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Jassillia

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Gilde: Die gekreuzten Klingen

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Montag, 4. Juni 2018, 07:27

Die dunkelste Stunde des Ordens




Zwei Gefallene, zwei Schwerstverletzte und zwei leichter Verletzte, das war das Resultat aus der Jagd gegen Vampire. 36 Stunden hatte man sich den Weg in eine alte Ruine freigekämpft, um einen bitteren Sieg zu erringen.
Dass man am Tag der Totenehrung keine Freudentränen weinte, erklärte sich in den Worten der Ordensmeisterin, inmitten der eigenen Reiter und jener unter der Leitung des Ordensmeister und Bruder Etienne. Ein Tag, der niemals in Vergessenheit geraten sollte..



Jassillia ließ den Blick über die Brüder, Schwestern und Anwesenden wandern, ehe er für den Moment ins Leere ging und sich zu Boden senkte. Gerüstet und bewaffnet verharrte sie, den rechten Arm in einer dunklen Lederschlinge, die Linke ruhte auf dem Heft ihrer Waffe. Die Anstrengung der letzten Nacht in Sachen Behandlung stand ihr noch deutlich ins Gesicht geschrieben und zeichneten sie Jahre älter. Mehrere Abzeichen, die man wahrlich nur selten zu Gesicht bekam, zierten den frisch angelegten Wams aus Brokat und Samt. Einige der Abzeichen mochten sich im Fundus der eigenen Reiter wiederfinden, andere wiederum sprachen die Sprache des Adels und alter, geschlagener Schlachten. Dann hob sie den Blick und man konnte das Gefühl erfahren, dass sie sich ein großes Stück weit von den eigenen Mannen entfernt hatte und näher zu den Rittern des Pelin-Ordens gerückt schien, wenn vielleicht auch nur im bildlichen Sinne.

Dass es keine Rede zum Kampf sein würde, erkannte man sofort an der ruhigen Weise und wie sie ihre Worte mit dunkler wie heiser-rauen Stimme begann.

~~~

Ich habe schon viele Gedenkfeiern für Gefallene erlebt und selbst gesprochen, doch an diesem Abend fällt es mir besonders schwer und nein, es hat nichts mit meiner Verletzung zu tun..

denn heute schäme ich mich.
Ich schäme mich für das, was ich gestern während meiner Versorgung vernehmen musste.
Ich erlebte Wölfe mit reißenden Fängen, die keine Scheu und keine Scham besitzen, sich zu zerfleischen und das mit dem Wissen um zwei gefallene Brüder und Verletzte, in den Reihen unter Bruder Etienne und in den eigenen Reihen.

Heute schäme ich mich.
Ich schäme mich für das, was ich versuche zu lehren und vorzuleben und dass es zu oft ignoriert, zerschlagen und mit Stiefeln in den Dreck getreten wird.

Heute schäme ich mich.
Ich schäme mich dafür, dass ich Wesen an Abscheulichkeiten in meinem Leben kennengelernt habe, die mehr Ehre und Respekt in ihrem Blut haben fließen lassen, als manch einer, der mein Wappen trägt.

Heute schäme ich mich.
Ich schäme mich dafür, dass besonders an diesem Ort des Blutvergießens der Glaube schlicht verraten wurde und ich schäme mich für all die Kälte und Kaltschnäuzigkeit, der ich begegnen muss.

Heute schäme ich mich.
Ich schäme mich für andere. Ich schäme mich für jene, die mir ins Gesicht lächeln und mir und den Brüdern und Schwestern im Abwenden den Dolch in den Rücken jagen und die Klinge mit Freuden mehrfach in der blutenden Wunde drehen und ich schäme mich für mich selbst, dass ich es zugelassen habe.

Heute schäme ich mich.
Ich schäme mich für meine getroffene Entscheidung, jenen Weg in die Ruine gewählt zu haben, jene Option, die mir Bruder Etienne mit bestem Wissen und Gewissen zur Wahl offen gelassen hatte und ich somit mindestens zwei seiner Männer in den Tod getrieben habe. Eine anderweitige Entscheidung hätte auch den Tod der eigenen Mannen zur Folge haben können.

Heute schäme ich mich.
Ich schäme mich dafür, dass diese Gewissheit auf Ignoranz trifft.



An diesem, dem heutigen Tage, erfüllen weder Stolz noch Freude mein Herz über den Sieg über Vampire und ihre leblosen Diener. Heute klebt Bitternis an meiner Zunge, unendliche Trauer ruht auf meinen Schultern. Die Erkenntnis um Lügen und Überheblichkeit wie Anmaßung um Kompetenz bezüglich des hierarchischen Standes wiegen in diesen Stunden schwerer, als die Trauer um die beiden Brüder Pascal und Silvain und ja, auch dafür schäme ich mich, doch genau jene Scham wird uns alle ab dem heutigen Tage begleiten und das in ewiglicher Erinnerung an die Gefallenen.

Sobald Servan sich von seinen Verletzungen erholt hat, wird er die Namen der beiden Brüder in die Ordensklingen, den Hoffnungsbringer und den Blutdürster einbringen.
Zwei Waffen, als Schragen gekreuzt, werden sie uns als Märtyrer begleiten lassen, getötet aus Gründen ihres Glaubens und ihrer Überzeugung. Getötet auf widerliche und abgrundtief böse Weise.

Ihren Tod werden die Klingen hundertfach rächen, so lange sie führend getragen werden und so lange ihre Träger leben, über unseren eigenen Tod hinaus. Den Schmerz darüber werden wir in die Welt hinaustragen und jeden Vampir diesen Schmerz spüren lassen.
Spüren werden aber auch jene meinen Zorn, die sich weiter als Reiter der gekreuzten Klingen schimpfen und diesem Zustand keine Ehre machen.

Die dunkelste Stunde des Ordens mag an diesem Abend erwacht sein und unter dem Banner der Scham und Entschuldigung stehen.
Für diese bittere Erkenntnis, die hier und heute geboren wurde, die ich selbst erkannt und doch totgeschwiegen habe, will ich den Brüdern noch in ihrem Tode meinen Dank und meine tiefste Entschuldigung aussprechen. Auch wenn ich sie nie wirklich kennenlernen durfte, fühle ich mich ihnen in dieser Stunde des Todes über die Maßen hinaus verbunden.
Und genau aus diesem Grunde heraus und in Erinnerung an Pascal und Silvain, in Erinnerung an meinen alten Freund und einstigen Knappen und späteren Vikar, Konstantin Grauschein-Moldan und im Gedenken an alle Gefallenen spreche ich nun erneut den Kodex des Hammers, der den Orden seit vielen, vielen Jahren begleitet.
Doch nur jene, die sich tief in ihrem Herzen dieser Bedeutung um diesen Kodex bewusst werden, werden ihn auch leben können. Alle anderen dürfen sich an diesem Abend aus den Reihen der Reiter verabschieden und ihrer Wege ziehen. Niemand soll im Angesicht Arkays, der in diesen Stunden den Gefallenen Heim und Obhut schenkt, Lüge und Falschheit sprechen.

< Teil eins >

Dort, wo Wahrheit und Mut miteinander verbunden werden, liegen die Geheimnisse der Gerechtigkeit.
Sie darf nicht gezügelt werden, denn sie leuchtet nicht auf in den Kriegsnebeln...

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Faldur (04.06.2018)

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Montag, 4. Juni 2018, 07:41

< Teil zwei >



Nach diesen Worten und mit stoischer Miene zog sie eine massive Kette aus der Rüstung, der Anhänger zeigte sich in der Form eines Streithammers, den sie fest mit der linken Hand umschloss.
~~~


Unser Glaube an die Acht, der Quell aller guten Dinge, ist frei von böser Macht.

Wir glauben an die acht Herrlichkeiten und befolgen ihre Lehren, die Moral und Tugend sind. Nichts ist für uns heilig, außer sie selbst und ihre Gebote.

Wir schwören ab vom Irrglauben der dunklen Mächte. Wir lassen uns nicht verführen von Versprechungen um Taten zu begehen, die Tugend und Moral widersprechen und uns im Glauben zweifeln lassen.

Wir handeln moralisch, sodass unsere Taten den geringsten möglichen Schaden an unseren Nächsten anrichten.

Wir leben tugendhaft, sodass unser Handeln stets dem Maß der Mitte entspricht.

Wir streben nach Glückseligkeit für uns und unsere Nächsten. Wir leben in Respekt vor anderen und dulden ihre Art zu leben, wenn diese nicht der Moral, der Tugend oder unserem Glauben an die Acht zuwider ist.

Wir sind geduldig mit anderen.

Wir sind Vorbild für jene, die unserem Beispiel folgen wollen und Zeit brauchen, um tugendhaft und moralisch zu leben.

Wir sind beharrlich in unserem Sein und lassen uns nicht verführen, von Tugend, Moral und Glauben abzukommen oder Irrwege einzuschlagen.

Wir verfolgen das höhere Ziel der Glückseligkeit und tragen es in die Welt hinaus.

Wir sind mitfühlend und helfen jenen die Hilfe benötigen, so lange, bis diese sich selbst helfen können. Wir verfallen nicht in Mitleid.

Wir richten über andere immer im Einklang mit Moral, Tugend und Glauben im Rahmen der herrschenden Regeln und Gesetze, so lange sie nicht gegen die Gebote der Acht sprechen.

Wir richten nicht, wenn es uns nicht gesellschaftlich, religiös oder hierarchisch obliegt zu richten und nicht aus Gründen der Gehässigkeit und um die eigene Schuld in den Schatten anderer Schuld zu stellen.



Wir tuen Meinung über unseres Nächsten direkt kund und verschweigen nicht, was uns missfällt, doch wir sprechen nicht mit böser Zunge über jene, die sich vor unseren Worten und unserem Handeln nicht rechtfertigen können und verbreiten nicht schlechte Worte über und an andere.

Wir sind ehrlich und nutzen die Lüge nicht zu unserem oder um jemand anderen Vorteil.

Wenn wir streiten, dann ohne Zorn. Lassen wir den Zorn über uns kommen, so zügeln wir Wort und Waffe der verletzenden Weise und erheben beides niemals gegen jene in unserer Geschwisternschaft, unseres Glaubens und jene, die moralisch und tugendhaft leben.

Wer Streit vom Zaun bricht, Unruhe stiftet oder Tugend, Moral und unseren Glauben willentlich gefährdet, wer häretisch handelt, Meuterei und Verrat begeht, wird vom Schwurträger, von der Art des Vorfalles abhängig, seiner gerechten Strafe zugeführt, unter Beachtung von Gesetz und Ordnung.

Wir nehmen die Strafen für Unrecht, welches wir begangen haben, an und beugen uns dem rechtmäßigen Willen der Gerichtsbarkeit der Gesellschaft in der wir leben.

Wir töten nicht aus Freude, sondern nur um anderes Leben zu bewahren.

Wir ehren die Toten und ihre Ruhestätten.



Wir vergeben jenen, die den Kodex nicht immer fehlerlos beschreiten, sind geduldig mit ihnen, da auch wir Fehler tuen und hoffen auf Vergebung, wenn wir Schuld auf uns geladen habe.

Jene, die den Schwur gewaltvoll und in dunkler Absicht brechen, stoßen sich selbst aus den Reihen der Reiter aus. Sie verlieren Ehre und Würde als Ordensreiter, doch verschweigen wir ihre Taten mit der Absicht übler Nachrede. Henker und Richter werden jene sein, denen die Rechtmäßigkeit des Richtens aufgetragen wurde.

Jene die ihr Leben vor Entbindung ihres Schwurs verlieren oder verloren gehen, sind aus ihrem Schwur entbunden und erhalten alle Ehren, wie auch jene, die den Schwur taten und erfüllten.

So soll an diesem Abend und im Angesicht der toten Brüder Pascal und Silvain die dunkelste Stunde des Ordens in deren Namen und Gedenken ein Ende finden und er einen Neubeginn erfahren, hier an diesem Ort, der schon einmal für Leid und Elend stand und ebenso für den tiefen Glauben und seine Zweifellosigkeit darum.

~~~


Nach diesen Worten, die eine ungewohnte Schärfe erfahren hatten, begann das Ehren der Toten durch sämtliche Reiter und Verbündete. Emotional, ergreifend und unter körperlichen wie seelischen Schmerzen trat jeder Einzelne vor.

Dort, wo Wahrheit und Mut miteinander verbunden werden, liegen die Geheimnisse der Gerechtigkeit.
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Mittwoch, 13. Juni 2018, 23:28



Eine tolle Kirsche, oder - Wenn Vergangenheiten Seelen fressen


„Was ist das, Ale?!“
„Das? Eh,..seh‘ ich so aus, als wüsste ich das?“
„Du weißt doch sonst immer alles, dumme Kuh!“
„Warte, ich hab‘ doch so ein Buch gekauft…, also eingesteckt.., da muss das drinstehen, ja!“

Ein schmuckloser Jutebeutel wurde von der schmalen Schulter geschoben, aus diesem das blonde, dürre Mädchen ein Büchlein griff, welches sich in Antikleder gebunden und in einem dunkelgrünen Gewand gekleidet zeigte. Interessiert, neugierig und mit wachsamen Augen wurde in dem Buch gestöbert, die vergilbten Pergamentseiten mit den zerbrechlichen Händen berührt, besonders die ausgeblichenen Illustrationen verschiedener Pflanzen gerieten in ihr Augenmerk. Das Mädchen war noch nicht alt, es mochte vielleicht gerade das elfte Lebensjahr überschritten haben. Auch der Junge, der bei ihr war, ein gesunder, kräftiger Bursche, schien nicht viel älter zu sein als sie selbst. Die Gesichtszüge ähnelten sich, beide wurden sie von einem engelsgleichen Antlitz gesegnet, welchem man kaum etwas zu Leide tun konnte. Große klare Augen gepaart mit seidenem, blondem Haar mochten die jugendliche Unschuld hervorheben, eine gewisse Zerbrechlichkeit über die beiden Kinder säen. Während die dünnen Finger der linken Hand vorsichtig Seite um Seite weiter blätterten, hielt die rechte Hand eine Handvoll Kirschen, die bereits vom dunklen Saft eingefärbt worden war.

„Und, sind die ungefährlich, Ale?“, der Junge begutachtete seine kleine Schwester pflichtbewusst, bevor er einen kontrollierenden, fast beschützenden Blick hinter den Brückenpfeiler ebben ließ, nur um sich der potenziellen Gefahren der Nacht zu vergewissern. Dabei wurde eine kleine, schlichte Laterne im Blickfeld mitgeführt, um die düstere Umgebung schemenhaft auszuleuchten. Gedämpft war das Geräusch von Kette und schweren Schritten zu vernehmen gewesen, ein dumpfes, fernes Raunen zweier Männer. Doch die Stimmen verschwanden zunehmend, bis sie letztendlich in der Ferne versiegten.

„Unsere Amme ..ist bestimmt schon verdammt..“, wollte der Knirps leise anmerken, doch mit einem kräftigen Schlag der mädchenhaften Hand auf die Schulter wurde er zum Schweigen gebracht. „Hier guck‘ doch! ...K ..K – I – R ...schen. T – O..ll. Tollkirschen!“, nach holprigem Aneinanderreihen der Buchstaben riss das junge Mädchen triumphierend die rot eingefärbte Hand empor, ihre Augen leuchteten, glücklich, dass sie in ihrem eigenen, geklauten Buch etwas entziffern konnte.
„Ob die schmecken?", kaum war die Frage über ihre schmalen Lippen gekommen, führte sie die zarte Hand zu ihrem Mund, den Kopf leicht einziehend, damit ja kein Wachhabender Wind von dem Ganzen bekommen konnte. „Alenari!“, mit einem behänden Griff packte der Junge nach der Hand seiner Schwester und kam ihr bedrohlich nah, dass sich fast die kindlichen Nasenspitzen berühren konnten, „Du Närrin, bist Du noch ganz klar? Du weißt doch gar nicht, was das ist!“, ruckartig ließ er die Hand wieder los, schlug sie dabei hektisch beiseite.

„Aua! Das tat weh!“, zischelte sie anklagend, „Na klar, weiß ich, was das ist! Eine Tollkirsche. Also, eine ...tolle Kirsche!“, noch immer ruhten die Tollkirschen in der rechten Hand des Blondchen, mittlerweile waren sie eher zu Brei zerdrückt worden.
Nach Alenarias Erläuterung legte der Bursche seine jugendliche Stirn in deutliche Falten, packte sie am linken Arm und wollte sie emporziehen „Komm mit, wegen Dir bekommen wir wieder Ärger von der Alten.“, murrte er deutlich, „Und dann bekommen wir nur noch trockenes Brot, das weißt Du doch!“.
Bei dem Gedanken schwieg das Mädchen, instinktiv hatte sie ihre Hand an ihren Magen geführt, der dumpf und langgezogen grummelte. „Lass die eklige Pampe hier, Ale, Du weißt doch, was Mama immer gesagt hat. Was der Bauer nicht kennt, das-“, augenblicklich wurde er zum Innehalten provoziert, als die klaren Augen seiner Schwester ihm entgegen blickten. Eisig lief ihm ein Schauer über den Rücken, der vorwurfsvolle Blick hatte ihn stets heftiger getroffen als jedes Wort, das ihr über die Lippen kam. „‘Tschuldige, unser Pakt.“, da hielt er die beiden Finger, Mittel- und Zeigefinger, fest aneinandergepresst an seine Lippen ,“Ich werd‘ sie nich‘ mehr erwähnen.“, murmelte er, nachdem die Finger wieder gelöst und nun an die dürre Hand seiner Schwester gebettet wurden, fest ergreifend.
„Gehen wir?“, einfühlsam legte sich der warme Blick des Burschen in Alenarias Antlitz, ein Hauch von Schwermut untermalte seine Gesichtszüge. Sie nickte stumm, trennte sich nur schwerlich von dem Brei, den sie doch eben erst ergründet hatte und ließ ihn ins seichte, flache Wasser unter ihren Schuhen platschen. Die eingefärbte, vom Saft der Beeren getränkte Hand wischte sie achtlos an ihrem verschlissenen Leinenkleid ab, welches von den Schatten der heutigen großen Taten gezeichnet war.

So mochten sich die beiden Kinder unter der Brücke hervor luchsen, dunkle, kaum erhellte Gassen passieren und schlussendlich das Tor der Stadt erreichen. Eine Meile war die heruntergekommene Hütte der Amme entfernt gewesen. Ein ranziges Holzhaus, morsch und teilweise stark beschädigt durch Wind und Wetter. Das Haus wurde eingezäunt durch einen ebenso kaputten, verwitterten Holzzaun, dessen Latten größtenteils zersprungen oder abgebrochen waren. Wild wuchernd war Unkraut gewachsen, sowie einige Schlingpflanzen, die sich in ihrer vollen Pracht um Fensterrahmen schlängelten und offenbar für Stabilität sorgten. Einzelne Kerzen vermochten im Inneren zu leuchten und das untere Geschoss der vermeintlichen Baracke in seichtes Licht zu tauchen. Obwohl Kerzenlicht Wärme und Geborgenheit schenken konnte, wurde die Hütte von einem bedrohlichen Dunst umschlungen, der Kälte und Lieblosigkeit aussandte und sich wie zwei zerdrückende Hände um Alenarias Herz betten sollte. Es pochte hektischer, bis sie ihren Herzschlag in ihrer Kehle spüren konnte. „Ich will nicht wieder hinein.“, presste das Mädchen mit einer Stimme hervor, die eine gewisse Aggressivität innehielt, obwohl der Leib zittrig vor Hunger und Kälte ward.
„Wer ist da draußen, seid Ihr beiden das?!“, eine dunkle Frauenstimme drang von Innen heraus, gefolgt von polternden Schritten, die die knarzenden Holzdielen entlang stampften. Kurz jagte der Blick vom Burschen zur Hütte, er zog scharf die Luft ein, hatte er wohl vergessen, dass die Amme stets im Untergeschoss im Schlafzimmer ihr Fenster offen ließ. Ein Moment der Schockstarre, der Überforderung, und noch eh‘ der Blick zu seiner Schwester fliehen konnte, wurde die ranzige Holzpforte aus den Angeln gerissen, mit einem kräftigen Hieb knallte sie gegen die Wand im Eingangsbereich, sodass ein leises Rieseln von trockener Erde zu hören war, womit wohl größere Löcher gestopft worden waren.
„Du Mistkerl, was habe ich Dir gesagt, WANN solltest Du zurück sein? Und WO steckt Deine Schwester?!“, rasend fokussierte das hysterische Weib den Burschen, welcher realisierte, dass er von seiner Schwester in dieser Situation allein gelassen worden war. Er blieb starr stehen, bis er die fleischige Hand im Nacken, direkt an seinem Hemdkragen spürte. Er wurde zum Trog geschliffen, welcher einst zum Tränken der Tiere genutzt worden war. Er versuchte, mit Müh‘ und Not, einen Blick über die Schulter zu werfen. Gedämpft ächzte er, als es um seine Kehle doch recht eng wurde, doch es gelang ihm tatsächlich, Alenaria ausfindig zu machen. Da kauerte sie, seitlich an der Hauswand, den leeren Blick ermattet auf ihren Bruder gerichtet, zu feige, um den Mund aufzumachen, zu feige, die eigene Deckung zu opfern, einzuschreiten. Zu helfen. Der Bursche schickte seiner Schwester einen enttäuschten, von Angst erfüllten Blick, doch nicht lange dauerte es, und sein blondes Haar wurde gepackt und das Haupt tief in den Trog voller faulem Wasser getaucht. Mehrmals. Immer und immer wieder..

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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Jassillia« (13. Juni 2018, 23:34)


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Mittwoch, 13. Juni 2018, 23:29

..

Das Mädchen entzog sich jenem Anblick, das Herz pochte, der Atem war schnell, überschlug sich. Das grelle Glucksen ihres Bruder verschreckte sie, heute wie gestern. Den dürren Arm führte sie durch das offene Fenster hinein, tastete nervös nach der eisernen Kette, um es komplett aufdrücken zu können. Kraftlos grub sie ihre Hände in den splittrigen Fensterrahmen, drückte sich mühsam empor, während sie sich ächzend auf ihre spröden Lippen biss, bis sie den eisernen Geschmack auf ihrer Zunge spürte. Die zerfurchten Beine stemmten sich gegen die Außenwand. Die Feuchtigkeit, die tief im Holz saß, verursachte ein Abrutschen der dünnen Beine, weswegen mehrmals ein reißendes Geräusch ein Aufratschen ihrer Haut begleitete. Mit einem leisen Poltern fiel das junge Mädchen auf den Boden des Schlafzimmers, ein Moment der völligen Vereisung, wo ihre ohnehin spitzen Ohren das Lauschen begannen.
„Bitte!“, gurgelte ihr Bruder von draußen, nach Luft ringend, gefolgt von einem Geräusch, als fiele erneut etwas ins Wasser.

Zittrig hob sich das Blondchen auf die Beine, tupfte mit dem Kleidersaum das aus den Schürfwunden quillende Blut und ließ den verängstigten Blick durch das Schlafzimmer der Amme gleiten. Es schien, als hatte sie eben schon im Bett gelegen. Nicht schlafend, sondern lauernd wie eine Katze auf ihre Beute. Alenaria verschloss das Fenster, verbarrikadierte den Rahmen mit der eisernen Kette und … ließ den Blick, wie verträumt, zum großen Bett wandern. Irgendwo roch sie ihn. Warmen Tee. Ein fruchtiger, lang vergessener Duft strömte in ihre feine Nase. Sie ließ sich auf dem Bett nieder, umfasste den noch heißen Blechbecher mit den dürren Händen, nur um den warmen, gar erquickenden Dunst in sich aufzunehmen. Die blassen Iriden starrten in den dunklen Aufguss, der von der Farbe her fast ihrer Handfläche ähnelte. Sie erkannte das weiche, mädchenhafte Antlitz, aus deren Augen jedoch der Glanz der Hoffnung noch nicht entschwunden war. Im Gegenteil. Recht langsam führte sie die befleckte Rechte in ihren Jutebeutel, aus welchem sie neben dem Büchlein, noch ein kümmerliches, verletztes Sträuchlein der Tollkirschen herausfischte, welches sie vor ihrem Bruder versteckt hatte.

Na klar, weiß ich, was das ist! Eine Tollkirsche. Also, eine ...tolle Kirsche!

Mit der selben Hand brachte sie die Beeren zum Platzen, schwarze, dicke Tropfen bahnten sich den Weg zwischen den dünnen Fingern hervor, sammelten sich an einem ihrer Fingerknochen und suchten sich den Weg in das Heißgetränk.

Danach fand es seinen Platz zurück auf dem Nachtisch.

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Heute, 07:52

< Der letzte Abend in Wegesruh. Stunden der gemeinsamen Entscheidung, welchen Weg man weiter einschlagen wird. So stach in den frühen Morgenstunden die "Meeresperle" in See, Richtung Alik`r Wüste. Dass man einen blinden Passagier an Bord haben würde, war zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht bekannt. >


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Thayana (18.06.2018), Liniphia (18.06.2018)