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Nita

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Donnerstag, 22. August 2013, 21:23

Einige Schritte entfernt lag er auf dem Boden. Seine Hände versuchten voller Verzweiflung das Innere seines Bauches wieder dorthin zu stopfen, wo es hin gehörte. Das Blut das sich unter ihm sammelte und die Pfütze, die immer noch anwuchs, stanken erbärmlich nach Metall und Exkrementen. Ein kurzes Würgen überkam Nephelle, doch sie konnte es unterdrücken, hielt sich daraufhin die Nase zu und betrachtete den Mann nicht ohne eine gewisse – für sie ebenso erschreckende wie auch befriedigende – Genugtuung. Sie ging einige Schritte weiter um ihn herum, stellte sich dann direkt neben ihm aufrecht hin und sah mit einer solchen Verachtung auf den Mann hinab, das sie sich vermutlich vor sich selbst erschrocken hätte, hätte sie ihr Gesicht in jenem Moment betrachten können. Doch er konnte ihr Gesicht sehen, konnte in jedem ihrer Züge ablesen, was sie spürte und dachte und alles was ihm übrig blieb, war ein verbittertes Lächeln.

Fendros wusste, dass er diese Nacht nicht überleben würde. Der einzige Trost den er hatte war, dass diese Frau, die es nun wagte so auf ihn hinab zu blicken auch sterben würde. Er hätte nie gedacht, dass es so enden würde und vor allem so früh. Doch trotz der riesigen Wunde in seinem Leib, trotz des Wissens, das er gerade seine Gedärme in der Hand hielt, hatte er kaum Schmerzen. Alles war umgeben von einem sanften, betäubenden Schleier. Seine unteren Gliedmaßen waren taub, seine Beine unbeweglich, doch sein Blick hinauf zu der Dunmer war klar und nach einigen Augenblicken fand er die Kraft zu sprechen.

„Zufrieden? Du musst es nicht einmal selbst tun. Kannst gehen und“, er musste husten, doch konnte es nicht. Es gab keine funktionierenden Muskeln mehr, die es ihm gestattet hätten. So ertönte wieder dieses leise Gurgeln in seiner Kehle und ein Schwall Blut quoll am Ende aus seinem Mund, so dass er den Kopf drehen musste, um es auszuspucken. „…die nächste Familie in den Tod führen.“ Unwillkürlich und zum Teil ungewollt huschte ein Schmunzeln über Nephelles Gesicht. Diese Nacht war reiner Wahn und dieser ging nicht spurlos an der Frau vorbei. „Deswegen kam ich nicht.“ Sie ging langsam in die Hocke, ließ die Hand von ihrer Nase sinken und stützte sich mit dieser auf ihren Knien ab, während sie das Gesicht des Mannes unter sich betrachtete. „Wärst du nicht so ein Schwein gewesen, hätte ich dir nun vielleicht sogar geholfen.“ Sie stützte sich mit der anderen Hand auf dem Schwert ab, wanderte einen Moment mit dem Blick hinab zu seinem Bauch und unterdrückte ein weiteres Würgen, zwang sich selbst genauer hinzusehen. „Aber so, hast du es nur um so mehr verdient, in deinem eigenen Dreck zu sterben.“ Es war nicht ihr Verstand, nicht die Vernunft, die sie nach seinen Innereien greifen ließ. Rein der Trieb nach Rache und Genugtuung und vielleicht noch ein wenig Grausamkeit ließ sie an seinem Gedärm ziehen, so lange bis der Ekel sie übermannte und ein weiterer, heftiger Würgereiz sie überkam, sie diesen jedoch ein weiteres Mal nicht verdrängen konnte und sich zur Seite wegdrehen musste.

Fendros spürte wie alles, was er sich so mühsam wieder in den Laib geschoben hatte mit einem Ruck von der Dunmer heraus gezerrt wurde. Er wollte Schreien, wollte nach ihrer Hand greifen, doch konnte es nicht. Mit einem Mal hatte sie ihm alle Ruhe, jede Taubheit für den Schmerz genommen und er spürte wieder, wie sich das grausame Gefühl in ihm ausbreitete. Doch dann hörte er sie würgen, hörte wie sie sich neben ihm erbrach und ein leiser, letzter Funke machte sich in ihm breit, wurde zu einem Feuer das ihn langsam verschlang und den Drang weckte sinnlos und mit letzter verbliebener Kraft zu schreien. Er würde seine Mörder herrufen und zu ihr locken.

Als Fendros begann zu schreien, klang es erst wie ein lautes Aufstöhnen, doch je länger es andauerte, desto lauter wurde es und Nephelle schreckte panisch zu ihm herum, starrte ihn einen Moment an, bis ihr Verstand wieder zurückkehrte. Sie wischte sich nur kurz mit dem Handrücken über den Mund, ehe der Moment des Überlegens auch schon verstrichen war und das Geräusch rennender Schritte aus der oberen Etage sie aufspringen ließ. Fendros lebte noch und schrie wie am Spieß, unterbrochen nur kurz von einem weiteren Gurgeln, einem Spucken, ehe er weiter machte.

Sie stürmte der Tür zum Arbeitszimmer entgegen, riss diese förmlich auf und schlug sie dann hinter sich zu. Panisch griff sie nach dem Schlüssel, der zumindest in dieser Tür steckte und drehte ihn herum. Auf der anderen Seite konnte sie die Stimmen der beiden und das unaufhörliche Schreien vernehmen. Auch wenn sie nicht wusste was sie sagten, sie war sich sehr sicher, dass sie ihr Erbrochenes bemerken würden und auch gehört hatten, wie die Tür zugeschlagen worden war. Sie wusste, dass dieser Raum nur eine Tür besaß, keine Fenster hatte und somit keinen Ausweg bot. Gefangen in einem Raum, der zwar ihr Ziel, aber vielleicht auch das Ende ihres Weges war.


~ Die Wahrheit kann mehr schmerzen, als jede Lüge zuvor. ~

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22

Donnerstag, 22. August 2013, 23:52

Mit dem Rücken lehnte sie einen Moment gegen das schwere Holz der Tür und versuchte ihre Atmung, ihren tobenden Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bekommen, doch es wollte nicht gelingen. Als dann auch noch mit heftigen, die Tür erzittern lassenden Schlägen gegen das Holz gehämmert wurde, versagte ihr gänzlich die Kontrolle. ‚Onkel Alaric hatte recht‘, ging es ihr durch den Kopf, während ihre Kehle sich langsam zuschnürte. ‚Ich hätte in Balmora bleiben sollen. Ich werde hier sterben. Elendig sterben wie Fendros da draußen!‘ Sie presste beide Hände an ihre Schläfen und ließ dabei das Schwert geräuschvoll zu Boden fallen, versuchte ihren Verstand wieder zusammen zu raffen, doch es war zu viel.

In einer einzigen Nacht wäre sie beinahe Vergewaltigt worden, hatte sie vier elendig zugerichtete Leichen und einen förmlich abgeschlachteten, noch halb lebenden Mann gesehen. Das alles war zu viel für einen einzigen, bisher wohl behüteten Verstand. Und doch, die Nacht war noch nicht einmal vorüber.

Die Augen zusammengekniffen drängte sie den Schrei - der langsam bis zu ihrer Kehle empor kriechen wollte - wieder hinab, atmete tief und so bewusst wie nie zuvor in ihrem Leben ein und aus, während das Hämmern an der Tür sich schier endlos fortsetzte. Jeder Atemzug den sie tat, drang tief in ihre Lunge und sie versuchte sich nur darauf zu konzentrieren. Versuchte das Hämmern zu ignorieren, den Raum in dem sie gefangen war zu vergessen und nur an das Atmen zu denken. Und dann, als hätte alleine dieser Versuch geholfen, erstarben der Lärm vor der Tür und das Hämmern gegen das Holz und absolute Stille kehrte ein. Unheilvolle Stille.

Langsam ließ die Dunmer die Hände von ihren Schläfen sinken, öffnete die Augen einen Spalt weit und lauschte. Für einige Zeit war es vollkommen still, nichts rührte sich. Vielleicht war Fendros mittlerweile seiner Wunde erlegen, vielleicht suchten die Männer gerade einen anderen Weg in den Raum, doch wagte Nephelle es auch nicht die Tür zu öffnen, um Gewissheit zu bekommen.

Stattdessen fasste sie den Schreibtisch des alten Herrn ins Auge. Groß und mächtig stand er immer noch mitten im Raum. Scheinbar hatten die Männer sich nur kurz in dem Raum umgesehen und waren wieder gegangen, oder noch gar nicht zu diesem Zimmer vorgedrungen. Es gab in diesem Raum auch keinen Ort, an dem man sich hätte verstecken können, außer hinter dem Schreibtisch zu kauern und zu warten entdeckt zu werden.

Noch ein letztes Mal legte sie das Ohr an die Tür und lauschte in den Flur hinaus, das wuchtige Möbelstück dabei nicht aus den Augen lassend. Als sie sich sicher war, das auch weiterhin niemand außerhalb dieses Raumes auf sie wartete, bewegte sie sich zu dem Stuhl hinüber, der immer noch – wie am voran gegangenen Tag auch – hinter diesem Stand.

Ein Geräusch von aufeinander reibendem Holz entstand, als sie den Stuhl langsam zurück zog um sich dann auf diesen zu setzen. Für einige wenige Sekunde stellte sich die Dunmer vor, wie es wohl sein musste, an so einem Tisch zu sitzen und eine gesamte Familie, ein ganzes Unternehmen führen zu dürfen. Geschäfte zu tätigen, Gelder zu verwalten, Intrigen zu spinnen. Während ihre Vorstellung ein Bild zu malen versuchte, strich sie mit ihren Fingern über das auf Hochglanz polierte, dunkle Holz, beließ es dann aber dabei und wanderte zum Ende hin rasch zu den Kästen auf dem Tisch, in denen sich einige Papiere sammelten. Es waren diverse Briefe von offensichtlichen Geschäftspartnern die hier und da zwar etwas zwielichtig wirkten, aber nicht den Inhalt hatten, nachdem Nephelle suchte.

Die Dunmer machte sich nicht mehr die Mühe, die Briefe wieder an ihren Platz zurück zu legen, es gab schließlich niemanden mehr, der sich für ihr Tun hier am nächsten Morgen interessieren würde. Nach nur wenigen Augenblicken war der Schreibtisch übersät mit Papieren, die sie achtlos fallen gelassen hatte, nachdem sie sich als wertlos herausstellten. Doch dann entdeckte sie einen Brief, der ihr eiskalte Schauer den Rücken hinab wandern ließ. Sie musste die Zeilen zwei Mal lesen, um zu begreifen, was sie dort gerade in der Hand hielt. Zu Anfang las es sich, wie eine einfache Handelsvereinbarung, dann jedoch wurde offensichtlich, dass es sich um mehr als das handelte.

„Werter Vanikien“, begann sie leise sich selbst vorzulesen. „Für diese Sache werdet ihr mir viel schuldig sein. Es war eine ungeheure Arbeit, den Dreck wegzuräumen, den euer Sohn hinterlassen hat. Sollte ich jemals etwas in einer gleichwertigen Art von Euch verlangen, so solltet Ihr Folge leisten. Ich habe Beweise, die auf Euch und Euren Sohn zurück führen werden. Nur zur Sicherheit, solltet Ihr Euch eines Tages weigern diesen Gefallen zu erwidern. Und wenn Ihr mich fragt, solltet Ihr Euren Bastard in Ketten legen und nie wieder einer Frau zu nahe kommen lassen. Gezeichnet, O.A.“

Nephelle hob, nachdem sie die Zeilen gelesen hatte, den Blick und starrte auf die Tür, die aus dem Zimmer führte. Vor ihrem inneren Auge sah sie Fendros‘ Leichnam noch immer dort draußen im Flur liegen und ein weiteres Mal war sie sich sicher, dass es mehr als nur gerechtfertigt war, ihn so sterben zu lassen. Sie schüttelte sich, versuchte die Gedanken wieder abzustreifen und sah zurück auf den Brief in ihrer Hand. „O.A. …“ Ein frustriertes Seufzen. „Warum müssen die eigentlich immer mit ihren Initialen unterzeichnen?“ Dann, nach einem weiteren Moment schon fast etwas zynisch während sie den Brief einsteckte: „Ganz ehrlich, wieso hebt man so etwas auf? Und dann auch noch so offen rumliegend? Ich würde doch alle Beweise verschwinden lassen…“ Sie schüttelte den Kopf über die Dummheit des Mannes und nahm sich selbst vor, sollte sie dieses Haus lebend verlassen und jemals in eine solche Situation gelangen, sich eine Absicherung zu verschaffen und alles was auf sie hindeuten würde, vollkommen zu vernichten. Seinen Dreck sollte man selbst hinter sich weg räumen. Alles andere gab den Leuten nur Gelegenheit, darin zu wühlen.

Noch einige weitere Briefe wurden von ihr gelesen, auch waren einige dabei, welche die selben Initialen enthielten, doch keiner davon ließ direkte Rückschlüsse auf den Verfasser ziehen oder gab Anhaltspunkte, wer Vanikien nun den Auftrag für den Kauf des Hauses ihres Vaters gegeben hatte. Dennoch steckte sie jeden Brief ein, der ihr irgendwie hilfreich erschien. Am Ende hatte sich ein kleiner Haufen aus Briefen in der Mitte des Schreibtisches angesammelt, doch keiner davon schien von Wert, außer denen, die sich bereits in ihrem Besitz befanden. Mit einem schon fast etwas verzweifelt klingenden Seufzer lehnte sie sich dann auf dem Stuhl zurück und betrachtete den Schreibtisch eine Weile. Es gab keine Schubladen und auch keine Türen, die etwas hätten verbergen können. Die Tischbeine zu ihrer Linken und Rechten waren zwar sehr breit und hätten durchaus dafür Platz gelassen, doch es gab einfach keine Fächer.

Skepsis regte sich in Nephelle, während sie die äußerst breiten Beine näher betrachtete und kurz darauf erhob sie sich von dem Stuhl und kroch unter den Schreibtisch. Mit den Fingern fuhr sie die Kanten des Holzes ab, suchte nach versteckten Hebeln oder Scharnieren, einem Mechanismus, der vielleicht ein verstecktes Fach preisgeben würde, doch es gab nichts, rein gar nichts. Etwas entmutigt kroch sie dann kurz darauf wieder unter dem Schreibtisch hervor und wollte aufstehen, als sie sich an der Kante des Tisches den Kopf stieß.


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Donnerstag, 22. August 2013, 23:58

Mit der linken Hand rieb sie sich die Stelle, während sie sich mit der Rechten am Stuhl abstützte um langsam aufzustehen, doch dann in der Bewegung inne hielt. Durch das Fell, dass über dem Stuhl lag war es nicht zu sehen und während sie auf dem Möbelstück gesessen hatte, hatte sie es ebenfalls nicht bemerkt, doch nun da sie sich an dem Stuhl abstützte, spürte sie an der Kante eine kleine, kaum wahrnehmbare und doch auffällige Unebenheit. Fast so etwas, wie ein kleiner, hervorstehender Stift. Mit kritischem Blick schlug sie das Fell bei Seite und unter diesem zeigte sich ein zwar schön verarbeiteter, aber optisch recht schlichter Stuhl. Er schien alt zu sein, viel älter als der Schreibtisch oder der Rest des Mobiliars und an der linken Ecke, vollkommen unauffällig, war ein kleiner runder Stift, der aus dem abgegriffenen Holz ragte. Nephelle verengte die Augen ein wenig, zog an der Vorrichtung und ein Fach öffnete sich. Fast in derselben Größe, wie die Sitzfläche. ‚So etwas brauche ich auch…‘ Wie ein kleiner, hölzerner Tresor unter dem Sitz, und dieser war prall gefüllt mit weiteren Dokumenten, die offensichtlich von wesentlich höherer Brisanz waren, als jene, die auf dem Tisch lagen.

Sie wollte gerade – noch halbwegs unter dem Schreibtisch hockend – damit beginnen, die ersten Unterlagen aus dem Fach zu nehmen, als ein Schrei sie aus ihrem Werk riss. „Nein! Nein! Bei den Ahnen, bitte nicht, nein!“ Danach hörte man nur noch das unwürdige Schreien und schiere Kreischen eines Mannes, der offensichtlich noch mehr erleiden musste, als er dies ohnehin schon getan hatte. Langsam war Nephelle unter dem Tisch hervor gekrochen und aufgestanden, während sich die Geräusche langsam durch ihren Körper fraßen und einen Schauer nach dem anderen verursachten. Sie hatte nicht damit gerechnet das Fendros noch lebte, doch offensichtlich war er schwerer zu töten, als den zwei Nord lieb war.

Während Nephelle starr hinter dem Schreibtisch stand und die verschlossene Tür fixierte, erstarb das Schreien und Jaulen irgendwann. Was auch immer sich in diesem Flur gerade abgespielt hatte, es war vorüber und nun konnte sie sich ganz sicher sein, das dieser Mann nicht mehr lebte. Die Mer wartete einige Momente lang darauf, dass das Gehämmer gegen die Tür wieder von vorne beginnen würde, doch nichts geschah. Die Stille machte sie unruhiger, als es das erwartete Hämmern je hätte tun können und langsam bewegte sie sich hinter dem Schreibtisch weg und wieder auf die Tür zu, lauschte an dieser. Nichts, keine Schritte, kein Flüstern, nicht ein Mucks war zu hören. Sie begann sich zu fragen, ob die zwei Nord ebenso wie sie es gerade tat an der Tür lauschten und dabei versuchten kein Geräusch zu machen. Die Vorstellung alleine ließ sie wieder von dem Holz wegschrecken.

Es waren sicher einige Minuten verstrichen, in denen sie sich die wildesten Dinge ausmalte, bis sie diesen Geruch vernahm und ihre Augen sich langsam weiteten. Mit zittrigen Händen ging sie wieder auf die Tür zu. Langsam und bedächtig legte sie dann die flache Hand an das Holz und sofort zog sie diese wieder zurück. ‚Feuer‘, schoss es ihr nur durch den Kopf, als sie die Hitze bereits durch die Tür hindurch spüren konnte. „Deswegen hat er so geschrien…“, wisperte sie sich selbst zu und hielt sich sofort darauf die Hand vor den Mund. „Bei den Göttern, nein“, nuschelte sie durch ihre Finger hinweg, während sie den Blick durch den großen Raum der bis zu den Dachbalken reichte wandern ließ.

Kein Ausweg, kein Fenster, keine Dachluke. Nichts außer riesigen Regalen von Büchern, Wertstücken in Vitrinen und Möbel, die nicht helfen würden, wenn sich die Flammen durch die Tür, durch das Haus zu ihr fressen würden. Mit aufgerissenen Augen, immer noch der Hand vor dem Mund und für eine Dunmer verdammt blasse Haut ging sie zurück zu dem Stuhl, ließ sich auf diesen sinken und starrte auf die Tür, dem unvermeidlichen entgegen…


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Donnerstag, 29. August 2013, 09:04

Sie hatte einige Minuten einfach nur auf dem Stuhl gesessen und die Tür angestarrt. Ihr Verstand hatte ihr in dieser Zeit in den schillerndsten Farben ausgemalt, wie es wohl sein mochte, bei lebendigem Leib zu verbrennen. Hatte ihr vorgegaukelt, was für ein Gefühl es sein musste, wenn man spüren konnte, wie das eigene Fleisch in Flammen aufging. Als ihr Wille zu Leben sich dann begann zu weigern, diese Tatsache zu akzeptieren, hatte sie angefangen den ganzen Raum nach einem Ausweg abzusuchen.

Sie war an den Vitrinen entlang geeilt, hatte die Artefakte und Schmuckstücke herausgenommen, nur um zu sehen, ob sich dadurch vielleicht irgendeine geheime Tür öffnen würde. Nichts dergleichen war geschehen und jedes Mal hatte sie die Dinge die darin lagen voller Wut und Frustration zu Boden geworfen. Am Ende lagen unzählige Dolche, Edelsteine und Scherben auf dem Boden verstreut und zeichneten ein Bild der Verwüstung.

Als sie dann gesehen hatte, wie die Flammen langsam unter der Tür hervor züngelten, sich begannen durch das Holz zu fressen, war sie die einzelnen Bücherregale hinaufgeklettert, hatte einige von diesen umgestoßen um zu sehen, ob vielleicht ein verborgenes Fenster dahinter lag oder ob von dort oben ein Ausweg zu entdecken war, doch auch diese Hoffnung wurde enttäuscht.

Als sich der Rauch in den oberen Dachbalken zu sammeln begann, war sie auf den Gedanken gekommen, dass vielleicht unter diesem schweren Schreibtisch eine verborgene Falltür oder ein Gang liegen mochte, der ihr in die Freiheit verhelfen würde. Daraufhin hatte sie alle Kraft aufgeopfert und das schwere Möbelstück bei Seite geschoben, doch auch diese letzte Hoffnung wurde enttäuscht.

Während die ersten Ascheflocken auf sie hinab regneten, die ersten Geräusche von brechendem und ächzendem Holz zu hören waren und das Feuer die Tür und auch die ersten Balken der Wände ergriffen, war sie auf die Flammen zugetreten. Nahe genug um deren unerträgliche Hitze zu spüren, doch fern genug noch, um nicht zu verbrennen. Sie hatte dem Feuer entgegen geschrien. Ohne Zweifel vollkommen sinnlos, aber dennoch hatte sie ihren Verfolgern alles Schlechte und erdenklich Böse entgegen gebrüllt. Sie war sich sehr sicher gewesen, dass diese es nicht einmal mehr hören würden, doch irgendwie musste sie ihrer Verzweiflung und Wut freien Lauf lassen. Am Ende dann, als ihre Kehle von dem Geschrei und dem Qualm nur so brannte und ihre Stimme zu versagen begann, war sie auf die Knie gesunken und hatte sich ihrer Verzweiflung ergeben. Für Tränen hatte sie keine Kraft mehr und so war nichts weiter zu sehen gewesen, als ein verzweifeltes und verzerrtes Gesicht einer jungen Dunmer.

Der Rauch war im Verlauf immer weiter nach unten vorgedrungen, hatte sich wie eine schwarze, weiche Decke auf die zum Teil noch stehenden, zum Teil schon umgestürzten Regale gelegt. Nephelle war nichts anderes übrig geblieben, als sich auf allen Vieren durch den Raum zu bewegen um noch atmen zu können. Doch auch aus dieser Perspektive fand sie keinen Ausweg und am Ende – mit einer unerklärlichen Ruhe – hatte sie sich gefügt. Dieser Raum würde der letzte sein, den sie zu Gesicht bekommen sollte, dessen war sie sich sicher. Aber es gab noch etwas, dass sie vor ihrem baldigen Ableben tun wollte.

Im Schneidersitz saß sie in der Mitte des Raumes auf dem Boden. Die Papiere aus dem geheimen Fach hatte sie mittlerweile alle samt in ihrem Schoß gesammelt und war bereits bis zur Hälfte damit durch, die einzelnen Briefe und Dokumente zu lesen. Teilweise waren es heikle Unterlagen, die wieder auf diesen O.A. hinwiesen. Er hatte – obwohl das Abkommen es verbot – gewisse Völker an Vanikien verkauft. Es war nichts besonderes, zumal sie selbst hier im Territorium der Dres noch vor kurzem diese Sklavenkarawane gesehen hatte, doch für diesen O.A. wäre es verheerend, würde es bekannt werden. Offensichtlich war er ein Händler jeglicher Ware. Der Kunde fragte bei ihm an, bot entsprechende Summe und er – egal auf welche Weise – besorgte das gewünschte Objekt der Begierde. Während Nephelle die Zeilen gelesen hatte, war sie sich immer sicherer geworden, dass dieser Mann kein einfacher Händler war.

Er hatte sich viele Gefallen bei anderen Leuten angesammelt durch Taten, für die er keinen Preis verlangt, sondern einige Gegenleistung eingefordert hatte, sollte er diese einmal brauchen. Nephelle wusste nicht, ob sie ihn bewundern sollte für seine Gerissenheit, oder ob sie ihn verabscheuen sollte, aufgrund der Dinge die sie aus den Briefen herauslas. Doch wann immer sie einen weiteren Brief von oder an O.A. fand, steckte sie diesen in ihre Tasche.

Warum genau sie dies tat, wusste sie nicht. Vielleicht war das ihr letztes bisschen Hoffnung, welche sich ans Leben klammerte und meinte, diesen Raum doch noch irgendwie verlassen zu können. Vielleicht war es auch einfach nur der Versuch sich zu beruhigen, während die kleinen Glutfunken und Ascheflocken auf sie hinab regneten und die Sicht und das Atmen immer schwerer wurden. Irgendwann lag der Rauch so schwer im Raum, dass sie nur noch auf dem Boden liegen konnte. Das Gesicht bereits voller Ruß und Schweiß, der Atem hörbar rasselnd lag sie da und blätterte in weiteren Unterlagen, als ihr ein ganz besonderes Stück Papier ins Auge stach.

Eine Urkunde, verziert mit den für diese Dokumente üblichen Ornamenten. Der Text selbst zumeist die Einheitsfloskel, die in jedem Vertrag zu finden war, der einen Kauf abschloss. Doch das wirklich interessante daran war, dass diese Urkunde auf ein Grundstück in Balmora hinwies. Sie kannte das Haus, kannte die Urkunde. Hatte sie selbst schon in der Hand gehalten und an einen Mann, der später durch einen Pfeil im Rücken gestorben war, verkauft. Die Urkunde des Hauses ihres Vaters.

Gerade als sie die Urkunde mit einem bitteren Lächeln einstecken wollte, bemerkte sie, dass an dem Dokument noch ein weiteres Schriftstück befestigt war und betrachtete dieses dann, ein wenig verwundert, etwas genauer. Sie überflog die Zeilen und – trotz der offensichtlich aussichtslosen Lage – huschte ein Schmunzeln über ihre Lippen. Ein weiteres Mal flog ihr Blick über das Geschriebene und am Ende atmete sie einmal tief durch – auch wenn sie dies noch im selben Moment mit einem Hustenanfall bezahlen musste. Sie drückte die Urkunde an ihre Brust, nachdem sich ihre Lunge, soweit möglich, beruhigt hatte und sah sich in dem Raum um.

Über ihr waren die Rauchschwaden so dick geworden, dass man die Decke des Raumes nicht mehr erkennen konnte. Immer wieder rieselte ihr Asche und Glut entgegen. Sie wusste nicht genau ob das Dach über ihr mittlerweile Feuer gefangen hatte, oder ob der Wind von draußen die Flammen so aufwirbelte, dass diese Flocken und Funken sich bis in dieses Zimmer ausbreiteten. Ihr Blick wanderte zur Tür. Diese stand mittlerweile lichterloh in Flammen, sofern man das durch den Qualm noch erkennen konnte. Das flackernde Licht jedoch ließ deutlich darauf schließen. Die Hitze in dem doch recht großen Raum wurde schier unerträglich. Nur ein weiterer Hinweis dafür, dass das Feuer ihr immer näher kam. Zu all dem hörte sie mittlerweile viel zu oft das Knarren der Balken über sich und auch das Brechen von Holz, außerhalb des Raumes. Langsam fielen einige Teile des Hauses in sich zusammen. Wenn das Feuer es nicht vorher schaffen würde sie zu töten, dann sicher die herabfallenden, brennenden Balken, die das Dach hielten.

Sie schloss die Augen einen Moment, überlegte vermutlich, was sie noch tun konnte und dann, am Ende kroch sie über den Boden wieder auf den Schreibtisch zu. Sie wollte nicht von herabfallenden, brennenden Stücken des Daches in Flammen gesetzt werden. Der Tod durch erschlagen – dessen war sie sich sicher – war ein gnädigerer Gedanke. Und so kauerte sie sich unter dem Schreibtisch zusammen, doch so, dass Ihr Kopf noch weit genug darunter hervor schaute, sollte einer der Balken über ihr Brechen und 'günstig' fallen.

So lag sie da, eine ganze Weile. Die Beine an ihren Körper gezogen, die Urkunde des Hauses fest umklammert von beiden Händen, die Augen geschlossen. Bis das Holz des Daches über ihr verdächtig zu Knarren begann, dann ein lautes Krachen zu vernehmen war und sie in der Erwartung des Todes die Augen fest zusammen kniff…


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Mittwoch, 16. Oktober 2013, 20:16

Lange noch lag sie auf dem Boden zusammen gekauert, die Augen fest geschlossen. Auch als das Knacken verstummte, der Boden unter dem Aufschlag des schweren Balkens erzitterte öffnete sie nicht die Augen, sondern wartete auf den Schmerz, den Tod, das Danach. Sie hatte die Augen so fest zusammen gekniffen, dass Tränen ihr an den Wangen hinab liefen und eine helle Spur auf dem rußbedeckten Gesicht hinterließen. Erst das Gefühl eines leichten Luftzuges auf ihrer Haut, ließ sie einen Spalt weit die Augen öffnen.

Der Qualm war nicht verschwunden. Der Asche- und Glutregen hatte nicht aufgehört und auch die Hitze war nicht gewichen. Doch durch diesen dichten, schwarzen Schleier konnte sie etwas erkennen. Nur vage und im ersten Moment wollte ihr Verstand es nicht wirklich realisieren. Dann jedoch erkannte sie, was sie über sich sah.

Ein einzelner, kleiner Stern blinkte über ihr an dem Himmel. Langsam hatte sich in der Zeit, in der sie im Haus gewesen war der Nachthimmel ausgebreitet. War dunkler geworden und hatte all die vielen Sterne, die drei Monde und die Schönheit der Nacht preis gegeben. Und nun, da der Morgen schon bald dämmern würde, waren die Sterne langsam, nach und nach, wieder gewichen. Nur dieser eine direkt über ihr, stand noch beharrlich am Himmel und zeigte ihr die Freiheit.

Mühsam und mit rasselndem Atem zog sie sich unter dem Schreibtisch wieder hervor. Der Balken war nicht direkt über ihr zusammen gebrochen, doch hatte er sie auch nur um Haaresbreite verfehlt. Eine Hand vor den Mund und die Nase pressend, stand sie neben dem riesigen, zu recht geschnittenen Baumstamm, der einmal die Dachkonstruktion gehalten hatte und schaute an diesem entlang. Wie eine Brücke durch dunkles, nebliges Wasser stieg er bis zu den verbliebenen Dachbalken empor und bot ihr regelrecht freizügig einen Weg hinaus.

Mühsam hatte sie sich an dem Holz empor gezogen, dabei unweigerlich den schwarzen Qualm eingeatmet und war ihr dadurch für einen Moment fast schwarz vor Augen geworden. Immer noch regnete es Asche und Glutfunken, als sie über den Balken langsam empor balancierte und ihre Arme dabei weit ausstreckte um nicht zu fallen. Sie hatten den Bogen ihres Vaters in die Hand genommen um das Gleichgewicht besser halten und für alle Fälle gerüstet zu sein. Als sie den dichten, dunklen Neben hinter sich gelassen hatte, konnte sie sehen, dass der Wind es war, der die Asche und die Glut umher wirbelte, nicht etwa das brennende Dach direkt über ihr, wie sie es zuerst vermutet hatte.

Am Ende des Dachbalkens stand sie etwa auf Höhe des zweiten Stockwerkes des Hauses. Der Weg hinab war recht weit, doch nachdem sie dem Tod heute schon mehr als einmal ins Auge geblickt hatte, schreckte sie auch hiervor nicht mehr zurück. Sie schulterte den Bogen, drehte sich, ließ sich langsam an der Kante des Balkens hinab und als sie mit voller Körperlänge an diesem hing, ließ sie sich einfach fallen, rollte ab und lag einen Moment vollkommen regungslos im Gras, dem Himmel entgegen starrend.

‚Glück. Reines, pures Glück. Der Balken hätte auch anders brechen können. Ich hätte tot sein können, genau jetzt in diesem Moment.‘ Tausend Bilder die ihr bei diesen Gedanken durch den Kopf gingen. Ihr Vater, der in ihrer Vorstellung die Hand über ihr hielt. Ihre Mutter, die ihr den Wind ins Gesicht gepustet hatte, um sie aufblicken zu lassen. Ihr Onkle mit seinen mahnenden Worten, dass diese Reise gefährlich werden würde.

Gerade wollte sie sich auf die Seite drehen, die Beine anziehen und wieder dem Schockzustand verfallen, als sie das Geschrei und Gewinsel einiger Frauen und Kinder und das wilde Rufen von Männern vernehmen konnte. Sofort spannte sich ihr Körper wieder an, pumpte das Herz wieder das Adrenalin durch ihre Adern und machte so alle ihre Sinne scharf. Es war noch nicht vorbei.

Mühsam und sichtlich gequält kämpfte sie sich auf alle Viere. Ihr rechter Knöchel schmerzte beim Auftreten und somit beließ sie es erst einmal dabei, über den Rasen zu krabbeln, anstatt zu gehen. Vermutlich hatte sie sich bei dem Fall den Fuß verknackst, eventuell würde sie eine Schiene für ihren Knöchel brauchen. Vielleicht würde der Schmerz auch schnell wieder verschwinden, doch erst einmal wollte sie sehen, woher die Geräusche kamen.



Vorsichtig und äußerst leise kroch sie an die Hausecke heran, die noch nicht vom Feuer ergriffen war. Nichts war zu sehen. Sie machte eine Kehrtwende, kroch zur anderen, unversehrten Ecke und blickte mit Entsetzen zu der Baracke der Sklaven. Auch diese stand lichterloh in Flammen. Ein rascher Blick über das Gelände das sie zu überwinden hatte, wenn sie zu dem großen Tor der Sklavenunterkunft wollte. Niemand war zu sehen. Vermutlich waren sich die beiden Nord sicher, dass sie dieses Mal ihre Aufgabe erfüllt hatten. Sie waren ja auch nur sehr knapp an ihrem Ziel vorbei gerauscht.

Mühsam hatte Nephelle sich aufgerichtet und war von einem stechenden Schmerz durchzuckt worden, als sie versuchte, den verletzten Fuß zu nutzen. Nichts desto trotz humpelte sie über den Trampelpfad hinüber zu der Baracke. Das Feuer war von außen gelegt worden. Das provisorische Strohdach brannte bereits lichterloh und sicherlich regnete es hier ebenso sehr Funken und Asche in das Innere des großen Gebäudes, wie es in dem Arbeitszimmer der Fall gewesen war. Vielleicht sogar schlimmer.

An der großen Holztür der Baracke angekommen, musste sie feststellen, dass diese mit einer schweren Kette samt Eisenschloss verriegelt war. Alles Rütteln half nicht und Verzweiflung und Wut stieg in ihr auf. Sie konnte das Trommeln und Brüllen der Männer und Frauen auf der anderen Seite der Tür hören. „Ich suche nach einem anderen Weg, bitte, gebt nicht auf!“ So schnell es ihr Fuß zuließ rannte sie um das Gebäude herum, doch auch dieses hatte weder Fenster, noch eine zweite Tür, die man als Ausgang hätte nutzen können. Nichts war in der Nähe, um es als Rammbock nutzen zu können und der Schlüssel für die Tür hatte sicher in dem mittlerweile vollkommen zerstörten Haupthaus gelegen.

Sie eilte wieder zurück zu dem großen Eingangstor und hämmerte von außen gegen das Holz. „Könnt ihr mich hören? Bitte, stemmt euch gegen die Türen, alle zusammen.“ Einen Moment vernahm sie keine Antwort, dann hörte sie, wie ein kräftiger Ruck, ein lautes Poltern gegen die Tür erfolgte. Doch darauf geschah nichts. Mit beiden Händen umfasste sie die Griffe, um welche die schwere Kette gebunden worden war und versuchte daran zu zerren. Sie spürte wieder den Schmerz des Knöchels doch ignorierte ihn, als sie mit aller Kraft daran zerrte. ‚Vielleicht geben die Schrauben nach. Oh, bitte, bitte!‘ Ein weiterer Ruck von der anderen Seite der Tür und man hörte ein Stück Holz brechen, Geschrei das folgte. Dann, nach einem Moment in dem sie nur vollkommen fassungslos auf die Tür der Baracke starrte hörte man ein weiteres, dieses Mal weitaus schwereres Stück Holz brechen und Ohrenzerreißendes Gieren von den Wesen, die sich hinter dem Tor befanden.

Nephelle hämmerte gegen das Tor, schrie den Leuten entgegen, doch keine Reaktion erfolgte mehr. Nur das Geschrei der Frauen, Kinder und Männer auf der anderen Seite. Ein Todeskampf und sie konnte nur tatenlos zuhören, beendete das Klopfen erst, als auch die letzten Schreie verstummt waren und das Tor Feuer fing. Widerwillig humpelte sie von der Baracke weg, starrte in das Feuer, während auch dieses Gebäude von den Flammen verschlungen wurde.

Irgendwann sackte sie auf die Knie, legte sich auf die Seite und verfiel für eine lange Zeit in einen fast apathischen Zustand. So viel Tod, so viel Leid, so viel Elend in nur einer einzigen Nacht. Kein Verstand konnte diese Dinge ohne weiteres hinnehmen….


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26

Dienstag, 17. Dezember 2013, 15:23

Ich weiß heute nicht mehr, wie lange ich dort gelegen habe. Irgendwann war es hell geworden, war die Sonne über den Himmel gewandert. Doch noch bevor sie wieder versunken war, hatte ich stimmen von der anderen Seite der verkohlten Ruine des Haupthauses vernommen. Gebrüll, das brechen von verbranntem Holz und Schritte die sich durch die Asche bewegten. Vielleicht auf der vergeblichen Suche nach Überlebenden… oder … nach mir.

Irgendwo in den Tiefen der Gruft konnte man das stete Tropfen von Flüssigkeit hören, dass fast schon rhythmisch auf den Steinboden fiel. Die Hände der Dunmer hatten bei der Erzählung zu zittern begonnen. Und nur um sich selbst nicht eingestehen zu müssen, diese Nacht immer noch nicht ganz überwunden zu haben, hatte sie die Arme vor der Brust verschränkt und die Hände unter ihren Axeln eingeklemmt. Sie wollte nicht zittern, wollte nicht noch immer so schwach wirken, wie sie es in dieser Nacht gewesen war. Wie ein Tiger ging sie vor der Grabnische ihrer Eltern auf und ab, den Blick stur auf den Boden gerichtet.

Ich habe diese Kinder schreien hören. Ich weiß nicht, ob es Nord, Khajiit oder Argonier waren, die dort starben, vielleicht waren es auch einige unseres eigenen Volkes… Wieder ein kurzer, stiller Moment. Ich weiß nur, dass ich in meinem gesamten Leben noch nie solche Schreie gehört habe wie in dieser Nacht. Auch das Geschrei von Fendros werde ich niemals vergessen. Er hat versucht sich in dieser Nacht an mir zu vergehen und ich finde, dass sein Ende nur gerechtfertigt ist bei allem, was ich noch in diesem Brief gelesen habe… Wieder ein Moment Stille, dann hob sie den Blick und sah ihrem Vater in das durch die Verwesung langsam in sich zusammen fallende Gesicht. Ja, auch ich bin nicht mehr ohne Schuld. Ich habe schlimme Dinge getan und mir sicherlich einige Feinde gemacht noch bevor ich von dieser Reise wiederkam, doch so ein Monstrum war ich nie. Niemals hätte ich ein Lebewesen in einen Käfig gesperrt und bei lebendigem Leibe verbrannt. Diese Art zu sterben hatten diese Sklaven nicht verdient. Keiner von ihnen. Am allerwenigsten die Kinder!

Ihre Stimme war lauter geworden. Die letzten Worte hallten durch die Gänge nach, während die Dunmer ihren Blick wieder auf den Boden senkte und versuchte die Erinnerung und die aufkommenden Wuttränen zu verdrängen.

Nachdem ich diese Stimmen, die Leute hörte, habe ich mich aufgerafft und bin in den Wald gerannt, der sich hinter dem Haus befand. Mein Knöchel war verstaucht, ich hatte schwere Blutergüsse im Gesicht von Fendros Faustschlägen und einer meiner Zähne war lose. Nicht zuletzt war auch meine Ehre, mein Stolz und mein Glaube in mich selbst und die Welt um mich herum schwer verletzt worden.

Sie drehte sich herum, wandte ihren Eltern ihren Rücken zu und starrte in eine der anderen Grabnischen, in denen ihr unbekannte Gebeine lagen. Sie betrachtete die zum Teil vergilbten Knochen, blickte in die Löcher, die einst die Augen dieser Mer beherbergt hatten.

Ich habe Wochen im Wald verbracht. Habe mich versteckt, immer wieder Fallen aufgestellt und mich von gerösteten Tieren und Beeren ernährt. Mein Knöchel war schnell verheilt, ebenso auch die blauen Flecken. Und auch der Zahn blieb mir erhalten. Nicht einmal eine schiefe Nase oder Narben habe ich davon getragen, jedenfalls nicht auf meinem Körper. Sie ließ den Kopf hängen, starrte auf den Boden und driftete langsam mit ihren Gedanken davon. Immer wenn ich in diesem Wald, in meiner Höhle kauernd, irgendwelche Stimmen hörte, löschte ich das Feuer. Ich versteckte mich in der Dunkelheit. Mehr als die Angst vor der Dunkelheit und den Tieren, die des Nachts aus den Löchern gekrochen kamen um zu jagen, hatte ich Angst vor den Dingen, die sich Kreaturen wie wir – Dunmer, Nord, Argonier, Kaiserliche, Bretonen, sie alle samt – antun konnten.

Sie drehte sich wieder herum, starrte ihrem Vater ins Gesicht, trat dann nach und nach auf ihn zu ehe sie sich zu ihm hinab beugte und mit flüsternder Stimme zu sprechen begann. Eins habe ich in dieser Nacht gelernt. Wir, die wir uns zivilisiert nennen, sind schlimmer als die Tiere. Sind schlimmer als die meisten anderen Kreaturen dort draußen. Sie atmete einmal tief ein, roch den süßlichen und verfaulten Duft der Verwesung gemischt mit den Ölen und Kräutern der Balsamierungsflüssigkeit, welcher von ihrem Vater ausging. Dann richtete sie sich auf, streckte einen Arm aus und deutete demonstrativ in die Richtung, in der man die Gruft verließ. In dieser Höhle habe ich mich mehr als einmal gefragt, was ich nun tun soll. Zurück kriechen zu meinem Onkel, die Suche nach deinem Mörder aufgeben und vergessen was geschehen ist, um in mein gewohntes Leben zurück zu kehren? Konnte ich das? WOLLTE ich das? Sie ließ den Arm wieder sinken, wandte den Blick in jene Richtung, in die sie zuvor gezeigt hatte. Im Laufe dieser Zeit in dieser Höhle, in diesem Dreck … da ist etwas passiert. Kurze Stille. Nein, nicht erst in dieser Höhle, schon in der Nacht. Sie hob ihre Hände an wenig, richtete den Blick auf diese und wieder begannen sie zu zittern. Ich hatte sein Gedärm in meiner Hand. Ich habe ihn leiden lassen, habe ihn schreien lassen. Vater! Sie richtete den Blick wieder auf das Gesicht ihres Vater, hob ihre Hände ein wenig, als würde sie versuchen sich selbst zu erklären, sich zu rechtfertigen, auch wenn dies ihren Worten zum Teil widersprach. Ich habe es GENOSSEN! Ich habe ihn nicht selbst getötet, aber ich habe ihn leiden sehen und es genossen… Was für eine Frau muss ich sein um das zu tun? Um so zu fühlen?

Sie sackte auf die Knie, schwieg eine Weile und ließ die Bilder dieser Nacht, ihrer Tat, immer und immer wieder vor ihrem Inneren Auge vorbei ziehen. Versuchte sich auch nun noch zu erklären, was mit ihrem Verstand geschehen war.

Sie war als unschuldige, junge Frau in diese Welt hinaus gegangen. Sie hatte keine Ahnung davon gehabt, was sie erleben würde auf dieser Reise. Hatte sich vielleicht alles ein wenig zu einfach vorgestellt. Doch egal wie naiv ihre Vorstellungen von einem solchen Rachefeldzug auch gewesen sein mochten, niemals hätte sie sich erträumen lassen, so viel Tod und Blut zu sehen. Nie mehr würde sie die Schreie der Sklaven vergessen oder das Gieren von Fenros, das eher einem gequälten und leidenden Tier hätte angehören können, als einem Dunmer. Sie war als frohe, vielleicht etwas zu naive Dunmer in diese Welt gezogen und als raue, gebrochene und abgestumpfte Frau zurück gekehrt. Doch das schlimmste, das sie sich selbst eingestehen musste war, dass sie selbst zu dem geworden war, was sie zu Beginn ihrer Reise hatte jagen wollen.

Als sie wieder zu sprechen gebann, klang ihre Stimme müde und fahrig. Immer noch wirkte sie, als wäre ein Stück von ihr in dieser Höhle, so leer wie ihr Blick auf den Boden gerichtet war und so schlaff wie ihre Arme an ihrem Körper hinab hingen.

Irgendwann in diesen Wochen in der Höhle habe ich mir vorgenommen, meine Reise nicht zu beenden. Ich habe versucht mir selbst zu erklären, was mit mir bis zu diesem Punkt geschehen war. Doch das kann ich bis heute nicht wirklich. Dinge verändern sich, Leute verändern sich. Die Welt verändert sich jeden Tag. Ich bin auch nur ein Teil dieser Veränderung. Ein weiterer tiefer Atemzug der Dunmer, dann richtete sie sich auf, straffte ihre Haltung und sah mit wieder klarem Blick in das Gesicht ihres Vaters.

Diese Männer die mich verfolgt hatten … ich hatte eine Spur von ihnen. Und ich hatte zwei Buchstaben. Das musste reichen um mich in Himmelsrand nach ihnen zu erkundigen. Ich wollte ihnen folgen. Niemand hatte mich in dieser Zeit noch gesucht. Auf dieser Plantage hatte keiner überlebt, also konnte auch niemand von mir berichten. Sicherlich hatten sie mittlerweile ihre Heimreise angetreten und ich nahm mir vor sie zu finden. Ich wollte diese beiden Männer tot sehen. Nicht wegen dem was sie Fendros Familie angetan hatten, nicht weil sie versucht hatten mich zu töten, sondern weil nur sie wussten, wer O.A. war...

~ . . . ~


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Dienstag, 17. Dezember 2013, 22:16

Der Marsch an die Grenze von Himmelsrand war ereignislos verlaufen. Hin und wieder war sie einigen Dunmer entlang der Straße begegnet, hatte den Blick abgewandt und ihre gesamte Haltung gestrafft. In ihrem Innersten kämpfte sie immer noch mit der Angst, ein weiteres Mal Opfer eines Mannes werden zu können. Doch jeden Tag den sie in der Wildnis überlebte, sich immer wieder dazu entschied die Dörfer und Gemeinschaften zu meiden, an denen sie entlang kam, desto mehr wuchs ihr Glaube in ihre Fähigkeiten. Auch vor dieser Reise war sie nie schlecht mit dem Bogen gewesen. Nun jedoch, wo sie von dem was sie erlegte leben musste, wurde sie umso besser.

Je weiter sie gen Norden gewandert war und je kälter die Luft wurde, desto sicherer fühlte sie sich wieder und irgendwann war sie in der Lage den Männern die ihr begegneten wieder in die Augen zu blicken. Sie starrte sie so lange an, bis diese von sich aus den Blick von ihr nahmen und auf die Straße hinab senkten. Anfangs noch stolz über diese Reaktion wurde es irgendwann zur Gewohnheit.

Als die Kälte unerträglich durch das mittlerweile abgenutzte Leder ihrer Rüstung kroch, musste sie in einem der Dörfer halt machen. Noch befand sie sich nicht in den wirklich tief verschneiten Gebieten der Nordmänner und sie hatte nur Geschichten über das Land, den Schnee der dort an einigen Orten ständig zu fallen schien und die Nord gehört. Einige hatte sie schon zu Gesicht bekommen, doch nie war sie in deren Land gewandert. Sie wusste nicht wie kalt und rau das Wetter werden konnte. Doch ihr reichte bereits der Wind der ihr hier an den Berghängen entgegen schlug. Bald würde sie den Pass erreichen, der sie in das Gebiet der Nord führen sollte und sie wusste, dass sie bis dahin ihre Rüstung, ihre Pfeile und auch ihr Gepäck aufgebessert haben musste.

Der Händler des kleinen Dorfes in dem sie eingekehrt war, hatte nicht viel zu bieten. Ständig fragte der schon recht betagte Mann sie, wohin ihre Reisen denn führen sollte. Nephelle jedoch schwieg beharrlich und versuchte auch ihn mit ihrem Blick verstummen zu lassen. Der Erfolg blieb jedoch bis zu ihrem Verlassen des Ladens aus.

Mit einer rotbraunen Lederrüstung, einem fellbesetzten, dunklen Kapuzenumhang, einem in eine Wolldecke, eingerolltem Fell und einer guten Menge an Pfeilen war sie in das Gasthaus eingetreten. Sie wusste nicht, ob es in Himmelsrand viele Wildtiere gab die man erlegen konnte. Eigentlich wusste sie so gut wie nichts. Sie hatte zwei Gesichter, zwei Buchstaben und ein Land in das sie reisen wollte. Hin und wieder kam ihr der Gedanke, während der Wirt ihre Bestellliste in einen Sack packte, dass sie diese ganze Sache aufgeben sollte. Wie hoch waren schon die Chancen, dass sie diese beiden Nord finden würde? Geschweige denn dass sie erfahren würde, wer dieser O.A. eigentlich war?

Doch jedes Mal wenn sie in den vergangenen Tagen zu zweifeln begonnen hatte, erinnerte sie sich an das Gefühl, als sie in der Höhle noch einmal in aller Ruhe den Brief gelesen hatte, der an der Urkunde ihres Hauses befestigt gewesen war. Die Erleichterung, die sich mit jedem Wort, jeder Zeile in ihr ausgebreitet hatte, bereits als sie den Text in dem brennenden Haus gelesen hatte. Einmal, als sie wieder die Zeilen gelesen hatte, war sie in unerklärliches, lautes Gelächter verfallen, hatte wieder den Brief an ihre Brust gedrückt und sicherlich einige Momente still in sich gelacht.

Werter Gerwulf,

wie ist es Euch seit unserem letzten Treffen ergangen? Sitzt Ihr immer noch jeden Abend in dieser „Trauernden Jungfer“ und genießt den Met, den Ihr mir verzweifelt versucht habt schmackhaft zu machen?

Ich danke Euch für die Hilfe durch Eure Männer bei dieser etwas leidvollen Angelegenheit und bedaure Euch mit dieser Sache belästigt zu haben. Jedoch durfte man nicht darauf schließen können, dass dies von unseren gemeinsamen Freund ausging. Welch glückliche Fügung, dass Eure Männer gerade in Morrowind auf der Durchreise waren.

Seht den Beutel mit Gold als Entschädigung für die Unannehmlichkeiten an und genießt einen rauschenden Abend mit Met, Weib und Gesang.

Ehrenvolle Grüße,

Vanikien Adlaron

Ein Brief der nie sein Ziel erreicht hatte. Nephelle ahnte bereits, dass der eigentliche Grund für den Aufenthalt dieser Männer in Morrowind sicherlich nicht die „Durchreise“ gewesen war. Sicherlich war dieser „gemeinsame Freund“ so vorrausschauend gewesen sich aller Zeugen zu entledigen. Und zu diesen hatte sie selbst nach dem Abend in der Taverne mit diesen Halunken auch gehört. Wer würde schon einen Dunmer verdächtigen, wenn zwei Nord in ein Gasthaus stürmten, alle Anwesenden umbrachten und am Ende ohne wirkliche Zeugen wieder verschwanden? Ein Dunmer hätte sich im Zweifelsfall wohl an die eigenen Leute gewandt, nicht wahr?

Dieser Mann war gerissen und wusste seine Spuren zu verschleiern. Wenn Vanikien noch am selben Tag die Urkunde und den Brief abgeschickt hätte, wäre jede Spur verloren gewesen und sie hätte bis jetzt nicht einmal gewusst, was ihr nächstes Ziel in Himmelsrand hätte sein sollen. Doch so wusste sie zumindest zwei Namen. Gerwulf und „Trauernde Jungfer“. Es war nicht viel, dessen war sie sich bewusst. Sicherlich gab es mehr als einen Gerwulf in Himmelsrand und die „Trauernde Jungfer“ konnte eine Taverne, eine Schmugglerhöhle oder im schlimmsten Fall auch tatsächliche eine Person sein. Doch es war ein Anfang. Ein leiser Schimmer der Hoffnung in einer ansonsten recht vernebelten und immer noch undurchsichtigen Geschichte.

Nephelle blinzelte einige Male, nachdem der Wirt des Gasthauses den Sack mit Vorräten auf den Tresen warf. Wieder war sie in ihren Gedanken abgedriftet. Mit einem knappen Nicken und einer raschen Bewegung hatte sie dem Mann einige Münzen auf den Tresen gelegt, ihren Sack gegriffen und war aus dem Gasthaus gewandert. Sie wollte nicht zu lange an diesem Ort bleiben, wollte nicht unnötig viele Spuren hinterlassen. Himmelsrand wartete darauf von ihr nach Gerwulf und der Trauernden Jungfer durchsucht zu werden. Wer wusste schon, wie lange diese Suche dauern würde…


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Jiraken Venim (18.12.2013)

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Mittwoch, 8. Januar 2014, 22:12

Der Wind blies ihr mit schneidender Kälte die Schneeflocken ins Gesicht. Überall an dem Fellkragen waren bereits kleine Eiskristalle zu dickeren Brocken verschmolzen und wieder gefroren. Schon einige Tage war sie in dieser unwirtlichen Gegend unterwegs, froh über jedes Gasthaus das ihr in den eisigen Wäldern Zuflucht bot. Auch heute würde sie wieder eines aufsuchen, sofern sie noch vor der Dunkelheit ein Licht in der Ferne ausmachen konnte.

Als sie den ersten Schnee gesehen hatte, das erste Mal in ihrem Leben, war sie noch wie ein kleines Mädchen stehen geblieben, hatte zum wolkenverhangenen Grau empor geschaut und versucht eine der Flocken auf ihrer Zunge landen zu lassen. Das weiche und zugleich kalte Gefühl auf der Haut hatte sie zutiefst fasziniert. Sie kannte den Anblick, Flocken vom Himmel regneten, doch nicht etwa weiß, sondern grau bis schwarz waren diese Flocken, die sich dann auf die Erde legten. Hier jedoch wusste sie, dass dieser Schnee schmelzen würde, sobald er ihre Haut berührte. Lange war sie stehen geblieben, hatte den Anblick und das Gefühl genossen. Später dann, als der Schnee tiefer wurde und auch den Weg bedeckte auf dem sie ging, hatte sie jeden Schritt bewusst getan um das Gefühl unter ihren Füßen nie mehr zu vergessen. Das Knirschen, welches mit jedem Schritt einher ging war wie ein Kribbeln, das tief in ihr Ohr drang und dort dann ihren Verstand sanft berührte.

Erst nach einigen Stunden des Gehens spürte sie wie die Kälte langsam durch das mittlerweile durchnässte Leder in ihre Füße kroch. Anfangs tat es noch weh, schmerzte es irgendwann auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen, doch nach einer weiteren Stunde spürte sie ihre Füße kaum mehr. Wusste nur durch den Schmerz der sich ausbreitete, wenn sie ihre Zehen bewegte, dass sie noch da waren.

Das war der erste Tag gewesen, an dem sie mehr als erfreut darüber war ein Gasthaus am Wegesrand zu finden. Auch wenn ihr kein sonderlich freundlicher Empfang gemacht wurde, so gab es in dem Haus einen Kamin, ein Bett und vor allem anderen keinen Wind.

Der Umhang den sie sich noch vor der Reise gekauft hatte war zwar nett, aber nicht wärmend genug um den Wind der immer wieder durch irgendeine Drehung darunter kriechen konnte. Ein wenig hatte sie das Gefühl, als wolle man sie prüfen. Doch mochte das auch nur Einbildung sein. Dennoch hatte sie hart mit ihrem Willen zu kämpfen noch tiefer in dieses Land vorzudringen. Wer wusste schon, wie unerbittlich kalt es noch weiter im Norden werden würde. Sie konnte sich nicht begreiflich machen, wieso die Nord freiwillig in dieser Eisöde lebten.

Die Dämmerung legte sich schon langsam über die Berge. Der Blick hinab in das Tal, das sie die ganze Zeit über zu ihrer Linken hatte war einladend. Weniger Schnee, Bäume die aussahen, als würden sie Blätter und nicht nur Nadeln tragen. Doch der erste Gastwirt, den sie nach der „Trauernden Jungfer“ gefragt hatte, hatte ihr versichert, dass sie immer weiter Richtung Norden gehen musste, nicht in das Tal. Nur auf den Bergpässen sollte sie sich weiter voran bewegen. Hin und wieder kam ihr der Gedanke, dass man sie nur auf den Arm nehmen und einen grausamen und eventuell tödlichen Streich mit ihr spielen wollte.

Während die Dämmerung sich langsam in Dunkelheit verwandelte sah sie wieder hinab in das Tal. Dort unten gab es offensichtlich so etwas wie eine Stadt oder ein Dorf. Zahlreiche Lichter waren aus der Ferne zu erkennen und immer mehr sehnte sie sich nach einem Pfad, der sie links hinab führen würde. Der Wind blies ihr unablässig ins Gesicht und während sie sich vergebens nach diesem Pfad umsah, entdeckte sie einen kleinen, kaum wahrnehmbaren Lichtschein in einer der Felsnischen.

Je näher sie kam, desto besser konnte sie erkennen, dass es sich bei dem Lichtschein um eine an einem Stock aufgehängte Laterne handelte. Zu ihrem Glück war es mittlerweile fast gänzlich dunkel und hier in den Bergen konnte man die Hand kaum noch vor Augen sehen. Nur wenn der Mond hoch und voll genug war, warf der Schnee genügend Licht zurück.

Sie hatte diese Art von Laterne vor ein paar Tagen bereits einmal gesehen. In der Hoffnung es wäre ein Gasthof, war sie ohne misstrauen darauf zu gegangen und nur das Unglück eines anderen Reisen hatte sie überleben lassen. In dieser Nacht war er es gewesen, der von den dort hausenden Banditen ermordet und ausgeraubt worden war, nicht sie. Der Tod des Mannes hatte sie weniger bestürzt als die Tatsache, dass auch sie es hätte sein können. Diese Erinnerung nun ließ sie in die Hocke und hinter einem Baum in Deckung gehen.


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Dienstag, 14. Januar 2014, 09:33

Ohne Unterlass wehte es heftig und eiskalt über den Bergpass, während sie hinter diesem Baum hockte und verzweifelt versuchte zu erkennen, ob sich bei der Laterne irgendwelche Banditen befanden. Der Schnee machte es nur noch schwerer in dieser Dunkelheit wirklich etwas erkennen zu können. Schatten waren zu sehen, die sich immer wieder hin und her bewegten, doch es hätten genauso gut die Schatten der Bäume sein können, die im Wind wehten, oder aber doch irgendwelche Männer, die im Schein der Laterne auf und ab gingen um den Eingang zu einem Versteck zu bewachen. Der Wind wurde noch schneidender und Nephelle war sich sicher, das heute Nacht ein heftiger Schneesturm über die Berge hinweg ziehen würde. Sie konnte sich von hier aus im Schutz der Bäume weiter den Weg entlang schleichen um einem eventuellen Kampf aus dem Weg zu gehen, doch das wäre vermutlich ihr tot. Ohne Schutz und bei dem heftigen Wind würde sie bald die Kraft verlieren noch weiter zu gehen und nichts konnte ihr garantieren, dass sie auf diesem Pfad bald eine Taverne oder auch nur irgendeine Höhle finden würde die Schutz bieten konnte.

Während sie mit zusammen gekniffenen Augen zum Lichtschein hinüber starrte zurrte sie ihre Kapuze fester um ihren Kopf und befestigte sie so, dass sie von dem Wind kaum mehr in ihr Gesicht gestoßen werden konnte. Sie zitterte und fror bis auf die Knochen. Diese Höhle dort bot eine Zuflucht, aber nur, wenn sie sich zusammen riss und einen sicheren Weg hinein finden würde.

Mit einem tiefen Atemzug fällte sie eine Entscheidung. Ihre Hand wanderte zu ihrem Rücken und sie löste den Bogen, zog ebenso einen Pfeil aus dem Köcher. Vermutlich würde sie nichts treffen und vermutlich wäre es die Verschwendung eines Pfeils, doch so konnte sie dann wenigstens sicher sein. Mit aller Kraft, die ihr durch die Kälte noch zur Verfügung stand spannte sie den Bogen, hielt einen Moment die Sehne straff und kurz darauf war das Geräusch eines Pfeils der auf Felsen schlug zu hören, gedämpft nur von dem ständigen Zischen des Windes. Doch kaum hatte Nephelle das Geräusch vage vernommen, hörte sie Stimmen, das Scharren eines Schwertes das aus seiner Scheide gezogen wurde.

Sie senkte den Bogen, versuchte wieder durch den Schneesturm und die Dunkelheit hinweg zu erkennen, wohin sich die Stimmen bewegten, versuchte zu lauschen wohin die Schritte sich bewegten, doch durch den Sturm und trotz der Kapuze über den Ohren, die das Geräusch dämpfte, konnte sie weder etwas sehen, noch hören. Sie sprintete einige Schritte vorwärts auf die Laterne zu, immer in leicht geduckter Haltung um so unauffällig wie möglich in der Dunkelheit zu bleiben. Hinter einem Felsen, der nur wenige Meter entfernt von der Laterne war ging sie wieder in Deckung und wartete. Es dauerte einen Moment, doch dann:

„Das war sicher nur ein Fuchs, jetzt mach dir nicht in die Hosen, du Idiot.“
„Ach, und seit wann klingen Füchse so?“
„Es is‘ windig, verdammt noch mal! Hör auf zu fantasieren. Schlimm genug, dass wir hier draußen Wache halten müssen. Scheiß Wetter.“ Das Geräusch eines Schwertes, das in die Scheide zurück geschoben wurde.
„Das Wetter macht mir weniger Sorgen, als die mondlose Nacht. Man sieht ja kaum die Hand vor Augen. Wann kommt denn unsere Ablösung?“
„Keine Ahnung, die haben sich drinnen sicher die Birne dicht gesoffen und uns vergessen.“ Ein Murren.
„Soll ich mal nachsehen gehen?“
„Vergiss es, nachher kommst du auch nicht wieder und ich steh hier Stunden lang alleine rum. Ich geh.“
„Na gut…“ Ein frustriertes Brummen.
„Tja, is‘ immer scheiße, wenn man der Neue is‘.“ Ein Lachen das langsam leiser wurde, ehe man eine Holztür zuschlagen hörte.

‚Nur noch einer…‘ ging es ihr durch den Sinn, während sie mit dem Rücken an den Fels gelehnt in Deckung hockte. Langsam drehte sie sich hinter dem Felsen herum, erhob sich ein Stück weit und linste über dessen obere Kante hinweg zu der Laterne. Ein einzelner, noch recht jung wirkender Nord. Sie war nun dichter an der Laterne und konnte mehr erkennen als zuvor. Der junge Mann hatte ein einfaches Schwert an seinem Gürtel befestigt, trug eine ähnliche Rüstung wie die Dunmer selbst. Jedoch hatte er weder einen Mantel noch einen Helm um. Ein heftiger Windstoß blies Nephelle ins Gesicht und ließ sie schnell wieder in Deckung gehen. ‚Gegen den Wind.‘ Ihre Augen huschten zu ihrem Bogen, welchen sie immer noch in der Hand hielt und zögerte einen Moment. Dann jedoch erhob sie sich aus ihrer Deckung erneut. Ein weiterer Pfeil wurde von ihr aus dem Köcher gezogen und an die Sehne gelegt. Ein schweres Schlucken. Eine kurze Erinnerung…

Ein junges Mädchen schüttelte so sehr den Kopf, dass der lange, rote Pferdeschwanz immer wieder von links und rechts in ihr eigenes Gesicht geschlagen wurde. „Ich will aber nicht!“ Ihr Vater hielt ihr weiterhin seinen Bogen entgegen. Sie standen mitten in einem Wald.
„Nephelle, bitte. Es ist wichtig das du auch das lernst.“
„Aber Vater, es hat mir doch nichts getan…“
„Aber es gehört zu unserer Arbeit. Wie sonst sollen wir überleben, wenn ich nicht diese Felle verkaufe?“
„Aber es ist nicht richtig andere Lebewesen zu töten, nur damit wir was zu Essen auf dem Tisch haben.“
„Und deine Kleidung? Wie sollte ich die bezahlen, wenn ich nicht regelmäßig neues Leder heranschaffe oder Fleisch an die Händler verkaufe.“
Das Mädchen schwieg einen Moment.
„Nephelle.“ Die Stimme des Vaters wurde sanfter, blieb jedoch bestimmend dabei. „Irgendwann muss ich nicht mehr jagen, dann habe ich genug zusammen um ohne das alles Handel zu treiben, aber noch ist es nicht so weit.“
„Und warum muss ich dabei zusehen, selbst ein Reh erlegen?“
„Dachtest du, du würdest immer und immer nur auf Zielscheiben schießen, dein Leben lang?“
Wieder schwieg das Mädchen.
„Irgendwann wird es dir nützlich sein. Und nur so wirst du verstehen, was notwendig ist, um in dieser Welt zu überleben. Bitte jetzt.“
Noch einmal deutete er an ihr den Bogen zu reichen, ließ ihr dabei einen Moment Zeit und sah ihr zu, wie sie verächtlich den Bogen anstarrte, dann jedoch danach griff.
„Du musst ruhig atmen. Lass dir Zeit bei deinem Schuss. Es wird nicht wegrennen.“ Er kniete sich seitlich neben sie, so dass er ihr über die Schulter des ausgestreckten Armes sehen konnte. „Es weiß nicht, dass du hier bist.“ Ein Moment der stille kehrte ein, während der Vater seiner Tochter beim Atmen lauschte. „Atme aus, langsam und ruhig, und lass los…“ Noch zwei weitere Atemzüge, dann ließ das Mädchen den Pfeil von der Sehne schnellen und starrte ihm gebannt hinterher, ehe in der Ferne das Reh ein schmerzverzerrtes Gieren von sich gab und dann leblos zu Boden sackte.
„Ich habe getroffen!“, jubelte das Mädchen einen Moment, ehe sie sich wieder bewusst wurde was sie getan hatte. „Ich habe getroffen…“, meinte sie dann und senkte den Blick, der sofort durch einen Finger ihres Vaters unter ihrem Kinn wieder angehoben wurde. „Schäm dich nicht dafür. Das wird nicht das letzte Mal gewesen sein.“

Ein tiefer Atemzug, dann spannte sie den Bogen, schloss dabei die Augen. ‚Das wird nicht das letzte Mal gewesen sein‘, hallte es in ihrem Kopf noch nach. ‚Der Wind wird den Pfeil verlangsamen.‘ Sie spannte den Bogen noch fester, mit aller Kraft. Ihr rechter Oberarm schmerzte, ebenso wie die Finger mit denen sie die Sehne hielt. ‚Tief einatmen, langsam ausatmen…‘ Langsam ließ sie die Luft aus ihren Lungen entweichen, so ruhig sie nur konnte. Ihre Finger lösten sich von der Sehne, der Pfeil schnellte davon. Nur ein Moment, ein Lidschlag lang flog das Geschoss, ehe es dem jungen Mann den Schädel durchbohrte und dieser leblos zu Boden fiel. ‚Ich habe getroffen!‘ Einen kurzen Atemzug lang stand die Dunmer nur da und hatte das Gefühl, dass eine Ewigkeit verging, bis der leblose Mann zu Boden gefallen war. ‚Ich habe getroffen…‘ Ein Kopfschütteln, dann klemmte sie den Bogen wieder an ihren Rücken, rannte um den Felsen herum und holte die Leiche des Mannes, zerrte ihn an seinen Armen von dem Eingang weg und schob ihn in die dunkle Ecke hinter dem Felsen…


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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Nita« (14. Januar 2014, 09:47)


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Mittwoch, 19. Februar 2014, 09:49

Ihr eisiger Atem verwehte schnell, selbst hier im Windschutz des Felsens. Immer wieder drehte der Wind leicht die Richtung, nur um dann wieder mit voller Gewalt von der anderen Seite zu blasen. Die kleinen Wölkchen, die sich immer wieder schnell und stoßweise vor ihren Lippen bildeten verhinderten ebenso wenig wie das Dunkel der Nacht, dass sie das Gesicht des Nord betrachten konnte.

Ein junger Mann. Vielleicht hatte er gerade sein fünfundzwanzigstes Lebensjahr hinter sich gebracht, vielleicht war er auch noch jünger. Auf jeden Fall hätte er, selbst bei der vergleichbar kurzen Lebensspanne eines Nords, noch einige Jahre vor sich haben können, hätte er sich für ein anderes Leben entschieden. Sein Gesicht, soweit Nephelle das beurteilen konnte, war hübsch, für einen Mann seiner Rasse. Vielleicht hätte er Kinder haben können, eine schöne Frau gefunden, ein ruhiges Leben geführt. Vielleicht hätte er sich irgendwann für das Bauern- oder Händlerleben entschieden und hätte diese Gruppe hier verlassen, um sesshaft zu werden. Man würde es nie erfahren. Seine Augen starrten nun nur leer Nephelle entgegen und der Ausdruck in seinem Gesicht würde, bis zu dem Tag wo er nicht mehr als Gebeine war, einer überraschten Fratze gleichen. Die Dunmer, die seinem Gesicht so nahe war, das man hätte meinen können, sie würde ihm jeden Moment einen Kuss auf den halb geöffneten Mund geben, senkte irgendwann den Blick. ‚Ich hätte weiter gehen können…‘ Ein leichtes Kopfschütteln, fast verborgen unter der Kapuze. ‚Nein, das wäre sicher mein eigener Tod gewesen…‘ Mit einer vorsichtigen Geste strich sie dem "Jungen" über die Augen, um diese zu schließen. Es dauerte einige Augenblicke, ehe sie ihre Fassung zurück gewonnen und neuen Willen gesammelt hatte.

Sie begann die Ausrüstung und die Taschen des Mannes zu durchwühlen. Viel mehr als das Schwert hatte er nicht bei sich, nur noch einige Goldmünzen in seiner Tasche. Nichts, außer der Waffe war für sie wirklich von Wert. Mit etwas Mühe löste sie den Gurt an der Taille des Mannes, an dem die Scheide des Schwertes befestigt war. Ein lebloser Körper war bei weitem nicht so leicht und einfach zu bewegen, wie einer, in dem noch ein Hauch von Leben steckte.

Während sie sich den Gürtel um ihre eigene Hüfte zu binden begann, hörte sie wieder die Tür zu dieser Höhle im Berg zuschlagen. Einen Moment lang war nichts zu hören, dann: „Wulfgard?“ Einige Atemzüge lang herrschte wieder Ruhe. Sekunden in denen Nephelle sich so leise wie nur möglich mit dem Rücken zu dem Toten und dem Gesicht in jene Richtung drehte, aus der ein Angreifer auf sie zu kommen konnte. „Hey, Wulfgard?! Hast du wieder einen Fuchs gehört?“ Ein höhnisches Lachen, das abrupt beendet wurde und worauf ein „Was bei…?“ folgte. Wieder war das leise Scharren eines Schwertes zu hören, dann wurde es still. Und selbst wenn man Schritte hätte hören können, so wären diese vom pfeifenden Geräusch des Windes verschluckt worden.

Nephelle hockte mit gebanntem Blick in ihrer Ecke hinter dem Felsen, drückte ihren Rücken immer mehr an die noch warme Leiche des Mannes hinter sich. Sie wusste, das Blut in den Schnee geflossen sein musste, wusste auch, dass das Schleifen der Leiche Spuren im Schnee hinterlassen haben musste, die der Wind in der kurzen Zeit noch nicht verweht haben konnte. Diese Spuren würden den Mann direkt zu ihr führen, er würde um diese Ecke kommen, die sie wie gebannt anstarrte. Sie griff nach dem Schwert, das sie in den Schnee neben sich gelegt hatte, um den Gürtel fest machen zu können und hob es vor sich. Es sah nicht wirklich gekonnt aus, wie sie die Waffe in einem leichten Winkel empor hielt, doch besser wusste sie sich in diesem Moment damit nicht zu helfen.

Es dauerte nur einige weitere Momente, ehe die Dunmer eine schattenhafte Gestalt um die Ecke kommen sah und das erste was sie tat, ohne auch nur eine weitere Sekunde zu zögern, war es, das Schwert in einer heftigen und kraftvollen Bewegung von unten her in den unvorbereiteten Körper des Mannes zu bohren. Noch mit Entsetzen im Ausdruck über ihre eigene, intuitive Handlung, hörte sie ihn röcheln. Sah sie, wie er mit dem Schwert in der Hand nach ihr ausholte, ehe jede Kraft in ihm versiegte und sein lebloser Körper tiefer in die Klinge sackte, die seine Brust durchbohrt hatte.

Das Gewicht das nun auf dem Schwert und somit auch ihren Armen lastete war zu groß und so musste sie den Griff der Klinge loslassen. Mit einem schwerfälligen Geräusch fiel der leblose Körper an ihr vorbei auf den Boden, ließ die Dunmer schnell und fast etwas erschrocken ein Stück weit zur Seite rutschen. Ihr Atem war schnell und stoßweise und sie spürte, wie ihr Galle langsam aus dem Magen den Hals empor zu kriechen versuchte. Mehrfach musste sie schlucken um nicht der Übelkeit zum Opfer zu fallen, doch dann hatte sie sich wieder gefangen, konnte damit beginnen wieder klar zu denken.

Mit flinken Fingern durchwühlte sie die Taschen des Mannes und versuchte die klaffende und immer noch blutende Wunde, die sich ebenso an seiner Brust, wie auch an seinem Rücken abzeichnete zu ignorieren. Versuchte zu ignorieren, dass die Schwertspitze ein Stück weit aus dem Rücken herausragte. Sein Schwert hatte er nicht fallen gelassen, nicht einmal im Moment des Todes hatte er sich von dieser getrennt. Doch Nephelle brauchte sie, wollte die andere Klinge nicht wieder aus seinem toten Körper heraus ziehen. Zu groß war ihr Ekel vor dem, was sie dabei empfinden oder sehen könnte.

So öffnete sie mit ein wenig Gewalt den Griff des Toten um den Knauf der Waffe und schob diese am Ende in die Halterung an dem Gürtel, den sie sich noch wenige Momente vorher umgebunden hatte. Wie ein Leichenfledderer fühlte sie sich, doch wusste sie auch dass sie diese Dinge brauchen würde, wenn sie durch diese Tür in das Innere der Höhle gehen wollte.

Ein letzter, missmutiger Blick auf die beiden Toten erfolgte, ehe sie sich mit einem energischen Ruck erhob und sofort wieder von einer heftigen Windböe erfasst wurde. Mit noch ein wenig wackeligen Knien bewegte sie sich auf die Tür zu, die noch zuvor von dem zweiten Mann durchquert worden war und plötzlich stockte sie, als sie etwas über dem Eingang entdeckte. Hier, in dem gering ausfallenden Licht der Laterne konnte sie doch erkennen, was die Abbildung auf dem Holz war.

Eine Frau sollte das Gebilde darstellen mit Blumen in der Hand und vor einem Grabstein stehend. Unter dem Bild stand, in nur noch schwer zu erkennenden Lettern „Zur trauernden Jungfer“ geschrieben. Mit einem halbwegs lächelnden und einem zugleich gequält wirkenden Ausdruck schnaufte die Dunmer einmal kurz aus. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie ihr Ziel erreicht haben würde…


~ Die Wahrheit kann mehr schmerzen, als jede Lüge zuvor. ~