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Lyetas

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Montag, 13. Juni 2016, 14:19

Wer zuletzt lacht...

Gramfeste-Unterschlupf



Nazrilh stand noch immer, eingeengt, wartend und grinsend, im Schatten der hintersten Ecke, nahe einem der beiden hiesigen Hehlerständen, jedoch außerhalb irgendwelcher unliebsamer Blicke. Die Spitze des winzigen Messers hatte sich bereits in die dünne, äußerste Hautschicht seines Halses hineingedrückt und begann allmählich leicht zu schmerzen, während sein Blick der sich langsam entfernenden jungen Menschenfrau folgte. Sie machte nicht den Anschein, als würde sie noch einmal umkehren, um ihre soeben ausgesprochene Drohung vorzeitig in die Tat umzusetzen.
Nein, sie hatte ihn stehen lassen, obwohl der junge Dunmer einen gehörigen Schlag ins Gesicht durchaus verdient hätte, denn er bettelte ja förmlich darum ... wie sooft. Jedoch - zugegeben - der Tod, mit dem ihm vor wenigen Sekunden noch gedroht wurde, wäre verhältnismäßig tatsächlich eine zu harte Bestrafung für sein großes Mundwerk gewesen. Wie dem auch sei. Sie war gegangen.

'Der Klügere gibt nach" wäre in diesem Fall das passende Schlusswort gewesen aber Nazrilh lebte ganz nach dem Motto "wer zuletzt lacht, lacht am Besten". Und hier war er wahrlich, wie wortwörtlich, der jenige, der zuletzt gelacht hatte.
Triumph. Mit einem listigen Grinsen ließ er das Messer von seinem Hals ab und trat von seiner anfänglich zu Boden gefallenen Münze hinunter, um sie aufheben zu können.

Der berauschende Adrenalinschub wich langsam aber sicher dem penetranten Schmerz, der sich an Nazrilh's Hals auszubreiten und den Mer zu nerven begann -er muss die Klinge wohl doch etwas fester, als es in seiner Absicht lag, auf das Fleisch gedrückt haben. 'Schön blöd.'
Flüchtig ließ er seine Finger über die schmerzende Stelle gleiten und betrachtete selbige danach. Kein Blut, soweit er in dem praktisch kaum vorhandenen Licht erkennen konnte. Klebrig fühlten sie sich auch nicht an und Feuchtigkeit verspürte er ebenfalls keine. Soweit, sogut.




Er ließ die Münze in seine Hosentasche gleiten und drehte sich zu der Wand um, die ihm zuvor im Rücken lag, um sie - die tastenden Finger zur Hilfe nehmend - mühsam abzusuchen.
Da! Ziemlich genau auf höhe seiner Augen machte er eine Kerbe in dem Gemäuer aus und ließ langsam die Fingerspitzen darüberfahren. Eins, zwei ... drei Zentimeter, meinte Nazrilh in Etwa abschätzen zu können, war der Einschnitt lang.
Wie weit er aber wohl in das Gestein hineinreichte...?
Zuerst versuchte der Dunmer seine Fingernägel in den Spalt zu schieben aber das war, ihrer Kürze wegen, ein witzloses Bemühen, das er sich auch gleich wieder aus dem Kopf schlug und stattdessen sein Messer zur Hilfe nahm. Die schmale und dünne Klinge drang beinahe widerstandslos in den Spalt ein, bis sie irgendwann nicht mehr tiefer hineinreichte. Dann umgriff Nazrilh die Klinge an der Stelle, die dem Gestein am nächsten war, zog das Messer wieder langsam heraus und trat auf den Kamin zu. Nicht, dass es dort um Welten heller war aber das bisschen Feuer reichte aus, um genug sehen zu können.

So war er nun in der Lage gewesen, anhand der Markierung, die seine Finger bildeten, abzulesen, wie tief der Spalt reichte und damit, wie kraftvoll die Menschenfrau ihren Dolch, welcher Nazrilh zweifelsohne eine äußerst unangenehme, wenn nicht tödliche Verletzung zugefügt hätte, geschmettert haben musste.
Beinahe mechanisch hoben seine Brauen beim Anblick der Klinge, der Position seiner Finger und er sah nochmal zurück zu der Wand, an der er soeben gestanden hatte. Ja, bestand das Gemäuer etwa aus Holz?! Sicher, sein Messer war deutlich kürzer, als ein Dolch. Doch eine Daumenlänge war nunmal eine Daumenlänge...

'Beschissenes Miststück...'




Seine Gedanken begannen zu rattern.
Eine Menschenfrau. Eine Menschenfrau in Deshaan, noch dazu in der Hauptstadt - Unterschlupf und Diebesgildenmitglied hin oder her - es war nicht ihr Land, auf dem sie Fuß gefasst hatte und schon gar nicht wollte Nazrilh sich auch nur annähernd von ihrer Aussage, er befände sich hier unten in ihrem Revier, einschüchtern lassen - das grenzte ja an der reinsten Lachnummer! Ihr Revier...!
Er lachte.

Ein letzter Blick ging hinunter auf sein Messer, dessen Klinge er dann von möglichen Steinstaubrückständen befreite, indem er sie beidseitig an seinem Hosenbein abwischte. In Gedanken hatte er die gesamte Szenerie bereits vor Augen und wenn er dafür ein bisschen Blut lassen müsste, dann war das eben so. Nicht grundlos hatte er sich zuvor das eigene Messer an den eigenen Hals gelegt ... doch zuerst einmal musste er aus dem Unterschlupf heraus, um Zeugen zu vermeiden.


'Die wird noch blöd gucken...'
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Bonnylie (13.06.2016)

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Mittwoch, 15. Juni 2016, 21:19

Gramfeste - wenige Tage später




Spät am Abend - vereinzelt erblickte man noch den einen oder anderen Stadtbewohner, der sich sehnlichst auf dem Nachhauseweg befand oder noch einen Abstecher in die Taverne unternahm, hinter deren Fenster noch immer reges Licht flackerte.
Auch Nazrilh befand sich auf dem Nachhauseweg. Seine Lider hingen auf Halbmast und die leere Sujammaflasche, die ihn begleitete, schaukelte nur noch notdürftig, mit jedem schleppenden Schritt, zwischen seinen Fingern hin und her. Jeder Beobachter hätte darauf wetten können, sie flutsche ihm jeden Moment aus dem Griff aber mit Ausnahme einer nahe postierten Ordinatorin interessierte sich weiter niemand der wenig vorhandenen Leute, die auch nur annähernd Nazrilh's Weg kreuzten, für den Dahertorkelnden.


Dass die Wachen ihr Augenmerk besonders nach Einbruch der Dunkelheit desöfteren auf ihn richteten, kam nicht von Ungefähr und war auch gewiss nichts Neues. Unruhestiftung, Hetzerei, Beleidigung, Belästigung, Prügeleien - Nazrilh's Weste verlor schon vor Jahren ihre Reinheit aber nie reichte es aus, um ihn für mehr als 48 Stunden hinter Gitter zu sperren und selbst derartige Denkzettel zeigten keinerlei dauerhafte Wirkung.
Im Grunde war es immer derselbe Ablauf: Festnahme, Belehrung, Einbuchtung, Freilassung, einige Wochen Ruhe und es ging von vorn los. Für Ordnungshüter und jene, die hier und da mit dem jungen Hitzkopf zu tun hatten, war es nur eine Frage der Zeit, bis er den Bogen überspannen würde und manch einer wartete regelrecht auf diesen Moment. Seit Jahren. Früher oder später hätte dieses, vor Leichtsinn und Dummheit triefende, Spielchen schon ein Ende.


Unter dem Helm folgte ihr wachsamer Blick dem Angetrunkenen, bis dieser nah genug war und einen eher wankenden Blickkontakt herstellte. Eisern hielt sie stand und reckte ihr Kinn - eine Demonstration der Macht und Überlegenheit, gleichzeitig aber auch eine Warnung an Nazrilh, sowie die darin enthaltene Aufforderung, er solle schnurstraks weitergehen.
Es war unklar, ob es nun der Alkohol war oder Nazrilh sich lediglich ein wenig über sie lächerlich machte, indem er ihr zum Gruß die Flasche entgegenstreckte und dabei sowas Ähnliches, wie eine Verbeugung zustande brachte. Unbeeindruckt aber schwieg sie und ließ nicht einmal ein Wimpernzucken erkennen, während Nazrilh seinen Weg fortsetzte.






Nur wenige Meter hatte er noch zurücklegen müssen, bis er endlich vor seiner Haustüre stand. Mit der Ahnung, dass der Blick der Ordinatorin noch immer fest an seinem Rücken klebte, werkelte er ein bisschen unbeholfen an dem Türschloss herum, bis der Mechanismus endlich ein Klicken von sich gab und die Türe sich öffnen ließ. Schlurfend trat er ein.

Kaum war er für sich allein, stellte er die Flasche zu Boden und schob sich im Schutz der Dunkelheit an das Fenster, um einen Blick auf die Straße zu riskieren. Die Ordinatorin hatte sich keinen Schritt bewegt und Nazrilh vermutete, dass sie noch immer in seine Richtung sah aber seis drum - bevor er weder Kamin noch Kerzen entzündete, blieb alles, was sich hinter seiner Tür im Dunkeln abspielte, verborgen.
Sollte sie glauben, er hätte zu tief in die Flasche gesehen, war das erste Ziel erreicht ... den letzten Tropfen Alkohol hatte er tatsächlich vor mehr als zwei Tagen zu sich genommen.



Niemand, außer der Ordinatorin, war vom Fenster aus zu sehen und ein kurzer, prüfender Blick gen Himmel zeigte, dass es vermutlich bald regnen würde. Umso besser. Nazrilh fixierte wieder die Wachfrau. Mit einem Aufschwung von wachsender Ungeduld trommelten seine Finger über das Fensterbrett. 'Looos, verzieh dich endlich!
Und als hätte er ihr damit ein Zeichen gegeben, begann sie sich langsam in Bewegung zu setzen. Dumm nur, dass sie nicht ganz die Richtung einschlug, die Nazrilh sich erhofft hatte - im Gegenteil: offenbar davon ausgehend, dass sie nicht beobachtet wurde, näherte sie sich langsam und mit vorsichtigen Schritten seinem Haus.
Der junge Dunmer stutzte zunächst, ehe seine Augen sich auch schon entnervt verdrehten und er sich schließlich von der Fensterwand abstieß. "Is' doch nich' wahr...!"
So ganz wollte es sich ihm nicht entschlüsseln, was die Dame von Ordnungshüter mit ihrer Schleicherei erreichen wollte aber wenn sie glaubte, verdächtige Geräusche vernehmen zu können, hatte sie sich ins Fleisch geschnitten, soviel stand fest. Insgeheim hoffte er bloß, sie würde nicht die gesamte Nacht vor seiner Tür verbringen, denn so ein allsehendes Auge konnte er - besonders heute - überhaupt nicht in seiner Nähe gebrauchen.

Ändern ließ es sich eh nicht, also nahm er die Situation einfach wie gegeben hin und parkte die Gewissheit, dass er womöglich belauscht wurde, irgendwo im Hinterkopf. Mit einem schweren aber geräuschlosen Seufzer drehte er dem Fenster den Rücken zu und ließ den Blick über die, in seinen vier Wänden herrschende, Unordnung gleiten. Vertrocknete Pflanzen; leere Flaschen; alte, kaputte Kisten; in die nächstbeste Ecke geworfene Wäsche, die eigentlich mal dringend ein wenig sauberes Wasser und Seife hätte vertragen können ... Geschirr und Bettwäsche, die überall, nur nicht auf dem Bett lag; das eine oder andere Buch, Papiermüll, Kohle und Feuerholz.
Hier hauste nicht einfach nur ein Junggeselle, sondern ein Chaot.

Aber wie sooft, wurde der Gedanke daran, hier mal Ordnung zu machen, nur flüchtig gestreift, anstatt in die Tat umgesetzt und so stiefelte Nazrilh einfach über die ohnehin schon schmutzige Wäsche am Boden hinweg, ohne sich weiter an dem Zustand seines Heims zu stören. Anvisiert wurde der Kleiderschrank, der seit Monaten von allein auseinanderzufallen drohte und dessen Schublade der Mer aufzog.
Blindlinks - viel zu sehen war bei dem nicht-vorhandenen Licht ja sowieso nicht - griff er in den Wust von Stoffen und Leder hinein und schon flog ein Kleidungsstück nach dem anderen, nach einer kurzen Untersuchung, durch die Luft.

'Kapuze, wo ist die scheiß Kapuze ...'






Es dauerte eine ganze Weile, bis Nazrilh sich umgezogen hatte und schließlich zurück zum Fenster schlich, um einen Blick nach draußen zu erhaschen. So gezielt er auch Ausschau hielt, die Ordinatorin war nirgends mehr zu sehen. Unsicher verzog er den Mund und suchte noch ein wenig weiter die Umgebung ab, während er den Ring von seinem Finger löste. So hübsch und edel das beinahe weiße Silberstück auch gewesen war, es würde eine Identifikation seiner Person mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einer leichten machen. Außerdem beabsichtigte er gerade jetzt, sich unnötigen Blicken zu entziehen, da entpuppte sich ein Licht-reflektierender Ring, besonders in der Nacht, doch eher als unnötiges Risiko.



Obgleich er nur wusste, wo die Ordinatorin sich derzeit _nicht_ aufhielt, zog er sich die Kapuze über den Kopf und trat zur Tür hinaus in den nieselnden Nachtregen. Mit zu Boden gerichtetem Blick huschte er - ganz wie jemand, der schleunigst das trockene Heim aufsuchte - über die, sich mit Pfützen anhäufenden, Straßen und Wege von Gramfeste.

'1, 2, 3, 4, 5, 6, 7...'
'1, 2, 3, 4, 5, 6, 7...'
'1, 2, 3, 4, 5, 6, 7...'


Immer wieder ging er in Gedanken diese Zahlenreihe durch, von der er jede einzelne mit einem eigenen bestimmten Ort versehen hatte. Den Plan: die Zeichnung also, die er am heutigen Abend erhielt, sowie die darauf markierten Punkte, die jetzt so wichtig waren, hatte er sich förmlich ins Gedächtnis eingebrannt und ratterte sie nach und nach gnadenlos hinunter, bis er sie irgendwann selbst im Schlaf abrufen können sollte. Aber sicher war sicher ... für alle Fälle, hatte er die Zeichnung dabei.

Er würde bis zum nächsten Sonnenuntergang nichts anderes machen, als diese Orte nach und nach abzuklappern ... und sich viel Zeit dafür nehmen. Das erste Ziel aber führte ihn aus der Stadt hinaus.




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Donnerstag, 16. Juni 2016, 03:18

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Später



Völlig erschöpft und kaum noch eines klaren Gedanken fähig, zog Nazrilh sich am Abend schleppend die Stufen hinauf, bis er endlich vor seiner Tür stand. Nur noch konfuse Bruchstücke der vergangenen Stunde, hauptsächlich zusammenhanglose Gesprächsfetzen, quetschten sich zwischen seine Wünsche, endlich in einem Bett zu liegen und schlafen zu können. Schlafen. Sein Körper fühlte sich wie Wackelpudding an, ebenso sein Gehirn.




Während dem ganzen Weg, den er vom Unterschlupf zurück in die Stadt und damit nach hause mühsam, Stück für Stück hinter sich brachte, versuchte er zum Einen: ganz besonders erst mal wach zu bleiben, und zum Anderen: sich eine Begründung für seinen Zustand zu überlegen. Und wo war er überhaupt den ganzen Tag lang gewesen?
Brände und Unruhen in Gramfeste. Heute erst. Und diese verdammte Ordinatorin hatte ihn sowieso auf dem Kieker. War gar nicht so unwahrscheinlich, dass sie ... oder eine andere dieser Blechbüchsen ihn anhalten und befragen würden. Überhaupt nicht unwahrscheinlich. Und wenn nicht heute, dann eben morgen.

Doch Nazrilh's Denkapparat wollte nicht. So sehr er sich auch auch bemühte, sich - für den Fall der Fälle - ein sicheres Alibi zurecht zu schütteln, jedes verflixte mal war es, als flutschten ihm die Ideen und Wörter einfach wieder aus dem Kopf heraus kaum, dass sie gefasst waren.

'Ich bin... ich war bis...'
'Äääh Brände...'
'... hab' ich von ge... hört. Ich war... wo war ich? Keine Ahnung...'
'Angeln.'
'Blödsinn.'
'Ach, Scheiße.'





Die Schwerkraft ließ Nazrilh wanken und noch bevor er begriff, dass er gerade tatsächlich an Ort und Stelle eingenickt war, verspürte er das kühle, feuchte Holz, das sich gegen seine nackte Stirn drückte. 'Die Tür... Schlüssel...' Irgendwo zwischen Tiefschlaf und Wachzustand griff er durch die Kragenöffnung unter sein Oberteil und friemelte den Schlüssel, den er einer Kette gleich um den Hals trug, hevor.

Mit dem ersten Schritt, den er über die Türschwelle setzte, forderte sein Gleichgewichtssinn ihn zu allem Übel auch noch zu einem unfreiwilligen Tänzchen auf, was seinem Magen nicht unbedingt schmeichelte. Alles drehte sich und eine unsichtbare Kraft schubste ihn ohne jeden Widerstand vergnügt und ziellos durch die Gegend. Zum Kotzen. Und nichts zum Festhalten in der Nähe.
Aber all das geriet auf einen Schlag in den Hintergrund, als er sein Bett erblickte. Nur noch ein paar Meter trennten ihn vom ersehnten Schlaf und ohne auch nur daran zu denken, irgendetwas an Kleidung abzulegen, ließ er sich schließlich - und endlich - auf die Matraze fallen, wo er augenblicklich einschlief.


1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 ...


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Montag, 11. Juli 2016, 19:55

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Gramfeste - Marvroth's Zweithaus



Nachdem Hyadriil die schwere Tür hinter sich zugezogen hatte, stand Nazrilh nun ganz allein in dem schattigen Zimmer und kämpfte gegen die höllischen Schmerzen in seinem Gesicht an. Zweifelsfrei... die Knochen in seiner Nase waren gebrochen, vielleicht sogar mehrfach.
Zu allem Übel musste er mit anhören, wie das Schloss von außen verriegelt wurde. Anschließend zeigten die sich entferndenen Geräusche von Schritten, dass Hyadriil sich über die Treppe wieder in das Erdgeschoss des Hauses begab - vielleicht hatte er das Haus sogar verlassen und würde erst am nächsten Morgen wieder zurückkehren.
Normalerweise hätte ihn dieser Arrest, diese Bevormundung Hyadriil's, zur Weißglut getrieben und ihm mindestens lautstarken Protest entlockt aber, so ungern er es auch zugab, in diesem Fall erleichterte es ihn sogar ein wenig, eingesperrt worden zu sein, denn so war zumindest für diese Nacht gewährleistet, dass er kein zweites mal auf Aymmír treffen würde. Und Aymmír nicht auf ihn.
Zwar bezeichnete Hyadriil dieses Gebäude als sein "Geschäftshaus" aber die Tatsache, dass sein Schüler vor Kurzem recht plötzlich zum Obdachlosen wurde, stieß dem Sklavenjäger offenbar weit genug auf, sodass er Aymmír diese Bude vorrübergehend zum Wohnen überließ.

Wie dem auch sei - mit hoher Wahrscheinlichkeit befand Aymmír sich derzeit im gegenüberliegenden Zimmer und Nazrilh wünschte ihm, ob der harten Kopfnuss, die die beiden Streithähne sich soeben im Unterschlupf - dummerweise - gegenseitig verpassten, ein Schädelbrummen der besonderen Art.

Seine Stirn jedenfalls schmerzte heftig aber im Vergleich zu dem, was er im Gesicht spürte, glich die Beule über seinen Augenbrauen eher einem harmlosen Kratzer. Und aus irgendwelchen Gründen kam ihm sein Hemd ungewöhnlich schwer vor.





Unter leisem, gepressten Stöhnen und dem Zwang, sich bloß nicht an die pochende Nase zu fassen ... oder stellvertretend die Einrichtung des Zimmers kurz und klein zu schlagen, trat Nazrilh auf die beiden Kerzen zu, die auf dem Nachttischchen am anderen Ende des Raumes standen und zog auf Brusthöhe an seinem Hemd, um einen Blick darauf werfen zu können.
Sein Tastsinn aber verriet ihm bereits, was er zu sehen bekommen würde denn dort, wo seine Hand den Leinenstoff festhielt, war eindeutig Nässe zu verspüren. Der Anblick im Kerzenschein bestätigte: Blut. Und davon eine Menge. Neben dem tiefroten, glänzenden Fleck, welcher sich beinahe bis auf Bauchnabelhöhe hinunterzog, zeigten sich hunderte winzigste Spritzer auf Hemd und Weste ... nein, sogar bis auf die Hosenbeine reichten sie hinunter!


Während Nazrilh fassungslos zu dem Übel hinabstierte und darum bemüht war, sich an die vergangene Stunde im Unterschlupf zu erinnern, machten sich plötzlich weitere Blutstropfen bemerkbar, die ihm aus der Nase liefen und sich in dem bereits vollgesogenen Leinenstoff seines Hemdes ertränkten. 'Was für eine Scheiße...?!' Der Dunmer legte den Kopf zurück und versuchte so recht halbherzig die wieder eingesetzte Blutung einzudämmen, doch bald schon bewies der Geschmack von Eisen in seinem Mundwinkel, dass das so nicht funktionierte.


Was seine Flüche betraf, wurde der Mer von Sekunde zu Sekunde kreativer und schließlich, da er sich nicht anders zu helfen wusste, streifte er seine Weste ab und brachte es irgendwie einigermaßen unfallfrei fertig, sich das Hemd über den dröhnenden Kopf hinweg auszuziehen, ohne den Stoff auch nur annähernd sein Gesicht berühren zu lassen.
Dann ließ er sich blindlinks mit nach vorn gebeugtem Oberkörper entnervt, wütend und noch immer geplagt von dem Gefühl, dass ihm im Sekundentakt hundert Messerstiche in die Nase gerammt wurden, auf der Bettkante nieder. Das ohnehin versaute Hemd knüllte er zu einem Bündel zusammen und hielt es sich dann einfach unter das Kinn, um wenigstens die vereinzelten Blutstropfen damit aufzufangen, wenn er schon weiter nichts unternehmen konnte. Die Hoffnung einzuschlafen machte er sich gar nicht erst.



Während es so vor sich hintropfte und Nazrilh sich notgedrungen langsam mit dem Schmerz anfreundete, stierte er in die bewegungslosen Flammen der Kerzen. Hatte Hyadriil ihm heute das Leben gerettet? Also... so richtig? Ebensogut hätte Hyadriil ihn einfach zurück- und links liegen lassen können. Aber Nazrilh meinte sich daran zu erinnern, dass er es Hyadriil's Hand, die immer wieder beherzt und unterstützend auf seinem Rücken aufschlug, zu verdanken hatte, dass er seine Luftröhre von Blut befreien und endlich wieder nach Sauerstoff schnappen konnte.
Andernfalls wäre er erstickt.
Geistesabwesend drehte Nazrilh das Bündel ein wenig.
Erstickt. Und das nur, weil Aymmír seine Klappe nicht halten konnte! Der junge Mer erinnerte sich: nur wenige Stunden vor der Prügelei hatte er Aymmír vor der Taverne doch eigentlich klargemacht, dass sie, nach der kleinen, harmlosen Kopfnuss, mit der Nazrilh sich für den fiesen Tritt des anderen rächte, quitt gewesen waren. Aber er musste Nazrilh ja provozieren! Ihn beleidigen! Er hatte es drauf angelegt...





Ging es nach Nazrilh, wäre es bei dem Schubser geblieben, den er Hyadriil's Schüler - in der Hoffnung dieser würde begreifen, dass er es mit seinen Beleidigungen zu weit trieb - verpasste. Doch keine Sekunde später fand er sich auf dem Rücken liegend wieder und spürte Aymmír's Gewicht, welches seinen Brustkorb gekonnt gen Boden drückte, sodass Nazrilh sich eigenständig nicht mehr befreien konnte.
Spätestens da hätte er die weiße Fahne schwenken sollen aber er war, wie sein Gegner auch, in einem regelrechten Wutrausch und so begegnete er Aymmír's hinabrasender Stirn mit der seinen, die er gleichzeitig zu dem anderen hinaufschießen ließ. Lichter blitzten vor Nazrilh's innerem Auge auf, ehe sich die Schwärze über ihn legte.
Und hier brachen seine Erinnerungen ab.



Er wäre Hyadriil doppelt dankbar, wenn er nur wüsste, dass dieser es war, der Aymmír davon abhielt, nach dessen erstem Schlag ungehalten weiter auf Nazrilh's Gesicht einzuprügeln...



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Donnerstag, 25. August 2016, 04:52

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Gramfeste - Nazrilh's Heim




"Is' doch zum Kotzen..."
Der vor Jahren aus einzelnen Scherben wieder schief-zusammengepuzzelte Wandspiegel erschwerte Nazrilh eine genauere Begutachtung der alten Wunde an seinem Hals. Prüfend tasteten seine Fingerspitzen über das verheilte Narbengewebe, während er versuchte, sich in die optimale Position zu bringen damit er ein einigermaßen einheitliches Spiegelbild zur Unterstützung seiner Inspektion erhielt.
Doch es waren nicht die zahlreichen Fragmente seines Gesichts im Spiegel, die an seinen Nerven zerrten. Die Wunde war zum Glück sogar ziemlich gut verheilt. Aber die Narben der Nähte...

Zu seinem Bedauern musste er feststellen, wie er sah und ertastete, dass sie sich entgegen seiner Hoffnung nicht weiter zurückgebildet hatten. Unter fassungslosem Kopfschütteln betrachtete er somit die Überbleibsel von Vandresi's kleinem, subtilen Demütigungsversuch Kunstwerk, welches sie ihm damals, im Schuppen ihres Bruders Hyadriil, unnötigerweise verpasste, als sie den Schnitt in seinem Hals nähte.
" ... zum Kotzen."
Er ließ seine Fingerspitze erneut über die beiden kleinen Gewebeknötchen fahren. Zwar waren sie für Blicke, die nicht gezielt hinsahen, kaum erkennbar doch das war uninteressant - sie hatten über der geschwungenen, eigentlichen Naht überhaupt nichts zu suchen! Abermals ein Kopfschütteln.

Würde man die Narben mit einem farbigen Stift nachziehen, käme das Ergebnis wohl den ersten Malversuchen eines Kleinkindes extrem nahe. Gnade dem, der ihn zukünftig auf dieses dämliche Grinse-Gesicht an seinem Hals ansprechen und sich darüber lustig machen würde...!






Es grenzte sowieso schon an dem Reinfall schlechthin, dass er sich das alles auch noch selbst eingebrockt hatte.
Mit seinem Racheakt.
Der so dumm eigentlich gar nicht mal gewesen ist und, wie sich bereits am ersten Tag nach dem "Überfall" zeigte, verdächtigten weder Hyadriil, noch dessen Schwester oder Lehrling Aymmír ihn dahingehend, dass er sich den Schnitt selbst zugefügt hatte. Ebenso wenig zweifelte diese glatzköpfige Mer aus dem Unterschlupf das Märchen von der Menschenfrau an, die Nazrilh "des Nachts mit ihrem Dolch an die Kehle ging".

Bis dahin lief also alles Plan - nun galt es blos, dieses vorlaute Weibsbild nochmal ausfindig zu machen. Im besten Fall zu einem Zeitpunkt, an dem Nazrilh in Begleitung von Morag oder Hyadriil war - und genau an der Stelle kam das Ganze ins Stocken, denn seit dem schien sie wie vom Erdboden verschluckt. Das bedeutete also: warten. Und währenddessen hatte Nazrilh noch genug zu erledigen ... Wichtigeres.





Nachdem der Gedanke, dieses lächelnde Übel zur Not mit einer Tätowierung überdecken zu lassen, an Nazrilh vorbeisauste, stieß er sich von der Kommode ab und schlenderte durch das unübersehbare Chaos, das sich noch immer großflächig auf dem alten, staubigen Holzboden ausbreitete. Klamotten waren so ziemlich überall verteilt, nur nicht in dem dafür vorgesehenen, klapprigen Schrank. Der muffige Geruch von getragener und seit Längerem herumliegener Kleidung ließ ihn zuerst zögern, dann stoppen und einen vagen Blick in Richtung des Zubers riskieren.
Das verdammte Ding schien ihn mit einem unverschämt breiten Grinsen dazu verführen zu wollen, endlich ein wenig Ordnung zu machen und vorallem: die längst überfällige Wäsche zu erledigen ... und zwar möglichst bevor diese in einen Zustand verfiel, der es ihr ermöglichte von allein in den Zuber zu schlurfen und sich mit Seife einzureiben...




Die - wie aufs Stichwort auftretende - Einbildung, das Hemd unter seinem Stiefel habe sich bewegt, ließ ihn unweigerlich hinunter stutzen. Aber kein Wimpernschlag verging, bis er sich dafür verfluchte, dass er tatsächlich für einen kurzen Moment so verdammt dämlich gewesen war, geglaubt zu haben, seine Wäsche entwickle ein Eigenleben.
Das war offenbar der perfekte Zeitpunkt um sich mit einem Arschtritt zur Kapitulation zu zwingen. Aus nicht allzu unerklärlichen Gründen vernahm er die zeternde Stimme seiner Mutter, welche sich in sein Ohr schlich und dort ohne jede Einladung ein paar Extrarunden drehte, während er die ersten Kleidungsstücke vom Boden aufsammelte.


'Räum das auch wieder weg, wenn du es hergeholt hast!'
"Bla, bla, bla..."
'Wie sieht es denn hier aus?!'
"..."
'Alles muss man dir nachräumen!'
'Kannst du mir nicht EIN MAL den Gefallen tun und...'
"Schnauze!"
'Warum bist du nicht, wie deine Sch-'



"-wester... für sie muss ich mich nich' schämen!", äffte er den ihm nur allzu bekannten Satz zuende. "Tja, lass mal überlegen..."
Er schob die Spitze seines Stiefels unter das Leinenhemd, auf dem er noch soeben stand und schleuderte es in die Höhe.


Ein schrilles, aufgebrachtes Quieken ertönte aus dem, sich in noch in der Luft befindenden Knäuel und ließ den darauf völlig unvorbereiteten Mer vor Schreck zurückzucken. Noch bevor er zweifelsfrei registrierte, dass es eine Maus gewesen sein muss - sie hat es sich in dem Hemd wohl gemütlich gemacht! - rächte er sich für diese Unverfrorenheit, ihn so zu erschrecken mit einem ungehaltenen Tritt. Keine Sekunde später schlug ihr winziger Körper mit einem dumpfen Geräusch gegen die Tür und sackte zu Boden, wo er regungslos liegen blieb.

"Glaub' ich ja wohl nich'!" Gerade, als Nazrilh sich mit ausgestrecktem Arm hinunter beugte, um sein Hemd aufzuheben, vernahm er ein metallisches Klackern, das ihn in jeder Bewegung inne halten ließ.
Langsam und ohne, dass er es wagte die sonstige Stille auch nur mit dem Geräusch seines Atems zu unterbrechen, linste er in Richtung Türschloss, an dem ganz eindeutig von der anderen Seite herumgewerkelt wurde. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. War er tatsächlich so unachtsam gewesen, den Schlüssel auf der Außenseite stecken gelassen zu haben? Nein, unmöglich - es gab nur ein Exemplar und Nazrilh spürte, wie dessen Gewicht an der Kette um seinen Hals zog.
Also wer, bei den Dreien, würde es mittem am Tag wagen, in ein Haus einzubrechen, an welchem auch noch regelmäßig eine Ordinatorin vorbei partoullierte?! Ein verdammtes Genie mit ernsten Absichten.
Panik schlich sich in seinen Blutkreislauf, während er das Türschloss fixierte, welches noch ein letztes mal dieses Klackern äußerte, ehe die Tür sich langsam öffnete.


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Golli (25.08.2016), Elfenblut (29.08.2016)

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Dienstag, 13. September 2016, 19:05

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"Du sperrst dich ein, Junge? Soviel Ärger am Hals?" Uneingeladen trat der in feine Stoffe eingekleidete und mit einem Kurzschwert, das an dessen Seite baumelte, bewaffnete Herr, gleich einem Sonntagsbummel mit federndem Schritt über die Türschwelle und ließ einen Schlüssel demonstrativ um seinen Zeigefinger rotieren.
Ein Schritt, den er bereits zu viel getätigt hatte. Nazrilh's anfängliche Panik schlug augenblicklich in Wut um. "Raus hier...!", zischte er, als er aus der Mitte des Raumes heraus in diese alten, lieblosen Augen des Mannes blickte, der nur so vor Überheblichkeit und Arroganz strotzte und auch noch so tat, als habe er jedes Recht, dies Haus einfach zu betreten. Dazu die unnötige Zurschaustellung des Schlüssels - wo auch immer er ihn herhatte.



Kühle, unzufriedene Blicke glitten über die Unordnung im Zimmer, ignorierten jedoch geflissentlich den noch immer mit Wäsche beladenen Mer, welcher seinen 'Gast' für keine Sekunde aus den Augen ließ. Unbemerkt verlagerte Nazrilh den Kleiderhaufen auf seinen linken Arm und ließ die nun freie Hand langsam in seine Hosentasche gleiten. Seine Finger tasteten nach dem kleinen Taschenmesser.
"Ich sagte raus...!!"



Keine Reaktion. Nachdem der Herr seine Inspektion schließlich unbeeindruckt beendet hatte, schloss er die Tür hinter sich, wobei er den regungslosen Mäuseleib am Boden bemerkte. Für kurze Zeit richtete er sein Augenmerk auf das Fellknäuel und auf die winzige rote Pfütze, die sich darunter gebildet hatte ... und schwieg. Es war ein tadelndes Schweigen; jenseits von Sprachlosigkeit und zielte nur darauf ab, die Atmosphäre in der Umgebung weiter hinunter zu drücken.
Das war zu viel. Als lege sich ein Schalter in Nazrilh um, schoss ihm das Blut binnen Bruchteilen von Sekunden in den Kopf und durchpumpte seinen Körper mit einer solchen Menge Adrenalin, die ihn nur noch handeln, kaum mehr aber denken ließ. Die Wäscheladung fand sich auf dem Boden wieder, achtlos weggeworfen und Nazrilh stiefelte mit gezogenem Messer auf seinen uneingeladenen Besuch zu.
"Verpiss dich! VERPISS DICH!! RAUS!!!


"DIES HIER...", hielt der Eindringling dominierend dagegen und zog ein gebleichtes Pergament hinter seinem Rücken hervor, welches er wie ein Stoppschild gen dem anderen ausstreckte: "...sollte dich interessieren, mein Sohn!" Nazrilh bremste widerwillig und entriss ihm das Papier, ohne einen Blick darauf zu werfen. Stattdessen funkelte er nur in die strenge, eiserne Maske seines Vaters und versäumte somit, dass dessen Hand sich langsam wieder von dem Griff seines Schwertes löste.

"Glaube mir: lieber hätte ich einen Kurier geschickt aber ich wollte nicht riskieren, dass ein Unbeteiligter Opfer deines ungezügelten Temperaments wird!" Er legte die Hände hinter seinen Rücken und beobachtete Nazrilh ungerührt, als dieser das Pergament beherrscht in seiner Hand zerknüllte.
"Tu dir keinen Zwang an. Zerreiß es ruhig oder verbrenne es - wie ich dich kenne, wird dir sicher etwas passendes einfallen."
"Hau ab! Ich sag's nich' nochmal...!", erwiderte Nazrilh nur zischend, schnippte seinem Vater das zerknüllte Pergament unters nackte Kinn, von wo aus es zu Boden fiel. "Un' wag's nich' nochmal herzukommen - Schlüssel hin oder her, 's nächste Mal prügel ich dich raus! Un' denk bloß nich', ich merk's nich', wenn du deinen Arsch in meiner Abwesenheit hier rein bewegst! Rat ich dir also auch von ab..."




Sein Vater gab sich unbeeindruckt und zeigte das mit einem Rümpfen seiner Hakennase, während er sich von Nazrilh abwendete, dabei den Schlüssel einsteckte und nach der Türklinke griff. "Nimm den Mund nicht so voll - SPEZIELL nicht in meiner Gegenwart!" Dann öffnete er ohne jedes weitere Wort die Tür und begab sich nach draußen.
"Un' nimm deinen scheiß Müll mit!!", giftete Nazrilh hinterher und schickte das Papierknäuel mit einem kräftigen Tritt zur Tür hinaus, die er daraufhin lautstark zuwarf.

Wieder allein. Es war ihm völlig egal, aus welchem Grund dieser Mann glaubte, einfach so hier hereinplatzen zu können und auch das Pergament interessierte Nazrilh nicht im Geringsten ... wie so ziemlich alles, was mit seiner Familie im Zusammenhang stand. Er war nur so wütend, dass er kurzerhand sein Taschenmesser auf die Tür zuschmetterte, in der es wie ein Dartpfeil stecken blieb.


Nach einem Nickerchen würde er mit dem Aufräumen weitermachen ... zumindest, wenn er sich dann wieder einigermaßen beruhigt hat. Hauptsache er verschwendete keinen Gedanken mehr an seinen Vater, denn diesen Triumph gönnte er diesem Kerl ganz bestimmt nicht!



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Ich bin nicht einverstanden mit dem, was Sie sagen
aber ich würde bis zum Äußersten dafür kämpfen,
dass Sie es sagen dürfen.
Voltaire