig, ein beständiger Wind treibt das Schiff langsam voran, lässt es gemächlich die Wellen durchschneiden, während sie sich entlang der Küste von Hochfels bewegen, weiter in Richtung Aldfelden, dem Ziel ihrer Reise entgegen.


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Corentin (15.02.2019)

14

Samstag, 16. Februar 2019, 16:08

X – Zwei Hälften ergeben ein Ganzes Teil 1


„Nein, diese Pilze sind ganz und gar nicht so frisch und auch nicht das Gold wert, das Ihr dafür verlangt!“
Alaric hält mitten in der Handbewegung inne, mit der er den Händler gerade bezahlen wollte, um dafür die gewünschten Pilze zu erhalten, als Estelle mit recht forscher Stimme einschreitet und sein Blick sie erstaunt trifft. Leicht naserümpfend hebt sie einen der ausgesuchten Pilze an, dreht ihn herum und leitet den Blick des Händlers auf die zarten Lamellen unter dem Pilzhut.
„Die müssten weiß sein und diese hier…“, fährt sie fort und hält den Pilz näher an das Gesicht des Verkäufers, „…sind gelblich!“
Der dreht seinen Kopf weg, sichtlich unangenehm berührt darüber, dass dieses Mädchen sich bemerkenswert gut auskennt, was die von ihm angebotene Ware angeht. Wäre dieser Nord nur ohne sie zu ihm gekommen, dann wäre er seine ältere Ware sofort losgeworden. Nun muss er seine Verkaufstaktik ändern, falls er heute noch Gold sehen will und so räuspert er sich verhalten.
„Dieser hier hätte Euch natürlich frische Pilze gegeben“, holt er mit seiner neuen Verkaufsstrategie aus. „Diese sind nur zum Anpreisen gedacht, ja?“ Schon bückt sich der khajiitische Händler unter die offizielle Verkaufstheke und holt einen kleinen Korb frischer Pilze hervor, die er mit einem leicht anschmeichelnd wirkenden Lächeln präsentiert.
„Ihr könnt sehen: Feinste und auch frische Ware!“, preist er diese auch gleich an und als er bemerkt, dass Estelle’s Blick noch nicht wirklich versöhnlicher geworden ist, fährt er auch gleich fort. „…und ich gebe Euch natürlich einen kleinen Rabatt. Sagen wir…“, schon geht sein Blick aufmerksam zu Estelle, versucht er den Grad ihrer Kaufunlust mit einem Nachlass zu schmälern. „…ich lasse euch 4 Goldstücke nach.“, versucht er, doch noch ein sattes Geschäft abzuschließen. Sofort kommt ein Kopfschütteln von Estelle.
„10 Goldstücke und von jeder Ware nur die frischesten Exemplare!“, fordert sie und reckt ihr Kinn, während ihr Blick fest auf dem Khajiit liegenbleibt.
„Ihr werdet mich ruinieren! Ich kann Euch 8 Goldstücke erlassen und dazu bekommt Ihr frische Exemplare“, jammert dieser auch schon los und hört auch erst auf, als Estelle ein zustimmendes Nicken von sich gibt.
„Ein Geschäft für mich und frische Ware für Euch, ja?!“, beschließt der Händler vorsorglich die Verhandlung. Immerhin wird er heute eine ganze Menge Ware los und so schlecht ist das Geschäft dann doch nicht, als dass er es sich gänzlich entgehen lassen würde. Dafür gibt es hier in Aldfelden zu viele Verkäufer, die ähnliche Ware wie er selbst anbieten und dazu auch noch selbst sammeln gehen.
Ein Handschlag zwischen Estelle und dem Khajiit folgt, als dieser dann auch Körbchen für Körbchen unter dem Verkaufstresen hervorholt und die vereinbarten Mengen abpackt, sie – unter Estelle’s prüfendem Blick - nach und nach dem armen Galthor verpackt übergibt, der Alaric und Estelle scheinbar heute nur als Träger begleitet, nach dem, was er bereits an Säckchen, Tiegeln und Taschen bei sich trägt. Noch während der Händler mit dem Abwiegen und Abfüllen der Pilze beschäftigt ist, geht Alaric die mitgeführte Liste durch und nickt anerkennend.
„Somit haben wir nun wirklich alles beisammen!“
Während er das Pergament zusammenrollt, wandert sein Blick zu Estelle hin und diese vergisst für einen Moment den Händler, den Markt und alles, was um sie herum vorgeht. Innig schmiegt sie sich einen Augenblick an Alaric an und der hat endlich eine Hand frei, um seinen Arm um seine Zukünftige zu legen und ihr einen zärtlichen Kuss auf den Scheitel zu drücken. Diese Besorgungen in Aldfelden rücken die gemeinsame Abreise der beiden Liebenden endlich in greifbare Nähe.
Galthor beobachtet diese innige Geste mit einem breiten Schmunzeln. Er hatte in den letzten Tagen sehr viel mehr Zeit und auch Gelegenheit, die junge Wyrd um einiges besser kennenzulernen und so ist nun auch er davon überzeugt, dass keine andere Frau besser an die Seite seines jungen Freundes Alaric passen würde.
Dennoch räuspert er sich leise, nachdem er auch das letzte Leinensäckchen vom Händler erhalten hat und der nun, gerechtfertigterweise, sein versprochenes Gold haben möchte.
„Oh… natürlich!“, reagiert Alaric auch gleich und wechselt ein Säckchen Gold den Besitzer, entlockt dem Händler ein zufriedenes Grinsen und eine leichte Verbeugung.
„Diesem war es ein Vergnügen, mit Euch Geschäfte zu machen.“, erklärt er sogar und bedenkt das Trio vor sich mit einem recht zufriedenen Blick.
„Ihr seid eine Heilerin, ja?“, fragt er noch neugierig zu Estelle hin, die leicht ihren Kopf neigt und lächelnd ein geheimnisvolles „Vielleicht?“ von sich gibt, ehe sich die kleine Gruppe vom Händler verabschieden und langsam weiter über den Markt von Aldfelden schlendern.

Aus einem kleineren Gasthof weht der Geruch von deftigem, würzigem Eintopf heraus und schon reagiert Galthor mit einem erneuten Räuspern, gar einem leichten Schmatzen.
„Sagte der Medicus nicht, dass es hier den besten Eintopf gibt?“, wirft er betont gleichgültig ein, während sein Blick schon länger sehnsüchtig über die dargebotenen Speisen auf dem Markt gegangen ist und man ihm deutlich anmerkt, dass für ihn längst Zeit für eine deftige Mahlzeit wäre.
„So ist es, mein Freund“, bestätigt Alaric auch sofort und wendet seinen Schritt in Richtung des Gasthauses, als Estelle ihn leicht zurückhält.
„Geht ihr beide schon voraus?“, fragt sie Alaric leise und wendet ihr Kinn zu einem sehr kleinen, unauffälligen Marktstand in der Nähe hin, an dem eine deutlich ältere Frau ihre Waren anbietet.
„Ich habe dort etwas bemerkt, das ich mir gerne ansehen würde.“, bittet sie ihre beiden Begleiter und es wird ersichtlich, dass sie alleine dorthin gehen möchte.
Alaric’s Stirn kraust sich für einen Moment, dann wechselt er einen Blick mit Galthor und erst als dieser ein kaum merkliches Nicken von sich gibt, scheint auch Alaric überzeugt, nach einem abermals sorgfältigen Blick über die harmlosen Besucher des Marktes. Estelle’s Hand langsam auslassend, ruht sein Blick dennoch eindringlich auf ihr.
„Natürlich kannst du deinen Interessen folgen, Liebste, doch gib bitte auf dich Acht und bleib nicht zu lange weg. Ansonsten müssen Galthor und ich als deine Leibwache zurückkehren und meine zukünftige Gemahlin mit Nachdruck an den gedeckten Tisch eskortieren.“, gibt er von sich, seiner Stimme einen bewusst humorvollen Unterton gebend. Doch in seinen Augen stehen Besorgnis um das Wohl von Estelle, lässt er sie wohl nur ungern allein ihrer Wege ziehen.
„Ein gutes Essen braucht seine Vorbereitungszeit und bis dahin bin ich längst wieder bei euch, werte Huskarls.“, lenkt sie vergnügt ein und entschärft damit auch das ungute Gefühl bei Alaric. Galthor entspannt die Situation gleichfalls, indem er seinen guten Freund am Arm nimmt, Estelle eine herzliche Verbeugung zukommen lässt und Alaric mit sich zieht.
„Nun komm, sonst ist die kleine Wyrd früher fertig, als dein Freund und Gefährt den brummigen Bären in seinem Magen zur Ruhe gebracht hat.“
Und während Alaric noch einen liebevollen Blick auf Estelle wirft, bevor er sich Galthor’s Überredung beugt und mit ihm das Gasthaus betritt, wendet sich Estelle, nach einem zärtlichen Lächeln zu Alaric ebenfalls um und lenkt ihre Schritt zu eben diesem kleinen und recht unauffälligen Marktstand.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau

15

Samstag, 16. Februar 2019, 16:09

X - Zwei Hälften ergeben ein Ganzes Teil 2


Kleine Glücksbringer aus Krokodil- oder Fledermauszähnen, Traumfänger, verziert mit Greifenfedern, kleine Kräutersäckchen und noch mehr, bietet die ältere Händlerin an ihrem Stand an. Ihre trüben Augen heben sich, als Estelle näher tritt und ein kleines Lächeln umspielt die faltigen Lippen.
„Nun Kind, suchst du etwas ganz besonderes für den Hüter deines Herzens?“, fragt sie mit leicht kratziger Stimme. Auch wenn ihre Augen nicht mehr die Klarheit und Schärfe der Jugend besitzen, so scheinen Gehör und Intuition dies auszugleichen. Die weisen Worte entlocken Estelle auch gleich ein herzliches Lächeln.
„Ich grüße Euch und ja, Eure Waren sind mir wirklich aus diesem Grund aufgefallen.“, gibt sie sofort zu, denn genau dieser Grund trieb sie hierher und könnte sie sich auch keinen besseren Grund vorstellen, als einen Teil der Goldmünzen auszugeben, mit denen Alaric sie vor Verlassen des Schiffs ausgestattet hat. Noch während Estelle’s Augen die ausgesuchten, handgefertigten Stücke bewundern, die in der Auslage sind, wiegt die Händlerin nachdenklich ihren Kopf, als denke sie nach.
„Dein Begleiter hat eine recht tiefe Stimme. Er ist wohl nicht von hier, klingt eher nach… dem rauhen Norden.“, spekuliert sie, während ihre Finger wie suchend über das eine, mal das andere Teil streichen, das sie zum Verkauf anbietet.
„Alaric? Oh ja, er ist aus Himmelsrand.“ Leichte Bewunderung schwingt in Estelle's Stimme für das aufmerksame Gehör der Verkäuferin mit, während sie deren Vermutung unbekümmert bestätigt. Schon lässt die Händlerin ein keckerndes Lachen hören, ehe sie ihre vernarbte und faltige Hand anhebt.
„Nun, ich denke, dann habe ich genau das richtige für dich und ihn.“, weckt sie die Neugier Estelles und bevor die sich versieht, legt die Alte ein zweigeteiltes Amulett vor sie hin, das, fügt man es zusammen, ein ganzes ergibt.
Ungewöhnlich fein ist es gearbeitet, das Metall wirkt hochwertig und glänzt in der fahlen Nachmittagssonne der Stadt. Die beiden Bruchstücke zusammengelegt, ziert die Oberseite ein mächtiger Bärenkopf, der von fein eingestanzten Efeublättern umgeben ist. Auf der Rückseite ist ein Sinnspruch verfasst worden, den Estelle leise für sich liest: „Nichts ist so kostbar wie die Freiheit und nichts so wertvoll wie das Vertrauen.“
Estelle zieht die beiden Amuletthälften auseinander, die jeweils an einem ungewöhnlich zierlichen Lederband befestigt sind, betrachtet sie von vorne und hinten, legt sie dann erneut so, dass sie ein Ganzes ergeben. Ein glückliches Lächeln spielt um ihre Mundwinkel. Alaric hatte ihr schon erzählt, dass Bären für die Nordmannen eine ganz besondere Bedeutung haben und die schützende Bedeutung von Efeu ist ihr selbst geläufig. Die Inschrift dazu komplettiert das Schmuckstück und so nickt sie erst zaghaft, dann überzeugt.
„Ihr habt Recht, das ist ein ganz besonderes Schmuckstück und weitaus mehr, als ich zu finden gehofft habe.“ Nun doch ein wenig verunsichert, sieht sie zur Händlerin hoch, die sie noch immer freundlich anlächelt und wissend nickt, als hätte sie geahnt, dass es für diese Rarität nur eine Besitzerin geben könnte.
„Und nun fragst du dich, ob du das bezahlen kannst, nicht wahr?“, neckt die Alte nun die verunsicherte Estelle, behält ihr Lächeln jedoch bei.
„Es sieht… kostbar aus und einzigartig“, gibt Estelle unumwunden zu obwohl ihr klar ist, dass sie den Preis des Amuletts mit ihren Worten durchaus steigern könnte. Doch ist sie auch ehrlich genug, um kunstvolle Handwerksarbeit anzuerkennen. Das Amulett noch immer in ihrer Hand, umfasst die Händlerin sie mit der ihren, verschließt Estelle’s Hand damit um das Schmuckstück.
„Kind, oft findet ein Besitzer ein Amulett, doch nur selten ein Amulett seinen Besitzer“, flüstert die Frau. „Gib mir, was du in der rechten Tasche deines Leibchens trägst und das wird mir Bezahlung genug sein.“
Kurz stutzt Estelle, muss selbst einen Moment darüber nachdenken, was sie dort verstaut hat und legt sie das Amulett für diesen Moment ab, greift mit ihrer Hand in die von der Händlerin beschriebene Tasche und zieht ein Stück Kordel heraus, das mit einem Knoten versehen ist. Estelle erinnert sich an den Abend, als Alaric für sie diesen Knoten in die Kordel band mit dem Versprechen, dass er sie so lange lieben würde, bis sie den Knoten löse. Lächelnd betrachtet sie nun dieses einfache, eigentlich wertlose Stück Seil, das ihr dennoch so viel bedeutet und schüttelt den Kopf.
„Verzeiht mir, aber das kann ich Euch nicht geben, gute Frau!“, steht ihre Entscheidung fest, dass sie sich niemals davon trennen wird. Ein erneutes Lachen von der Händlerin lässt sie aufblicken, als dieses in einem bedauernswerten Husten der Frau untergeht. Sanft umfasst Estelle deren Hand, blickt sie leicht besorgt an, doch die Frau winkt ab.
„Schon gut, mein Kind. Mehr muss ich nicht wissen.“, räumt die Händlerin ein, nachdem sie sich von ihrem Hustenanfall ein wenig erholt hat. „Es gehört dir. Und ihm.“
„Das… das kann ich nicht annehmen!“, schon löst Estelle den zierlichen Goldbeutel von ihrem Gürtel und zupft ein paar Goldmünzen heraus, legt sie der Händler in die faltige Hand.
„Nehmt das und meinen aufrichtigen Dank, gute Frau.“
Sie weiß nicht recht, ob das abgezählte Gold angemessen ist, doch will sie von der guten Frau dieses Amulett keinesfalls ohne Gegenleistung erhalten. Ein müdes, jedoch auch dankbares Lächeln trifft sie, ebenso wird Estelle’s Hand mit runzligen Händen fest umschlossen.
„Möge Meridia stets mit dir sein, mein Kind.“
Mit diesen Worten lösen sich auch die Hände von Estelle. Ein Lächeln fällt auf sie und die beiden Amuletthälften liegen in ihrer Hand.
„Und nun geh, sonst machen sich deine Begleiter noch Sorgen um dich.“, wird Estelle sogar an ihr Versprechen erinnert, welches sie Alaric und Galthor gab. Und wirklich, sie hat doch einige Zeit an diesem Verkaufsstand verbracht. Daher wünscht sie der Händlerin aus tiefstem Herzen den Segen der Götter, bedankt sich für ihre Güte und ihr Wohlwollen und verabschiedet sich kurz darauf, um mit beschwingtem Schritt und einem seligen Lächeln auf den Lippen zum Gasthaus zu gehen, wo die beiden Nord bestimmt schon auf sie warten. Über den recht eigenartigen Göttersegen der Händlerin macht sie sich hingegen keine Gedanken. Mutter Frederika hatte ihr schon vor langer Zeit erklärt, dass es in ganz Tamriel vielerlei Glaubensrichtungen gibt.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau